“Wer die heutige Musikbranche in Nordafrika verstehen will, kommt um eine Person wie ihn nicht herum," sagt  Christopher Silver über Edmond Nathan Yafil.

Muslime und Juden im Maghreb
Spuren einer gemeinsamen Musikgeschichte 

In seinem aktuellen Buch "Recording History“ zeigt der Historiker Christopher Silver, wie sehr die Geschichte von Juden und Muslimen in Nordafrika verbunden ist. Sein Buch ist eine Reise in die längst versunkene Welt der Schellackplatten und einer Musik, die eine ganze Epoche prägte. Interview von Tugrul von Mende

Wie entstand die Idee zu diesem Buch? Was war zuerst da? Ihre Website Gharamophone.com oder das Buch?  

Christopher Silver: Das Buch ist erst am Ende eines langen Prozesses entstanden. Begonnen hat alles in einem Plattenladen in Casablanca – dem Le Comptoir Marocain de Distribution de Disques. Das war im Jahr 2009. Als ich den Laden wieder verließ, hatte sich mein Leben verändert. Denn im Le Comptoir habe ich zum ersten Mal verstanden, dass die Welt der Schallplattenaufnahmen eine ganz eigene ist. Zum einen gibt es eine grenzüberschreitende Hörerschaft, zum anderen die vielen verschiedenen Akteure: Solisten, Sänger, Instrumentalisten, Toningenieure, Talentscouts, die Vertreter der Plattenfirmen, der Vertriebsgesellschaften und viele mehr. 

Im Le Comptoir nahm mich der Inhaber mit auf eine Klangreise durch sein Platteninventar. Die Musik hat mich regelrecht überwältigt. Immer wieder wies mich der Ladeninhaber darauf hin, dass wir gerade ein Stück von jüdischen Musikern hören. Ich war überrascht, wie viele der Künstler Juden waren. Das blieb mir dauerhaft in Erinnerung. Mir war damals, als flüstere mir jemand gelebte Geschichte zu. Was ich hörte, gefiel mir, also kaufte ich eine Reihe von Platten und widmete mich intensiv diesen Klangdokumenten. 

Nach und nach konnte ich Verbindungen zwischen Plattenfirmen, Künstlern, Komponisten und weiteren Details herstellen. Meine Sammlung vergrößerte sich Stück für Stück.

Cover von Christopher Silvers "Recording History" (erschienen bei Stanford University Press)
Der Historiker und leidenschaftliche Plattensammler Christopher Silver zeigt auf, dass die gesellschaftliche Trennung von Juden und Muslimen im Maghreb zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht für die Musikszene der Region gilt. Hier lebten die jüdisch-muslimischen Beziehungen fort. Nicht nur die Musiker blieben miteinander verbunden, auch ein großes jüdisch-muslimisches Publikum kam auf Veranstaltungen weiter  zusammen. 

Schon bald war mir klar, dass sich diese Musik nicht an Landesgrenzen festmachen lässt. Die Platten, auf die ich 2009 in Casablanca stieß, waren selbstverständlich aus Vinyl und stammten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ich wollte aber auch die Welt kennenlernen, die der Vinyltechnologie vorausging, also die Wurzeln der Schallplattenbranche im 19. Jahrhundert. 

Das Ende einer jüdisch-muslimischen Identität

Was hat Juden und Muslime dazu gebracht, gemeinsam Musik zu machen? 

Silver: Juden und Muslime haben gemeinsam Musik aufgenommen, so wie ihre jüdischen und muslimischen Vorfahren bereits gemeinsam musiziert haben. So gesehen, war das nichts Neues. Wenn man weiter in die Geschichte zurückgeht und beispielsweise konkret ein Land wie Algerien anschaut, dann sieht man deutlich, dass das Verhältnis von Meister und Schüler der Schlüssel zur jahrhundertelangen musikalischen Überlieferung war. 

In diesen Meister-Schüler-Beziehungen gab es häufige Wechsel zwischen Juden und Muslimen. Hier gab es keine strikte Trennung nach religiösem Bekenntnis in dem Sinne, dass Juden lediglich Juden und Muslime lediglich Muslime unterrichtet hätten. In der Musik war alles stets miteinander verwoben. Neu für mich war die Erkenntnis, wie beständig diese engen Beziehung bis weit ins 20. Jahrhundert waren. 

Geschichtlich betrachtet gilt das Ende des 19. Jahrhunderts als Ausgangspunkt für die Trennung zwischen Juden und Muslimen. So verlieh Frankreich beispielsweise mit dem Décret Crémieux in Algerien im Jahr 1870 den Juden die französische Staatsbürgerschaft, während der muslimischen Mehrheitsgesellschaft dieses Recht vorenthalten wurde. Nicht wenige Historiker sehen in der gesetzlich verordneten disparaten Entwicklung der beiden Bevölkerungsgruppen das beginnende Ende der jüdisch-muslimischen Beziehung. 

