Nach dem Massaker in Neuseeland

Den Teufelskreis des Hasses durchbrechen

Der Anschlag in Christchurch hat im Internet neben Ablehnung sowohl Sympathiebekundungen als auch Rufe nach Vergeltung provoziert. Wo der Hass dominiert, scheint die Vernunft keine Stimme mehr zu haben. Dieser barbarische Akt hat destruktive Kräfte entfesselt, die lange unter der Oberfläche verborgen lagen, schreibt der jordanische Publizist Mousa Barhouma.

Die Ideen, die den ideologischen Nährboden für den Terroranschlag in Neuseeland bilden, müssen dringend bekämpft werden. Sonst können sie zu neuen Religionskonflikten führen. Denn das Attentat von Christchurch ist eine allerletzte Warnung vor dem Ende einer Idee der Koexistenz verschiedener Religionen.

Die Fundamente für religiöse Koexistenz zu legen, war keine leichte Aufgabe für die Weltgemeinschaft. Eigentlich sollte diese Idee noch besser verankert werden, um die Welt vor den Schrecken, den Gräueltaten und den Kriegen zu bewahren, die sie in der Vergangenheit im Namen der Religion heimgesucht haben.

Aber die Zukunftsvision des 28 Jahre alten Attentäters aus Christchurch sieht ein anderes Szenario vor.  Er spielt dazu in seinem Manifest auf das Lied „Remove Kebab“ an. „Remove Kebab“ war zunächst ein anti-muslimisches Lied serbischer Kämpfer im Bosnienkrieg.

Heute ist es eine beliebte Referenz in rechten Kreisen und steht symbolisch dafür, „die Invasion Europas durch den Islam zu beenden“. Als eine Art Glaubenssatz verwenden vor allem junge Anhänger rechtsextremer Agitatoren im Westen „Remove Kebab“, die aus ideologischer Überzeugung Hass gegen Muslime verbreiten.

Diese Ideologie zeigt sich auch deutlich im dem wirren Manifest von Brenton Tarrant, das er unter dem Titel “Der große Austausch“ (The Great Replacement) kurz vor dem Anschlag an Medien und führende Persönlichkeiten verschickt hat.

Inspiriert ist das Manifest von einer Verschwörungstheorie, die unter Rechtsextremisten weit verbreitet ist. Sie bezieht sich auf den französischen Publizisten Renaud Camus und dessen Vorstellung, dass die „europäischen Völker“ durch Zuwanderung und eine höhere Geburtenrate unter Migranten ausgetauscht werden sollen.

Camus gilt als ein Vordenker der extrem rechten französischen Partei Front National von Marine Le Pen. Aus seiner Verschwörungstheorie vom „großen Austausch“ ist mittlerweile ein weit verbreitetes Schlagwort zahlreicher radikaler Gegner von Migration geworden.

Mitglieder der Identitären Bewegung 2016 bei einer Demo in Berlin. Foto: Imago
Mythos vom "großen Austausch": Die Ideologie eines "Austausches" zeigt sich deutlich im wirren Manifest von Brenton Tarrant. Inspiriert ist das Manifest von einer Verschwörungstheorie, die unter Rechtsextremisten weit verbreitet ist. Sie bezieht sich auf den französischen Publizisten Renaud Camus und dessen Vorstellung, dass die „europäischen Völker“ durch Zuwanderung und eine höhere Geburtenrate unter Migranten ausgetauscht werden sollen.

Trump als „Symbol der erneuerten weißen Identität“

Zwar betont der in Neuseeland geborene Australier Tarrant, dass er sich keiner bestimmten Organisation zugehörig fühlt. Er versteht sich jedoch als Europäer und hat für rechte Gruppierungen gespendet sowie Ideen und Bewegungen unterstützt, die sich gegen die angebliche „Invasion der Muslime“ richten und seiner Meinung nach europäischen Boden zurück erobern wollen. Auch aus seiner Bewunderung für den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, den er für „ein Symbol der erneuerten weißen Identität“ hält, macht der Attentäter keinen Hehl.

Noch sind die genauen Hintergründe des Terroranschlags nicht bis ins Detail geklärt. Wir sollten uns daher auf das konzentrieren, was wir bisher wissen: Den Nährboden für den Anschlag bildet die Ideologie der extremen Rechten im Westen, für die Donald Trump, aber auch Marine Le Pen als Symbole stehen. Die Niederlage von Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen von 2017 hat offenbar das Motiv für den Angriff auf die beiden Moscheen beflügelt.

Der Attentäter bezieht sich in seinem Manifest aber auch auf den Anschlag von Stockholm vom April 2017. Damals raste in der Stockholmer Innenstadt ein usbekischer Attentäter mit einem Lastwagen gezielt in eine Fußgängerzone und tötete fünf Menschen, darunter ein elfjähriges Mädchen. Der Attentäter, Rakhmat Akilov, bekannte sich laut schwedischer Polizei zum sogenannten Islamischen Staat.

So wie Akilov handelte auch Tarrant als „einsamer Wolf“, wenn auch unter anderen Vorzeichen und noch brutaler. Seine Tat verstand er als Rache an Anschlägen von Tätern wie Akilov. Sie zielte darauf ab, möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten. Auf seinem Twitter-Account schrieb er: „Der Schock nach meiner Tat wird sich auf die kommenden Jahre auswirken, auf Politik und Gesellschaft. Sie wird ein Klima der Angst schaffen, Dinge werden sich ändern. Das war das Ziel.“

Während das Attentat von Akilov in Schweden dem Täter von Christchurch einen Vorwand für sein Handeln lieferte, erweist dieser wiederum den salafistischen Terrorgruppen einen Dienst. Für sie hätte es nicht besser kommen können. Der Islamische Staat (IS) könnte sogar zum Hauptnutznießer dieses unverhofften Geschenks avancieren, das er sicher dankend annimmt.

Mit einer schnellen Reaktion könnte sich die Terrororganisation neues Leben einhauchen, ihre Popularität wieder steigern und ihren Kurs bei denjenigen verbessern, die auf Rache aus sind: Denn die Opfer des Anschlags wurden hinterhältig während des Gebets in der Moschee ermordet. Eine solche Tat brennt sich tief in das kollektive Bewusstsein von einer Milliarde Muslimen ein.

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Leserkommentare zum Artikel: Den Teufelskreis des Hasses durchbrechen

Vielen Dank für Ihren Bericht und Kommentar!. ich lese (fast !)regelmäßig Ihre Seite, da ich mich in einem palästinensischen Projekt engagiere

Gertrud Nehls20.03.2019 | 20:10 Uhr