Literaturverlage in Kairo

Eine besondere Form der Moderne

Im Rahmen eines deutsch-ägyptischen Kulturprogramms wurde der deutsche Literaturverleger Axel von Ernst nach Kairo eingeladen, um sich mit seinen ägyptischen Kollegen über die dortige Literaturlandschaft auszutauschen. In diesem Reisebericht schildert er seine Eindrücke.

Die Teilnehmer und Organisatoren des Verlegerworkshops im Goethe-Institut Kairo; Foto: Axel von Ernst
"Klug, gelassen und ziemlich idealistisch": Die Teilnehmer und Organisatoren des Verlegerworkshops im Goethe-Institut Kairo

​​Am Ende hatte der Literaturbetrieb Ägyptens viel mit den Dächern zu tun, die ich von der Terrasse meiner Kairoer Wohnung aus sehen konnte: verstaubt, voller Satellitenschüsseln, ein paar Schutthalden, aus denen Neonwerbung ragt, unfertige Etagen, Nischen mit Campingstühlen und dazwischen eine übermoderne Penthouseterrasse und schließlich noch ein privates grünes Dachparadies. In der Übertragung: Eine besondere, ägyptische Form der Moderne, aber eindeutig Moderne.

Kluge, gelassene Zeitgenossen

Ägyptische Buchverlegerinnen und -verleger zum Beispiel, das stellte ich schnell und angenehm überrascht fest, sind im Grunde genauso wie meine deutschen Kollegen. Sie sind allesamt sehr nette, kluge, gelassene, zeitgemäße und ziemlich idealistische Menschen. Dies kann ich so pauschal behaupten, weil ich mindestens 12 von ihnen persönlich kennengelernt habe, im Rahmen eines deutsch-ägyptischen Kulturprojekts.

Dieses seit 2006 laufende Trainingsprogramm für arabische Verleger hatte das Goethe-Institut zusammen mit der Deutschen Akademie des Buchhandels, der Frankfurter Buchmesse und der Egyptian Publishers Association für eine Laufzeit von drei Jahren organisiert.

Buchtisch mit aktuellen Titeln in der jungen Kairoer Buchhandlung Al Kotob Khan; Foto: Axel von Ernst
Literarische Vielfalt: Buchtisch mit aktuellen Titeln in der jungen Kairoer Buchhandlung Al Kotob Khan ("Das Bücherschiff")

​​Und von der Leiterin der Informations- und Bibliotheksarbeit des Goethe-Instituts, Ute Reimer-Böhner, wurde ich den Verlegern beim letzten Workshop dieser Reihe dort vorgestellt – wobei ich Glück hatte: Gleich am nächsten Tag sollte bei Sherif Ismail Bakr, dem Chef des Verlags Al Arabi, eine Sitzung stattfinden, auf der die Kleinverleger über Kooperationsmöglichkeiten reden wollten.

Bei der Gelegenheit könne ich alle Anwesenden alles fragen, erklärte Sherif, aber ich sollte nicht damit rechnen, allgemeingültige Aussagen zu erhalten. Denn: so viele Verleger es gäbe, so viele Vertriebsformen gäbe es im Grunde auch, ebenso wie verschiedene Geschäftsmodelle – der eine zum Beispiel (und er zeigte auf einen Kollegen) spare an der Qualität, um Gewinn zu machen; und der andere (und er zeigte auf eine Kollegin) verzichte auf größere Gewinnspannen zugunsten der Schönheit der Bücher. Darauf folgte schallendes Gelächter von allen.

Die "Raupe Nimmersatt" in Kairo

Die Verlegerin mit den schönen Büchern und der geringeren Gewinnspanne lernte ich dann am nächsten Tag bei dem Treffen der Kleinverleger näher kennen: Es handelt sich dabei um die sehr sympathische Balsam Saad, die in ihrem jungen Kinderbuchverlag Al Balsam unter anderem das weltberühmte Kinderbuch "Raupe Nimmersatt" verlegt.

Sie machte große Augen, als ich ihr erzählte, dass in Deutschland praktisch jeder Kindergarten ein Exemplar davon hätte, wovon hier in Ägypten ganz und gar nicht die Rede sein kann: in nur sehr wenigen Buchhandlungen gibt es das Buch, und Balsam Saad reist persönlich umher, um einzelne Jugendeinrichtungen davon zu überzeugen.

