Marwan Kassab-Bachi

Vom Impressionismus zum Expressionismus

Die Ausstellung "Marwan in Damaskus" zeigt zum ersten Mal Werke aus allen Schaffensperioden des in Berlin lebenden, aus Syrien stammenden Künstlers Marwan. Khalil Sweilih hat sich die Bilder in der Damaszener Assad-Pasha-Karawanserei angeschaut.

Der Maler Marwan Kassab-Bachi
Über zwanzig Jahre war Marwan Professor für Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin

​​Die Ausstellung "Damaskus – Berlin – Damaskus" von Marwan Kassab-Bachi in Damaskus bietet eine seltene Gelegenheit, das Werk dieses herausragenden syrischen Künstlers aus der Nähe kennen zu lernen. Diese Ausstellung, organisiert vom Goethe-Institut Damaskus und der Galerie Atassi, beschränkt sich nicht auf seine aktuellen Arbeiten, sondern bezieht auch die frühen in den fünfziger Jahren in Damaskus entstandenen Werke mit ein. Vielleicht sind es diese vom Impressionismus inspirierten Frühwerke, die die Besonderheit seines Werkes aufzeigen.

Geboren 1934 in Damaskus, am Rande der Wüste, malte er zu Beginn vor allem Stillleben, bevor er sich dann in Berlin dem Expressionismus zuwandte. Das Licht, das seine Damaszener Arbeiten beherrschte, wird ein wenig schwächer, seine Farben werden mutiger, neben existenzialistischen Tendenzen entdeckt man ebenso orientalische Einflüsse. Seine Bilder sind Ausdruck einer dunklen Poesie, einer Mischung aus etabliertem Gedächtnis und Anregungen durch den neuen Ort.

Dieser Widerspruch zwischen einerseits einem offenem Raum und andererseits einem Raum, der sehr exakte Vorgaben macht, macht seine visuellen Schöpfungen aus. Deutlich wird dies in seinen Zeichnungen von "Gesichtern" oder, wie er sie nennt, "Gesichtslandschaften". Als bestätigten sie seinen poetischen Blick auf die Welt, betrachtet man jenen äußeren und inneren Schrei, diesen orientalischen Farbgehalt und die Konzentration, ja Beschränkung auf einen zentralen Punkt im Körper, das "Gesicht".

Das Gesicht als Labyrinth

Doch die Gesichter Marwans wiederholen sich nicht, bleiben nicht an einem Punkt stehen, seine Gesichter werden zu vielfältigen visuellen Konstruktionen mit dem zentralen Schauplatz des Gesichtes mit seinen sich wandelnden Oberflächenstrukturen. Sind seine Gesichter in der ersten Phase flächig, durchzogen von abstrakten Zeichen, so zeigen sie heute durch die sich kreuzenden Linien, die eher einem Labyrinth ähneln, nur schwer zu deutende Details.

Das stürzt den Betrachter in erkenntnistheoretische Verwirrung, wenn er die verborgenen Winkel der Landkarte des menschlichen Gesichts wahrnehmen will, denn Marwan Qassab Bashi bemüht sich, zu zerstören und aufzubauen, zu dekonstruieren, indem er Inneres enthüllt, das im Augenblick des Malens hervordrängt, psychische und existentielle Neigungen, die sich der Deutung widersetzen, oder wie Adonis es ausdrückt: Ziel seiner Bilder ist es, über den visuellen Genuss hinauszugehen hin zu einem Genuss, der der Erkenntnis entspringt.

Die Gesichter Marwans sind dem Leid abgerungen durch eine Anhäufung von miteinander verschlungenen Elementen und Farben, die in einem solchen Maße die innere Hölle widerspiegeln, dass die Gesichtszüge zu bloßen Zeichen und Gesten werden, die beim Mund als dem zentralen Punkt enden. Dort türmen sich die Fragen, so als werde binnen kurzem ein unterdrückter Schrei explodieren.

Darauf weist auch der deutsche Kritiker Jörn Merkert hin, wenn er sagt: "All diese menschlichen Formationen stehen in der Mitte eines leeren, erdrückenden Raumes, aus dem die Außenwelt gänzlich verschwunden ist. Dennoch sind sie alle in einer Zwangslage. Man hört sie nicht, so als stünden sie hinter einer Glaswand, die sie von der Außenwelt trennt."

Gesicht über Gesicht

Die Wesen Marwans sind in ihrer endgültigen Form in erster Linie Produkt einer farblichen Intuition. Das zeigt sich daran, dass er sich nicht mehr damit begnügt, nur ein Gesicht auf das Bild zu malen, stattdessen zeichnet er ein zweites umgekehrtes in einem anderen Farbenspiegel.