Ganz anders sieht es aus, wenn wir unseren Blick auf das Reich der Musik richten, wie ich in meinem Buch aufzeige und was auch beim Hören nordafrikanischer Musik deutlich wird. Die jüdisch-muslimischen Beziehungen blieben überaus lebendig. Dabei kamen nicht nur die Musiker ständig zusammen, sondern auch ein großes jüdisch-muslimisches Publikum. 

Eine Zeit des Aufbruchs und der Innovation

Wie stark wurde diese Musik vom Westen beeinflusst?  

Silver: Auf nahezu jeder Aufnahme aus dieser Zeit überschneiden sich unterschiedliche Einflüsse. Das ist zum Teil auf die Grenzen der damaligen Technik zurückzuführen. Die Aufnahmen, über die ich schreibe, wurden auf Schellackplatten mit 78 Umdrehungen pro Minute abgespielt.

Pro Seite kommt man so auf drei Minuten Musik. Das Repertoire musste schon aus diesem Grund gekürzt werden. Häufig wurde auch das Tempo der Musik angehoben. Diese Veränderung hört man beispielsweise in den klassischen arabisch-andalusischen Stücken und noch stärker in der Volksmusik. In den klassischen Aufnahmen finden sich plötzlich Instrumente wieder, die es vorher gar nicht gab. Überall sind Klavier und Harmonium zu hören. 

Bei der Volksmusik änderte sich nicht nur die Zusammenstellung der Instrumente, sondern auch die Musik selbst. Aufnahmen aus Tunesien in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen werden oft von Cha-Cha-Cha oder Tango und Jazz gerahmt. Die Künstler wagten Neues. Diese Musik war innovativ und beflügelte dank ihrer Innovation die Fantasie der Menschen. 

Die tunesische Sängerin Habiba Messika (Quelle: Christopher Silver)
Vorbild für künftige Generationen: Habiba Messika handelte nicht nur ihre eigenen Tantiemen aus, sondern war zu einer Zeit, in der es normalerweise nur Exklusivverträge gab, bei mehreren Labels unter Vertrag. Obwohl Frauen wie Messika im Mittelpunkt der Musikszene standen, bleiben sie in der Musikgeschichte häufig unerwähnt. 

Wie würden Sie die Musikszene in Nordafrika in dieser Zeit beschreiben? 

Silver: Es war eine vielseitige und vielschichtige Szene. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert wurde die Schallplatte als etwas ganz neues und außergewöhnliches empfunden. In der Zeit zwischen den Kriegen kursierten in Nordafrika Tausende einzelner Aufnahmen.

Diese Aufnahmen verkauften sich wiederum in Tausenden von Exemplaren. Die Bestseller, also die Aufnahmen mit dem größten Zuspruch, waren subversive, nationalistische oder antikoloniale Aufnahmen, die der Moderne im Maghreb ihre Stimme gaben. 

Zur damaligen Zeit entstand auch die Vertriebsstruktur für Nordafrika. Es wurden Spielhallen errichtet oder bestehende Stätten umgewidmet. Erstmals wurden Stars geboren. Musik war allgegenwärtig. Musik entwickelte sich zu einer boomenden Branche. 

Frauen im Musikgeschäft

Welche Rolle spielte das Geschlecht für den künstlerischen Erfolg? 

Silver: Männer hatten es damals ganz sicher leichter. Sie hatten in den Vertragsverhandlungen Möglichkeiten, die Frauen oft verschlossen blieben. Das Ergebnis waren bessere Vertragsbedingungen und bisweilen auch Erfolgsbeteiligungen in Form von Tantiemen. Doch auch einigen Künstlerinnen gelang es, Tantiemen auszuhandeln. 

So beispielsweise Habiba Messika. Was sie in der Musikbranche erreicht hat, wäre selbst für ihre männlichen Kollegen zu jener Zeit schwierig gewesen. Sie handelte nicht nur ihre eigenen Tantiemen aus, sondern war auch zu einer Zeit, in der es normalerweise nur Exklusivverträge gab, bei mehreren Labels unter Vertrag. 

Künstlerinnen hatten aber ihre eigenen Möglichkeiten, sich durchzusetzen. Dabei gingen sie nicht unerhebliche Risiken ein. Ganz gleich, ob sie mit ihren Liedern die herkömmlichen Geschlechterrollen infrage stellten, ob sie die Hauptrolle in einem rein männlichen Background-Chor spielten oder ob sie freche und gewagte Nummern vortrugen. 

