Porträt

Frau Professorin gibt Contra

Riffat Hassan, aus Pakistan stammende Theologin mit Wohnsitz in den USA, ist eine streitbare und zugleich traditionsbewusste Dame. Sie verteidigt den Koran gegen frauenfeindliche Überlieferungen. Von Mona Naggar

Riffat Hassan, aus Pakistan stammende Theologin mit Wohnsitz in den USA, ist eine streitbare und zugleich traditionsbewusste Dame. Sie verteidigt den Koran gegen frauenfeindliche Überlieferungen. Von Mona Naggar


Riffat Hassan

​​"Muslimische Männer hören nicht auf zu wiederholen, dass der Islam den Frauen mehr Rechte gegeben hat als jede andere Religion. Sicher, wenn mit 'Islam' der 'koranische Islam' gemeint ist, dann sind die Rechte, die die Frauen bekommen haben, beeindruckend (...)"

Frauen als Opfer der Unterdrückung

"Ein Blick auf die islamische Geschichte und Kultur zeigt jedoch, dass in vielen Gegenden - der Lehren des Koran ungeachtet - Frauen Opfer unterschiedlicher Formen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit sind, oft im Namen des Islam (...). Und viele Regeln, die im Koran mit Frauen zu tun haben, werden in den patriarchalen islamischen Gesellschaften gegen sie benutzt(...)"

So Riffat Hassan in einem Vortrag über Menschenrechte. Ihr Leben und ihre Arbeit bewegen sich gerade in diesem Spannungsfeld: Die Überzeugung von der Gerechtigkeit des Koran auf der einen Seite und die Tatsache, dass diese Schrift oftmals gegen die Frauen verwendet wird, andererseits.

Bereits als Jugendliche im pakistanischen Lahore musste sie sich gegen männliche Dominanz zur Wehr setzen. Ihr Vater wollte sie gegen ihren Willen verheiraten und scheiterte an ihrem Widerstand.

Hassan studierte Anfang der 60er Jahre in England englische Literatur und Philosophie. Anfang der 70er Jahre siedelte sie in die USA um, wo sie an verschiedenen Universitäten unterrichtete. Seit 1976 lehrt sie an der Universität in Louisville/Kentucky Religionswissenschaften.

Hadd-Strafen als Anstoß

Der Anstoß, sich intensiv mit dem Koran zu beschäftigen, kam bei einem zweijährigen Aufenthalt in Pakistan Mitte der 80er Jahre. Der damalige Präsident Zia ul-Haqq trieb seine Islamisierungspolitik weiter voran.

Dazu gehörte die Einführung der sogenannten Hadd-Strafen (die auf dem Koran und den Überlieferungen Mohammeds basierende Körperstrafen). Auch Frauen waren von diesen Gesetzesänderungen betroffen. Die Zeugenaussagen von Frauen sollten bei Hadd-Verbrechen nicht mehr gelten, sogar bei Vergewaltigungen:

"Ich fragte mich, wie war es möglich, ganz offenkundig ungerechte Gesetze zu erlassen, in einem Land, das von sich behauptet, sich sowohl an den Islam als auch an die Moderne gebunden zu fühlen? Die Antwort war so klar, dass ich im ersten Moment erschrak, weil sie mir nicht vorher eingefallen ist. Die pakistanische Gesellschaft - oder jede andere islamische Gesellschaft auch - kann frauendiskriminierende Gesetze erlassen oder akzeptieren, weil die Muslime im allgemeinen die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern als eine selbstverständliche Tatsache ansehen."

Riffat Hassan wurde daraufhin von oppositionellen Frauen um Hilfe bei der Argumentation gegen die Diskriminierung gebeten. Sie beschloß, der Frauenfeindlichkeit des praktizierten Islam und der Muslime auf den Grund zu gehen und begann mit ihren Untersuchungen ganz am Anfang, bei der Schöfpungsgeschichte. Der koranische Text geht bei der Erschaffung des ersten Menschenpaares von der absoluten Gleichheit von Mann und Frau aus.

Trotzdem hat die Frau in der islamischen Theologie einen denkbar schlechten Stand. Jüdische und christliche Vorstellungen tauchen im Gewand von Überlieferungen auf, die Mohammed zugeschrieben werden - z.B. die Überlieferung, dass die Frau aus der Rippe des Mannes erschaffen wurden sei.

Koran ohne Sicht der Hadithe

Dieser angebliche Prophetenausspruch wird von vielen Muslimen als glaubwürdig eingestuft, obwohl er dem Koran klar widerspricht. Nur ein Beispiel von vielen, wie Riffat Hassan meint: "Den Koran durch die Brille der Überlieferungen - Hadithe- zu lesen, ist der Hauptgrund für die falsche Interpretation der Texte, die dann frauendiskriminierend benutzt werden." Ein Satz, der sicher viele Muslime auf die Barrikaden bringt."

Hassan gehört zu zahlreichen intellektuellen Frauen aus der nichtarabischen islamischen Welt, die nicht davor zurückschrecken, Quellen, die jahrhundertelang als ein grundlegender Teil der Religion angesehen wurden, in Frage zu stellen. Sie ist überzeugt von einen Islam, in dem die Gleichberechtigung der Geschlechter eine Selbstverständlichkeit ist.

Mona Naggar

© Qantara.de 2003

Riffat Hassan ist Mitinitiatorin des Network for the Rights of Female Victims of Violence in Pakistan (INRFWP).

Verwandte Themen
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.