Mahi Binebines Roman "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt"

Hoffnung auf ein besseres Leben

Mahi Binebines neuer Roman "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" bietet vieles zugleich: Einblicke in das Leben eines Straßenkindes, eine "Coming-of-Age"-Geschichte – und eine Metapher auf das Marokko nach der Arabellion. Von Claudia Kramatschek

Für die einen ist es folkloristische Unterhaltung – für die anderen ist es eine Form, die Existenz zu bestreiten: Die Rede ist von jenen, die tagtäglich auf dem sagenumwobenen Djemaa el Fna in Marrakesch als Gaukler, Zauberer und Akrobaten um die Aufmerksamkeit der Besucher und Zuschauer buhlen.

Bereits Elias Canetti verarbeitete diese irritierend fremde und doch verlockend wirkende Welt in seinem Band "Die Stimmen von Marrakesch". Nun erweist auch der marokkanische Maler und Schriftsteller Mahi Binebine – der 2002 nach langen Jahren in Paris in seine Heimatstadt Marrakesch zurückkehrte und dort noch immer lebt – den Bettlern und Gauklern des Djemaa el Fna seine Reverenz.

Sein jüngster Roman "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" handelt vom Schicksal eines Kindes namens Mimûn, das wortwörtlich von Geburt an als "Genie in der Kunst des Bettelns auf die Welt gekommen" war: Ein Blick in seine Augen – und die Hebamme verzichtete seinerzeit auf ihr Honorar.

Das bittere Los von Straßenkindern – verpackt in einen poetischen Roman

Buchcover Mahi Binebine: "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" im Lenos-Verlag
"Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" ist eine Liebeserklärung des Autors an die Ärmsten und Entrechteten seiner Heimat Marokkos – und eine Aufforderung an seine Landsmänner, sich den anstehenden Herausforderungen einer Zukunftsperspektive noch für diese Ärmsten endlich zu stellen.

Für seine Familie ist Mimûn ein Geschenk Gottes, denn der Vater ist früh verstorben, die Mutter muss für ihre sechs Kinder alleine aufkommen. Das ändert sich mit Mimûns Geburt: Fortan wird er seine Gabe, die Herzen der Menschen zu öffnen, auf dem Djemaa el Fna zum Besten geben – erst als Baby, dann als missgebildeter junger Mann.

Was auf den ersten Seiten wie eine märchenhaft anmutende Erzählung über die Welt der Gaukler und Bettler anmutet, entpuppt sich nämlich als ein Roman, der dem bitteren und schweren Los von Straßenkindern in symbolisch verdichteter Manier huldigt, ohne die Schattenseiten dieses Lebens auszublenden.

Wer Binebines Roman "Die Engel von Sidi Moumen" über eine Gruppe jugendlicher Selbstmordattentäter kennt, wird insofern womöglich erst einmal überrascht sein über den poetischen Ton, der sich hier über alles legt.

Und doch führt der Autor in "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" fort, was er damals begonnen hat: den Kindern der Straße eine Stimme zu geben – ohne sie zu Opfern und ohne sie allein zu elenden Kreaturen zu erklären. Denn natürlich ist Mimûns Schicksal eigentlich todtraurig: Seine Mutter verleiht ihn als Baby an Bettlerinnen – und wird ihn ab dem Alter von drei Jahren am geschäftsschädigenden Wachstum hindern, indem sie ihm rigoros die Gliedmaßen bandagiert. So wird Mimûn zum Krüppel – und sein Geld fortan damit verdienen, dass er seinen missgestalteten Körper zur Schau stellt, sprich die unmenschliche Lust der Menschen am Monströsen bedient.

Leben ist: Kampf

Seinen Platz muss er zudem mit aller Macht gegen die Konkurrenz verteidigen: Mahi Binebine macht klar, dass in dieser Welt allemal nur das Gesetz des Stärkeren gilt, das Leben nichts ist als ein Kampf. Auch die wie nebenbei eingestreuten Lebensgeschichten weiterer Figuren geben davon ohne Pathos und doch eindringlich Kunde: Einer von Mimûns Brüder wird vergewaltigt, ein anderer rächt diese Tat und kommt dafür ins Gefängnis.