Manchmal sieht man mehr als drei Gesichter in unterschiedlichen Zuständen, die, wie in den meisten seiner Bilder, aus einer tiefen existentiellen Unruhe bei dem Versuch resultieren, sich eines Momentes zu versichern, um ihn dann zu zerstören. Denn dieser Künstler ist keiner endgültigen Überzeugung verpflichtet, er kämpft mit widersprüchlichen Visionen, deren Auswirkungen sich in den zerstörten Gesichtern zeigen, in den dunklen Farben.

Sie zeigen die Tiefe jener Verzweiflung, die den Hintergrund jener Wesen bildet, die Dichotomie von Präsenz und Abwesenheit, von Leben und Tod, konzentrisch führen sie zum geistigen und farblichen Höhepunkt zugleich. Diese Unruhe deutet der Künstler durch den schichtweisen Farbauftrag im Bild, der den ersten Blick auf das Bild Lügen straft.

"Dieses Vorgehen entspringt in erster Linie der Eingebung, die im Zusammenhang steht mit der Geschichte des Orients, seinen enthüllten und verborgenen Geheimnissen, derer das Sehen nicht habhaft werden kann; eine Vision erscheint, verschwindet und taucht in einem neuen Gesicht wieder auf", so der Künstler und fügt hinzu:

"Der Ursprung meiner Bilder liegt in äußeren Zeichen, die mich emotional berühren, mit ihnen fange ich an, wenn die Bilder in meiner Vorstellung entstehen, um dann eine erste Gestalt anzunehmen auf der Leinwand. Erst dann trete ich in einen Dialog mit den Farben und Formen, um zu einer endgültigen Antwort zu gelangen. Oft empfinde ich Reue, wenn ich zur ursprünglichen Oberfläche meiner Bilder zurückkehre, wie ich sie durch eine neue Vision zerstört habe, so als handele es sich um eine Landkarte von Zerstörung, Vergewaltigung und Trauer."

Eine Welt ohne Landkarten

Der Blick in die Gesichter, die in der Ausstellung im Khan Asaad Pasha hängen, verweist auf viele Möglichkeiten. Sie alle sind nur Vorstellungen, die sich der Gewissheit widersetzen. Denn jedes Mal, wenn der Betrachter sich seiner Referenzen sicher wähnt, zerstört ein emotionaler Stoß diese Sicherheit.

Das Gesicht ist hier "eine Welt ohne Landkarten", in ihm gehen natürliche Grenzen und verborgene Elemente ineinander über, die Farbe erschafft sie, bevor sie der Gedanke durchdringt in einem Zustand fortdauernder Intensivierung, die nicht am Rahmen des Bildes einhält, sondern den ganzen Raum umfasst.

So wirkt das "Portrait Adonis’", das in einer Ecke der Ausstellung hängt, wie ein Widerhall seiner Texte. Gleiches finden wir in dem Portrait Abdarrahman Munifs, den Brüchen seines Gesichts, beherrscht von den Farben Braun und Dunkelrot, das einer rätselhaft verborgenen Wüste ähnelt. Diesen Eindruck bestätigen einige Briefe Marwans an Munif und seine Aquarellskizzen für dessen Romane "Salzstädte" oder "Östlich des Mittelmeers".

Der Betrachter kann die kreative Beziehung zwischen Maler und Romancier erahnen, wenn er einen der ausgestellten Briefe liest: "Ich konnte diese fest verschlossenen Türen nicht öffnen, denn sie verschließen auch Auge und Herz und peinigen die Seele. Der Horizont wird so grau, das Grün verliert seinen Geschmack, hier hilft kein Trost."

Dieser Künstler findet keine Ruhe bei einem Gedanken oder einer Vision, er ist Gefangener der wütenden Metamorphosen auf der Ebene des Bildes selbst, den Brechungen und Strahlungen der Farbe. So wie Joachim Sartorius, der den künstlerischen Werdegang Marwans begleitet hat, es ausdrückte: "Essentiell in Marwans Werk sind die Beziehungen zwischen Farbflächen und –brüchen; der Glanz, wenn auch dunkel, schwimmt im Licht, spiegelt sich wieder und überflutet uns. All seine Bilder sind beinahe abstrakt, erzählen vom Erleiden der menschlichen Existenz, voll lodernden Schmerzes und dem Schock der Erkenntnis."

Khalil Sweilih

Aus dem Arabischen von Michaela Kleinhaus

Der Artikel erschien in der arabischen Zeitung al-Hayat.

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