Es gab gefeierte Frauen, die durchaus selbstbewusst über ihre Stimme und über ihre geschäftlichen Aktivitäten entschieden. Dennoch bleiben Frauen in der Musikgeschichte häufig unerwähnt. Sobald wir uns aber der eigentlichen Musik zuwenden, spielen Frauen sofort eine wichtige und einflussreiche Rolle.

"Vieles bleibt noch zu tun"

Welche Schwierigkeiten sind Ihnen bei der Suche nach Künstlern begegnet und welche Rolle hat Ihr Archiv beim Verfassen des Buches gespielt? 

Silver: Als ich mit dem Projekt begann, hielten manche es für ein unmögliches Unterfangen, da Musik von Natur aus flüchtig und vergänglich sei. Meine große Aufgabe bestand darin, die Historie wie ein Puzzle wieder zusammenzusetzen. 

Dabei haben mir die recht detaillierten schriftlichen Aufzeichnungen in den Archiven geholfen. Dazu muss man wissen, dass die französischen Kolonialherren in Nordafrika viele Beamte, Bürokraten und Agenten beschäftigten, die die Musik aus verschiedenen Gründen beobachteten. Auch zu diesem Aspekt gibt es noch reichlich Forschungsbedarf. 

Mit der Zusammenstellung der Aufnahmen entstand dann ein eigenes Archiv. Dass es überhaupt Aufnahmen gibt, die die Zeit überlebt haben, ist schon bemerkenswert. Ich habe vor allem gelernt, die gesammelten Objekte zu lesen und bestehende Verbindungen zu erkennen. Einige Informationen sind offensichtlich, wie beispielsweise auf den Etiketten in der Plattenmitte. Andere ergeben sich aus Hinweisen auf der Platte oder der Hülle.

Poster für ein Ramadan-Konzert in Tunis 1934, mit einer Liste jüdischer und muslimischer Künstler (Quelle: Christopher Silver)
Ein Plakat aus dem Jahr 1934 für ein Ramadankonzert mit jüdischen und muslimischen Künstlern: Laut Christopher Silver gibt es noch viel zu entdecken. Im zweiten Band seines Werks wird er sich auf die Spuren der Dekolonisation begeben, "um die Wege dieser Musiker und der nachfolgenden Generationen zu verfolgen, die weltweit zu neuen Zielen aufbrechen“, so Silver. "Ich befasse mich mit Musik und Migration, dem Fortbestand der arabisch-jüdischen Identität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Frage, wie dies unsere Sicht auf die Gegenwart verändern könnte.“ 

So haben manche Sammler festgehalten, wann sie die Platte gekauft haben. Andere haben ihren Namen eingraviert, so wie man es mit Büchern hält, die man verleiht. Das alles verdeutlicht den Wert, den diese Platten für ihre Eigentümer hatten. 

Indem ich die Aufnahmen digitalisiert und auf Gharamophone.com online gestellt habe, konnte ich mit den Nachkommen der Musiker in Kontakt treten. Letztendlich kratze ich damit aber nur an der Oberfläche dieses musikalischen Universums. Vieles bleibt noch zu tun.

Jeder Künstler in Ihrem Buch hat eine eigene Geschichte. Welche hat Sie am meisten beeindruckt und was steht als nächstes an?  

Silver: Mich hat beeindruckt, wie stark diese Welt der Musik und der Aufnahmen verbunden ist. Offensichtlich haben sich Musiker aus ganz Nordafrika, die zuvor nie miteinander gespielt haben, zu Konzertaufnahmen zusammengefunden. Beeindruckt hat mich auch das einflussreiche Wirken des algerischen Komponisten Edmond Nathan Yafil, dem ich im ersten Kapitel meines Buches einen Schwerpunkt widme. Wer die heutige Musikbranche in Nordafrika verstehen will, kommt um eine Person wie ihn nicht herum. 

Eigentlich hatte ich vor, mein nächstes Buchprojekt etwas anderem als der Musik zu widmen. Doch über die Jahre wurde mir klar, dass ich das weder will noch kann. Jetzt arbeite ich sozusagen an der zweiten Hälfte der Geschichte. Mein Ausgangspunkt ist die Dekolonisation.

Ich verfolge die Wege dieser Musiker und der nachfolgenden Generationen, die weltweit zu neuen Zielen aufbrechen. Ich befasse mich mit Musik und Migration, dem Fortbestand der arabisch-jüdischen Identität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Frage, wie dies unsere Sicht auf die Gegenwart verändern könnte. 

Das Interview führte Tugrul von Mende 

© Qantara.de 2022

Christopher Silver, "Recording History: Jews, Muslims, and Music Across Twentieth-Century North Africa", Stanford Universkity Press, 2022

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