Plädoyer für den interreligiösen Dialog

"Die Muslime sollen in Deutschland heimisch werden"

Das Gespräch zwischen den Religionen ist für den deutschen Staat unverzichtbar, schreibt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Es stärke die Basis des Gemeinwesens jenseits von Wahrheitsansprüchen.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble; Foto: AP/DW
"Der interreligiöse Dialog verdeutlicht, dass es jenseits des jeweiligen Wahrheitsanspruchs eine gemeinsame Basis gibt. Ohne eine solche Basis kann es auch keine Anerkennung religiöser Vielfalt geben", meint Innenminister Wolfgang Schäuble.

​​ Wir leben in einer Welt des rasanten Wandels. Der technische Fortschritt der letzten zweihundert Jahre hat unsere Lebensweise grundlegend verändert. Viele meinten deshalb, das Religiöse würde aus unserem Bewusstsein verschwinden.

Tatsächlich erleben wir gerade das Gegenteil: Viele Menschen besinnen sich auf ihre Religion, suchen nach Orientierung und Halt in einer Welt immer schnellerer Umbrüche.

Die Religionen aber tun sich schwer mit dem rasanten Wandel der modernen Welt. Noch schwieriger wird es, wenn Anhänger verschiedener Religionen in einem dicht besiedelten Land leben.

Wenn die Religionen verschiedene Antworten geben und dazu noch unterschiedliche Deutungen einen Anspruch auf Wahrheit erheben, ist das nicht weiter ungewöhnlich. Es kann aber zu sehr verschiedenen Auffassungen führen, nach welchen Regeln sich das Zusammenleben vollziehen soll.

Religiöse Heterogenität als Herausforderung

Religiöse Heterogenität wird dann zur Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb ist der Dialog zwischen den und mit den Religionen für uns alle wichtig. Er ist dem religiös neutralen Staat ein Anliegen, weil das bessere gegenseitige Verstehen einem guten Zusammenleben dient.

Der interreligiöse Dialog verdeutlicht, dass es jenseits des jeweiligen Wahrheitsanspruchs eine gemeinsame Basis gibt. Ohne eine solche Basis kann es auch keine Anerkennung religiöser Vielfalt geben.

Der Staat fördert den interreligiösen Dialog aber auch, weil er in den Religionen eine Quelle von Orientierung und Gemeinschaftlichkeit sieht.

Auch der säkulare Staat ist angewiesen auf die sinnstiftende Kraft von Religion. Nur aus Vernunft ergibt sich auch kein gutes Miteinander. Deshalb haben wir in Deutschland eine säkulare Ordnung, aber keinen säkularistischen Staat.

Unser Religionsverfassungsrecht ist von einer "positiven Neutralität" geprägt. Sie verbindet die wechselseitige Begrenzung der weltlichen und geistlichen Sphäre mit einem positiven Zusammenwirken beider Sphären - zum Wohle des Einzelnen und der Gesellschaft.

Sich in dieser Ordnung zurechtzufinden, fällt vor allem in Deutschland relativ neuen Religionen wie dem Islam nicht leicht. Erschwert wird die Integration der Muslime in westlichen Staaten auch durch die oft negative Wahrnehmung des Islam.

Impulse durch den christlich-muslimischen Dialog

Die wenigsten Deutschen verbinden mit dieser Religion positive Werte. Ein Grund dafür sind Extremisten, die sich auf den Islam berufen. Sie machen nur eine kleine Gruppe unter den Muslimen aus, aber offenbar erwarten viele Menschen eine deutlichere Abgrenzung vom Extremismus und ein stärkeres Eintreten für unsere Demokratie.

Runder Tisch bei der Deutschen Islamkonferenz; Foto: dpa
"Die Muslime in Deutschland müssen sich nach dem geltenden Recht organisieren, wenn sie sich voll einbringen wollen", so Wolfgang Schäuble.

​​Ein weiterer Grund sind soziale Konflikte, die sich am Bau von Moscheen oder am Kopftuch entzünden. Und schließlich irritieren Widersprüche zwischen unserer Werte- und Rechtsordnung und einigen Aussagen in den islamischen Quellen.

Das ist natürlich nicht nur ein Problem des Islam. Auch die christlichen Kirchen brauchten Zeit, bis sie die Demokratie nicht nur akzeptieren, sondern aus dem christlichen Menschenbild heraus begründen konnten. Heute steht der Islam vor der Herausforderung, sich zu modernisieren.

Der christlich-muslimische Dialog kann dabei wichtige Impulse für eine hier in Deutschland stattfindende innerislamische theologische Auseinandersetzung mit Themen wie Säkularität, Menschenwürde oder auch Gleichberechtigung geben.

Die Kirchen können Erfahrungen vermitteln - ob in der Seelsorge, der Betreuung von Unfallopfern, bei der Bestattung oder bei Fragen der Selbstorganisation.

"Die Muslime sollen in Deutschland heimisch werden"

Dass die Muslime in Deutschland hier heimisch werden, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Der deutsche Staat will, dass sie Institutionen gründen, die in unserer freiheitlichen Ordnung verankert sind.

Die Muslime in Deutschland müssen sich nach dem geltenden Recht organisieren, wenn sie sich voll einbringen wollen. Die Deutsche Islam-Konferenz hilft ihnen dabei, indem sie Lösungen erarbeitet, etwa für den islamischen Religionsunterricht oder das islamische Bestattungswesen.

Ob in der Deutschen Islam-Konferenz oder im täglichen Miteinander: Wir alle sollten uns um ein gutes Verhältnis zwischen den Religionen und ihren Anhängern bemühen. Dann wird mehr religiöse Vielfalt uns nicht nur bereichern, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land stärken.

Wolfgang Schäuble

© Stuttgarter Nachrichten 2009

Qantara.de

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Theologisches Forum Christentum – Islam
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