Da ist Hadda, einst eine begehrte und schöne Tänzerin, die durch die Missgunst ihrer Kolleginnen ihren Sohn verliert und wahnsinnig wird. Da ist Doktor Hassun, ein pensionierter Krankenpfleger, der sein weniges Geld dafür ausgibt, um den Ärmsten zu helfen, denen der eigene Staat nicht hilft.

Doch wenigstens Mimûns Schicksal ändert sich, als er über einen seiner Brüder einen Mann kennenlernt, der sich seiner annimmt: Monsieur Salvadore, ein emeritierter Professor, gibt ihm fortan Unterricht in Lesen und Schreiben und führt in ein die Welt der Literatur. Sie wird zur Gegenwelt – und ist Rettung vor und Entfremdung von den Seinen zugleich. Zum ersten Mal begehrt Mimûn auf gegen seine älteren Brüder – zum ersten Mal regt sich in ihm der Glaube an die Möglichkeit, dass das Schicksal etwas anderes, besseres, größeres für ihn bereithält.

Ein Held, der alles verliert – und doch etwas gewinnt

Und tatsächlich: Noch einmal dreht der Geschichtenerzähler Binebine am Rad des Schicksals und Mimûn wird, mehr sei nicht verraten, an der Seite einer lebenstüchtigen Schlangenfrau nach Casablanca gehen, die Seinen hinter sich lassen und sich ein eigenes Leben aufbauen.

Doch Binebine – der hier ohne Hemmung griechische Tragödie und fantastisch anmutende Fabulierlust miteinander vermählt – schenkt weder seinem Helden noch uns ein einfaches Happy End: Auch in Mimuns Leben arbeitet das Schicksal letztlich daran, "ihm seine Träume zu stehlen und ihn zu zerdrücken wie ein Insekt". Mimûn wird alles verlieren – und doch etwas gewinnen. Am Ende, nach langen 20 Jahren, kehrt er nämlich zurück in seine Heimatstadt Marrakesch, um sich endlich zu versöhnen mit seiner Mutter und damit mit der Welt, aus der er stammt.

Sich von den Fesseln befreien – mit Hilfe der Kultur

"Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" ist insofern ein Entwicklungsroman, die Geschichte eines "Coming-of-Age" – und zugleich lesbar als eine Metapher für das ganze Land, das sich allzu lange gängeln ließ von denen, die das Sagen hatten, sich dann befreit hat und nun danach suchen muss, sich zu versöhnen mit der eigenen Geschichte.

In dieser Deutung liegt die eigentliche Kraft diesesRomans – der uns sagt: die Bildung, die Kunst kann dafür eine Hilfe, eine Brücke sein. Mahi Binebine weiß das aus eigener Erfahrung: Nach der Verfilmung seines Romans "Die Engel von Sidi Moumen" überlegte er, wie er den Straßenkindern, die er als Darsteller verpflichtet hatte, Gutes tun kann. Er beschloss, ein kulturelles Zentrum zu öffnen, um den ebenso vor Ort agierenden Islamisten ihre Klientel streitig zu machen und den Kindern und Jugendlichen eine andere Welt, einen anderen Horizont zu öffnen.

Dieses Engagement trägt Früchte; allein in Sidi Moumen/Casablanca besuchen rund 1.000 Kinder die Angebote des Zentrums, es folgten und folgen Zentren in weiteren marokkanischen Städten. "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt" ist insofern eine Liebeserklärung des Autors an die Ärmsten und Entrechteten seiner Heimat Marokkos – und eine Aufforderung an seine Landsmänner und -frauen, sich den anstehenden Herausforderungen einer Zukunftsperspektive noch für diese Ärmsten endlich zu stellen.

Claudia Kramatschek

© Qantara.de 2016

Mahi Binebine: "Der Himmel gibt, der Himmel nimmt", Roman, Aus dem Französischen von Hilde Fieguth, Lenos-Verlag 2016, 216 Seiten, ISBN 978 3 85787 466 6

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.