Ein Literaturbetrieb der kurzen Wege

Überhaupt läuft das meiste ausschließlich über den persönlichen Kontakt, Zwischenhändler gibt es nicht. Weil aber 80% aller Bücher nur in Kairo verkauft werden, sind die Wege meist kurz.

Zum Beispiel zu den allgegenwärtigen Straßenbuchhändlern, von denen übrigens auch jeder eine mit Hakenkreuz verzierte Hitler-Biographie im Angebot hat. Und so wie Sherif Bakr, der Gastgeber des Treffens, haben viele Verlage zusätzlich noch eine dem Büro angeschlossene Buchhandlung, in der sie ihre Produkte zusammen mit denen befreundeter Verleger verkaufen.

Daneben gibt es für den Verkauf hauptsächlich nur noch die arabischen Buchmessen, und das Treffen bei Sherif diente unter anderem auch dazu, gemeinsam zu überlegen, wie man in Zukunft einmal gemeinsame Stände dort organisieren könnte.

Neue Dynamik – oder doch Stagnation?

Mohammed Hashem; Foto: Axel von Ernst
Eine Legende unter den ägyptischen Verlegern: Mohammed Hashem

​​Ein spezifisches Problem, das die Weiterentwicklung des Buchvertriebs bisher sehr stark behindert, ist aber: Misstrauen. Wird derjenige zahlen, dem ich meine Ware schicke? Wird derjenige seine Ware schicken, dem ich sie bezahle? Dieses Misstrauen ist besonders in Bezug auf den anonymen Internethandel virulent, der deshalb noch überhaupt keine Rolle für ägyptische Verleger spielt.

Entsprechend gering sind die Auflagen: 500 – 1000 Exemplare werden von einem Titel gedruckt, 3000 verkaufte Exemplare sind selbst für einen großen Verlag schon Mengen von Bestsellerstatus.

Trotzdem gibt es seit knapp zehn Jahren auch große Veränderungen, die die Verleger positiv stimmen: eine Bestsellerliste ist ins Leben gerufen worden, ebenso wie der arabische Booker Prize, es gibt moderne Buchhandlungen mit integrierten Cafés und darüber hinaus auch eine neue, junge Unterhaltungsliteratur (sehr beliebt sind Texte aus Internet-Blogs).

All dieses bringt dem bisher eigentlich nicht sehr angesehenen Buch neue Bedeutung in der ägyptischen Gesellschaft, neue moderne Leserschichten entstehen...

"Kulturell völlig nutzlos"

Trotzdem drängt sich dabei die Frage auf, ob das der Literatur irgendwie weiterhelfen wird. Die Dichtung, der ambitionierte Roman oder das kritische Sachbuch werden natürlich weiterhin nur in sehr engen Kreisen wahrgenommen werden und auch in naher Zukunft kaum für finanziellen Gewinn sorgen. Und eine Förderung von Autoren durch Stipendien oder Ähnliches steht in Ägypten ebenfalls nicht an.

In dieser Hinsicht hat Mohammed Hashem vom Verlag Merit wahrscheinlich recht, wenn er die beschriebene Entwicklung mit Verve und Nachdruck als kulturell völlig nutzlos abtut. Er brauche beispielsweise diese Bestsellerlisten nicht, Bestseller seien schlechte Literatur, und schlechte Literatur könne für nichts gut sein.

Der Verlag Merit – die literarische Zentrale Kairos

Mohammed Hashem ist eine Legende unter den ägyptischen Verlegern; der spätere Besuch bei ihm gehörte zu den Höhepunkten meiner Reise, weil ich damit sozusagen den innersten Kreis der ägyptischen Literaturszene betrat.

Autoren von Rang erscheinen zuerst bei Merit (zum Beispiel Alaa al-Aswani, dessen Romane in aller Munde sind, und der von hier zu einem andere großen Verlag wechselte), aber auch bedeutende Übersetzungen, aus dem Deutschen zum Beispiel Elfriede Jelinek, Uwe Timm und Feridun Zaimoglu.

Mohammed Hashem, Jahrgang 1958, ist ein wunderbar radikaler Kulturmensch, frech, lustig, direkt – und vor allem kompromisslos. Für den 1998 von mehreren Leuten gegründeten Verlag wurde unter anderem der Schmuck seiner Frau versetzt, trotzdem ist das einzige Kriterium für die Veröffentlichung eines Textes dessen kompromisslose Qualität, Gewinnabsicht besteht zuletzt.

