Muslime in Deutschland

Integration bedeutet nicht Assimilation

Integrationsfortschritte von Muslimen in Deutschland werden kaum wahrgenommen, beklagen Experten. Stattdessen überwiegen in der Öffentlichkeit Negativbilder von Migranten-Ghettos oder schlechten Schulleistungen türkischer Kinder. Von Vedat Acikgöz

Experten beklagen, dass Integrationsfortschritte von Muslimen in Deutschland kaum wahrgenommen würden. Stattdessen überwiegen in Medien und Öffentlichkeit Negativbilder von Migranten-Ghettos oder schlechten schulischen Leistungen türkischer Kinder. Vedat Acikgöz berichtet

Foto: dpa
Positive Integrationsbeispiele in deutschen Medien immer noch kaum präsent: Deutsch-Kurs für türkische Frauen in Hamburg-Wilhelmsburg

​​Wie viele Deutsche liest auch Jörg Becker fast täglich in der Zeitung, dass die Integration von Einwanderern aus muslimischen Ländern in die deutsche Gesellschaft gescheitert sei. Becker ist Soziologe und Medienwissenschaftler in der westdeutschen Stadt Solingen, und er kann sich über solche Medienberichte nur wundern.

Wo bleiben die positiven Beispiele?

Natürlich kennt auch er die Migranten-Ghettos in den Großstädten und die Probleme, die es in Schulklassen mit hohem Migrantenanteil gibt. Aber wo bleiben in den Medien eigentlich die positiven Beispiele?

Becker zumindest kennt einige. Viele seiner Studenten haben ebenfalls einen "Migrationshintergrund", wie man neuerdings in Deutschland sagt. Und diese oft türkischstämmigen Studenten, meint Becker, seien Beispiele für eine erfolgreiche Integration.

Nur nehme das die deutsche Öffentlichkeit leider kaum zur Kenntnis - weil Leute, die gut integriert sind, eben nicht so sehr auffallen wie solche, die sich schwer damit tun oder Integration bewusst ablehnen.

Trotzdem hinke der deutsche Staat bei der Integration im Vergleich zu europäischen Nachbarländern hinterher, meint der Soziologe: "Das hat zunächst einmal historische Gründe. Deutschland hat sozusagen 40 Jahre lang Kolonien gehabt. Andere Länder dagegen haben hier eine Erfahrung von 400 oder 500 Jahren und haben sich am Kolonialismus auch abgearbeitet. Deshalb steht Deutschland einfach ohne viel kulturelle Erfahrung da", meint Becker.

Historische Integrationsdefizite

Einen weiteren Grund für die schleppende Integration in Deutschland sieht er in der Zeit der NS-Diktatur: "Zweitens kommt die unsägliche Nazi-Zeit hinzu, wo sozusagen per Befehl Ausländer-Kontakte verboten waren. Dieses zusammen zeigt: Deutschland hat hier noch Lernbedarf aus historischen Gründen."

Länder wie Frankreich oder Großbritannien seien nicht zuletzt deshalb in Fragen der Integration weiter als Deutschland, so Becker. Vor allem müsse man hierzulande noch lernen, trotz aller ernstzunehmenden Probleme, Migranten aus muslimisch geprägten Ländern auch als gesellschaftliche Bereicherung wahrzunehmen.

Deutschland müsste das riesengroße Potenzial von Ausländern innerhalb Deutschlands viel ernster nehmen, und zwar im positiven Sinne, meint der Soziologe. Nach wie vor werden Migranten bei uns als Problem definiert - und nie im umgekehrten Sinne sozusagen als Ressource für Reichtum. Was kann ich von denen Neuartiges lernen?"

Diesen Aspekt betont auch Gaby Straßburger, Migrationsforscherin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Sie beklagt, dass neuerdings auch Migranten selbst an der Konstruktion von Vorurteilen beteiligt seien.

Migranten und Vorurteile

Als Beispiel nennt sie ein Buch der türkischstämmigen Autorin Necla Kelek über Zwangsheiraten in türkischen Familien. Die dort verbreitete und von vielen deutschen Medien übernommene These, nach der 50 Prozent aller türkischen Frauen in Deutschland zwangsverheiratet würden, sei falsch. Man müsse zwischen Zwangsheiraten und arrangierten Ehen unterscheiden, so Straßburger, andernfalls würden nur Vorurteile entstehen:

"Die Vorurteile tragen dazu bei, dass die Leute sich vor den Kopf gestoßen fühlen", so Straßburger. "Wenn ich eine Form der Partnerwahl, die in der türkischen Bevölkerung durchaus verbreitet und beliebt ist, völlig diskreditiere, dann ist das ein Schlag ins Gesicht für den größten Teil dieser Gruppe und insofern auch ein Integrationshindernis."

Im Gegensatz zu Zwangsehen hätten die Partner bei arrangierten Ehen trotzdem freie Wahl bei ihrer Entscheidung, betont Straßburger.

Islambild und 11. September

Auch der türkischstämmige Europaparlamentarier Cem Özdemir klagt über Verallgemeinerungen und erschwerte Bedingungen für die Integration. Vor allem, wenn es um das Thema Islam und Muslime gehe. Besonders nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 würden Muslime immer öfter als potentielle Terroristen gesehen, meint er:

"Wenn hier in Deutschland über die Muslime diskutiert wird, werden sie so dargestellt, als ob sie nur einer einzigen Gruppe angehörten", sagt Özdemir. Seiner Ansicht nach würde der Islam nach dem 11. September leider allzu oft mit Osama bin Laden gleichgesetzt.

"In der Öffentlichkeit wird dahingehend ein Bild gezeichnet, dass ein Muslim nur Muslim sein kann, wenn er dieser Gruppe angehört - sonst ist er kein Muslim. Das ist absurd. Und das ist ein sehr gefährliches Bild. Denn das hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun", so der Europaparlamentarier.

Integration bedeutet nicht Assimilation

Solche oft eher indirekt vermittelten Bilder und Meinungen erschwerten vor allem die Integration. Özdemir ist der Meinung, dass die Mehrheit der Migranten in Deutschland ohnehin längst weit besser integriert sei, als in öffentlichen Debatten immer wieder dargestellt werde.

Nur müsse der deutsche Staat auch akzeptieren, dass Integration nicht Assimilation bedeute. Die Menschen hätten ein Recht darauf, ihre eigenen kulturellen Wurzeln zu pflegen.

"Die Menschen geben ihre Wurzeln nicht mehr auf, so wie es früher mal war", so Özdemir. "Früher, wenn ein Mensch nach Amerika ausgewandert ist, wusste er: Es gibt kein Zurück mehr. Heute gibt es Telekommunikation und die technischen Möglichkeiten sind viel größer. Die Menschen können schnell mal in die Türkei fliegen. Viele sind mehrmals im Jahr in ihrer Heimat."

Von den Menschen zu erwarten, ihre Wurzeln aufzugeben, sei deshalb absurd und realitätsfern, meint Özdemir. "Wir müssen daher versuchen, diesen Menschen das Gefühl zu geben, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, aber auch, dass sie ihre Wurzeln nicht aufgeben müssen, dass sie ihre Muttersprache, Religion und Kultur beibehalten können. Das dürfen wir nicht als Widerspruch sehen. Ich kann sowohl ein guter deutscher Staatsbürger und ein guter Europäer sein, dabei aber türkisch als Muttersprache haben. Oder dabei ein guter Jude oder ein guter Muslim sein."

Vedat Acikgöz

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

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