Palmyra Verlag

Von Arafat bis Zappa

Der Palmyra Verlag von Georg Stein wurde im November 2004 fünfzehn Jahre alt. Das Konzept eines Sachbuchverlags mit den Bereichen Rock/Weltmusik und Arabische Welt hat sich bewährt. Martin Zähringer stellt den Verlag vor.

Verlagsleiter Georg Stein, Foto: www.palmyra-verlag.de
Verlagsleiter Georg Stein

​​Bis jetzt hat der Palmyra Verlag bereits 22 Titel zum Bereich Arabische Welt herausgebracht, im Frühjahr 2005 wird eine neue Arafat-Biografie von Amnon Kapeliuk erscheinen. Außerdem hat sich beim Verlagssitz das nützliche Nahost-Archiv Heidelberg etabliert.

Das Spannende an diesem Verlag ist eine publizistische Linie, die man in Sachen Kulturvermittlung und Dialog getrost als wünschenswertes Leitbild betrachten kann. Es zeichnen sich drei Traditionen ab.

Thronsturz der Experten

Aufsehen erregte der "Thronsturz der Medienexperten". Der Orient-Wissenschaftler Gernot Rotter hatte in seinem bissig-satirischen Bericht über "Allahs Plagiator" (1993) und "die publizistischen Raubzüge des Nahostexperten Gerhard Konzelmann" nicht nur dessen umfassende Praxis des Plagiats aufgedeckt, er hat auch gezeigt, dass Konzelmann – ausgezeichnet mit Bundesverdienstkreuz und sogar dem Adolf-Grimme Preis - nicht einmal die arabische Sprache beherrschte.

Eine Fortsetzung der akademischen Kritik am Medienexpertentum findet im Sammelband "Das Schwert des Experten" mit Beiträgen des Hamburger Forschungsprojektes "Konzeltour" statt. Der zweite Teil dieses Begriffs ist vom Namen des "Nahostexperten" Peter Scholl-Latour abgeleitet.

Was inzwischen als die generelle Position des "Kulturkampfes" à la Huntington transparent geworden ist, wurde damals noch frisch anhand dezidierter Analysen aufgearbeitet. Kern der Kritik: "Die publikumswirksame dualistische Schilderung der Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen", und "die unpolitische, kulturalisierende Darstellung eines anachronistischen islamischen Fundamentalismus."

Wissen aus erster Hand

Der zweifelhaft interpretierenden Perspektive des Kulturalismus stellt der Palmyra Verlag eine Strategie des "Wissens aus erster Hand" entgegen. Diese zweite Tradition wird am Konfliktfall Palästina-Israel deutlich, der die publizistischen Potentiale des Dialogs ausreizt.

Amoz Oz etwa bringt ein recht kritisches Vorwort in Ali Qleibos Palästina-Buch "Wenn die Berge verschwinden" (1993). Qleibo beschreibt die Lage, die Sitten, das Leben, Denken und die Kämpfe der Palästinenser in einer Mischung aus literarischem Essay, politisch-historischem Lagebericht und teilnehmender anthropologischer Studie.

In seiner äußerst instruktiven Analyse "Rabin – Ein politischer Mord" (1997) führt Amnon Kapeliuk in die israelische Situation ein. Kapeliuk verweist auf die tiefere Bedeutung dieses politischen Mordes - die innere Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft, in der ein zunehmender religiöser Fundamentalismus den Mord an Yitzhak Rabin erst ermöglicht habe.

Der investigative Zugang produziert hier eine entschiedene Kritik an der israelischen Politik. Ebenso entschieden ist die Kritik von Edward Said an der politischen Führung der Palästinenser. "Frieden in Nahost?" (1997) ist eine Abrechnung mit Arafat und seiner Führungsriege in Sachen Friedensprozess; in Sachen Arafat ist das jedoch nicht die einzige Position im Verlagsprogramm.

Den Konflikt Israel-Palästina thematisieren auch die Bücher des israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery sowie Danny Rubinsteins Arafat-Biografie und vor allem das Nahostlexikon von Gernot Rotter und Schirin Fathi.

Mahmoud Darwischs Interview-Band "Palästina als Metapher" (1998) gehört zu den besten und eindruckvollsten Zeugnissen eines intellektuellen und künstlerischen Denkens, das sich zwischen Kunst und Politik zu bewegen hat.

Ein Forum für arabische Intellektuelle

Die dritte Verlagstradition ist die gezielte Öffnung zu einem Forum für arabische Autoren. Sehr hilfreich ist hier das "Lexikon arabischer Autoren" (2004) von Khalid Al-Maaly und Mona Naggar, das zum ersten Mal in deutscher Sprache die wesentlichen Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts in Einzeldarstellungen vorstellt.

Das Buch "Die Arabische Welt. Zwischen Tradition und Moderne" (Hg. Khalid Al-Maaly, 2004) versammelt 19 Beiträge bekannter arabischer Autoren zu den aktuellen Entwicklungen in der arabisch-islamischen Welt. Im Vorwort wird konstatiert, dass die arabischen Intellektuellen in ihrer jeweiligen Heimat wenig Gehör finden. Es ist im Sinne eines wirklichen Dialogs entscheidend, dass sie hierzulande wahrgenommen werden.

Auch zum Konfliktbereich Irak liegt ein Sammelband mit Beiträgen sowohl deutscher wie arabischer Autoren vor, in dem das analytische Potential eines zielgerichteten euro-arabisch-islamischen Dialoges sichtbar wird (Kai Hafez/Birgit Schäubler – Der Irak, 2003).

Ebenso setzt "Ein Tag im September. 1.9.2001" (Hg. Georg Stein/Volkhard Windfuhr, 2002) auf die interkulturelle Potenz, wenn man darunter einmal die doppelperspektivische Analyse und Annäherung an die Ursachen des Phänomens "Terrorismus" versteht.

Mohammed Arkoun vereint als Autor von "Der Islam. Annäherung an eine Religion" (1999) beide Perspektiven in sich. Der algerische Gelehrte hat 20 Jahre lang an der Sorbonne islamische Ideen- und Kulturgeschichte unterrichtet.

Er kommt mit seiner Initiative zur Neubetrachtung und Belebung der Mittelmeerkulturen besonders nah an die euro-arabisch-islamischen Bemühungen des Barcelona-Prozesses, während Rafik Schami "Mit fremden Augen, 2002" seinen doppelt-fremden und umso scharfsichtigeren Blick auf die deutsche und die arabische Welt wirft.

Es gilt sein Stoßseufzer für beide: "Der Weg der Aufklärung ist bitter und lang." Den Palmyra Verlag sollte man als zuverlässigen Partner auf diesem Weg betrachten.

Martin Zähringer

© Qantara.de 2005

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