Wer bei Merit erscheint, hat als Autor damit ein bedeutendes Qualitätssiegel erhalten. Und weil ich einen wahren Glückstermin hatte, nämlich den Abend eines wichtigen Fußballspiels, versammelten sich sogar einige dieser Autoren während meines Besuches im Verlagssitz.

Namen wurden mir zugeflüstert, die Bedeutung hervorgehoben, Bücher übergeben, die Anzahl der Übersetzungen ins Ausland aufgezählt (Holländisch, Französisch, Italienisch, Englisch, nie Deutsch), und doch saßen sie hier völlig schlicht zusammen und sahen in einem alten Fernseher mit wackliger Antenne Bier trinkend und rauchend Fußball.

Frei von schnöselhaftem Kastendenken

Es hätten auch Taxifahrer sein können, irgendeine affektierte Kulturpose war nicht zu finden. Und zwischendrin kam ein neuer Lyrikband aus der Druckerei, wie alle Merit-Bücher auffällig schön gestaltet, was nicht zuletzt das Verdienst des Mitgründers und Grafikers Ahmed Ellabbad ist.

Das Spiel ging dann leider stimmungsdämpfend für das ägyptische Nationalteam verloren, das Büro leerte sich wieder. Aber später tauchten Jungautoren auf, die auch fürs Fernsehen schreiben. Kleidung, Frisuren und Haltung nun eher New Yorker Clubbars und der Londoner Chillzone entlehnt. Moderne Zeiten schließlich auch bei Mohammed Hashem, der also nichts gegen neue Formen hat, wenn sie Qualität haben.

Großes Engagement und schwierige Bedingungen

Über den Dächern Kairos rekapitulierte ich nachts mit Blick auf den Nil und den ab und zu vorbeischwimmenden bunt funkelnden, musikdröhnenden Booten die Tagesereignisse: Hitze, Staub, Smog und Dauerhupen, der Anschein von Verfall bei jedem Haus, aber auch die großstädtisch gelassene, große Freundlichkeit der Menschen, die Entspanntheit, die dieses wunderbare Durcheinander seltsamerweise erzeugt – all dies hat irgendwie auch Anteil an der literarischen Welt.

Hier werden unter harten Bedingungen mit großem Engagement wunderbare Inhalte produziert, die bisher leider nur in kleinsten Ausschnitten zu uns gelangen.

Und überall scheint Bewegung zu sein, eine besondere Dynamik – hin zu einem modernen Literaturbetrieb. Die richtigen Leute dafür habe ich getroffen.

Axel von Ernst

© Qantara.de 2009

Axel von Ernst, geboren 1971, ist freier Autor und Mitverleger des jungen Lilienfeld Verlages, der sich auf das Wiederentdecken von literarischen Schätzen spezialisiert hat. Kairo besuchte er im Auftrag des Literaturbüros NRW. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Qantara.de

Interview mit Alaa Al-Aswani
Schreiben aus Nostalgie
Der Roman "Der Jakubijan-Bau" von Alaa al-Aswani ist vor fünf Jahren in einem kleinen ägyptischen Verlag erschienen. Inzwischen ist das Buch in viele Sprachen übersetzt worden und hat mehrere Preise gewonnen. Nun ist "Der Jakubijan-Bau" auch auf Deutsch erschienen. Mona Naggar sprach mit dem Schriftsteller.

Mohieddin Ellabbad
Das Notizbuch des Zeichners
Der Ägypter Mohieddin Ellabbad gehört zu den großen Buchillustratoren und Zeichnern in der arabischen Welt. Seine Werke erscheinen auch im Westen und wurden dort mehrfach preisgekrönt. Jürgen Stryjak besuchte den Künstler in seinem Atelier im Kairoer Stadtteil Heliopolis.

Dossier
Deutsch-arabischer Literaturaustausch
Die Literatur ist immer ein zentrales Medium des Kulturdialogs. Dabei sind es oft Aktivitäten, die im Kleinen, ja Verborgenen stattfinden: Übersetzer und Verleger, die sich am Rande des Existenzminimums um die geliebte fremde Kultur verdient machen. Wir präsentieren deutsche und arabische Initiativen.

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