Kirchen in Syrien nach dem Fall von Ost-Aleppo

Aus der Umklammerung befreien

Christliche Kirchen in Aleppo haben den Sieg der Regierungstruppen begrüßt. Doch nach fünf Jahren Krieg wäre es wichtig, dass sich die Kirchen vom Paradigma des Assad-Regime als Beschützer der religiösen Minderheiten verabschieden und sich konsequent für eine Überwindung religiöser Gegensätze einsetzen. Ein Bericht von Claudia Mende

Der syrische Präsident Baschar al-Assad präsentierte sich nach dem Fall von Ost-Aleppo demonstrativ als Beschützer der christlichen Minderheiten. Offizielle syrische Medien veröffentlichten Bilder von Baschar al-Assad und seiner Frau Asma beim Besuch eines Klosters in Sednaya bei Damaskus an Weihnachten. Patriarchen der in Aleppo vertretenen christlichen Konfessionen begrüßten den Sieg der Regierungstruppen mit Hilfe Russlands und Irans, darunter auch Aleppos melkitischer Erzbischof Jean-Clement Jeanbart.

Jeanbart ist kein Einzelfall; andere einflussreiche Patriarchen wie Gregor Laham, als Erzbischof der griechisch-melkitischen Kirche in Damaskus der ranghöchste Kirchenführer im Land, haben aus ihrer Unterstützung für Assad nie ein Hehl gemacht. In zahlreichen Interviews hat Laham seit Kriegsbeginn das Assad-Regime gegenüber westlichen Medien verteidigt. Kritik an Assad wies er zurück, Syriens Staatschef sei ein "Opfer gezielter Diffamierung" (FAZ vom 4.11.2015). Die Gräueltaten des Regimes wie die Zerstörung großer Teile von Aleppo sind zwar bedauerlich, ändern aber nichts am positiven  Bild vom Regime. Fassbombenangriffe, Chlorgasattacken und das Aushungern ganzer Stadtteile, Zehntausende in den Folterkammern: Kritik daran sucht man bei den Patriarchen vergeblich.

Syriens Christen machten vor dem Konflikt seit 2011 rund zehn Prozent der Bevölkerung aus. Wie viele davon heute noch im Land leben, ist nicht bekannt. Die Christen verteilen sich auf insgesamt elf verschiedene Konfessionen, zu den zahlenmäßig stärksten Kirchen gehören die griechisch-orthodoxe und die melkitische, griechisch-katholische Kirche, letztere ist mit dem Vatikan in Rom uniert.

Angst vor dem Islamischen Staat

Die Christen haben Angst vor den Dschihadisten und suchen bei Assad Schutz. Die Angst vor dem Terror des "Islamischen Staates" und anderer Terrorgruppen ist verständlich, auch angesichts des Schicksals der irakischen Christen. Es gab in Syrien in den letzten Jahren mehrere Morde an Priestern und zwei Bischöfe wurden entführt. Für Assaad Elias Kattan, Professor für Orthodoxe Theologie an der Universität Münster, ist die Haltung der Kirchenleitungen dennoch nicht glaubwürdig. Für ihn sind die Stellungnahmen der Kirchenführer einseitig, nichtssagend und der fundamentalen Krise des Landes nicht angemessen.  "Das ist ein bisschen wie in der Muppet Show", so Kattan. "Die Puppen sagen nichts, selbst wenn sie sprechen."

Feierlichkeiten an Karfreitag in einer Kirche bei Damaskus; Foto: Mende
Die christliche Gemeinde in Syrien fürchtet sich vor Gewaltattacken der Terrormiliz "Daesh". Mönch Jacques Murad gibt jedoch zu bedenken: "Von der Gewalt in Syrien sind alle Syrer betroffen, Muslime und Christen. Vor allem leiden arme Menschen, die nicht die Möglichkeit zur Flucht haben."

Die Kirchenführer fokussieren sich vor allem auf das Leiden der Christen. Doch nicht nur Christen haben gelitten, die große Mehrheit der sunnitischen Muslime im Land hat genauso ihre Opfer zu beklagen. "Christen sind nicht prinzipiell mehr in Gefahr als ihre muslimischen Mitbürger", betont Kattan. "Es gibt nicht per se mehr Opfer unter ihnen als unter Muslimen."

Kattan sieht das Verhalten der Kirchenführungen als einen Rückfall in alte Reflexe aus der jahrhundertelangen Geschichte einer Minderheit, in denen die Christen auf mächtigen Schutz angewiesen waren. In einer existenziell bedrohlichen Krise greifen sie auf diese alten Muster zurück und klammern sich an das Assad-Regime.

Das Paradigma von Assad als dem Beschützer der religiösen Minderheiten müsse aber dringend hinterfragt werden, so der Münsteraner Theologe, der selbst aus dem Libanon stammt. Er wünscht sich von den Kirchen mehr Engagement für Mediation und Initiativen zur nationalen Versöhnung. Sie sollten ihr Gewicht nutzen, um auf politische Reformen zu drängen, anstatt die Gräben zwischen den Religionen weiter zu vertiefen.

Die meisten Opfer sind Muslime

Kattan steht mit seiner Einschätzung nicht allein da. Auch in Syrien selbst gibt es Stimmen, die nach dem Fall von Aleppo dem einseitigen Diskurs der Kirchenspitzen widersprechen. Der Mönch Jacques Murad aus der Klostergemeinschaft Deir Mar Musa betonte in einem Interview mit dem vatikanischen Fides-Dienst, Christen sollten sich nicht als die einzigen Opfer des Krieges darstellen. Das ist umso bemerkenswerter als Murad selbst mehrere Monate vom IS gefangen gehalten wurde, bis er wieder freikam. "Von der Gewalt in Syrien sind alle Syrer betroffen, Muslime und Christen. Vor allem leiden arme Menschen, die nicht die Möglichkeit zur Flucht haben", so Murad über die Evakuierung der östlichen Stadtviertel von Aleppo. "Am meisten von der Gewalt des 'Islamischen Staates' betroffen, waren die sunnitischen Muslime." Zwar seien auch Christen unter den Opfern, "doch es ist nicht richtig und nicht zuträglich, dass die Christen als einzige Opfer des Krieges dargestellt werden. Dies führt nur zu einer weiteren Zuspitzung des Sektierertums".

Syrische Flagge neben der  Saint-Sarkis-Kirche in Damaskus; Foto: Getty Images/LOUAI BESHARA
Politische Instrumentalisierung durch das Assad-Regime: "Tatsächlich aber hat das Regime ausgeklügelte Taktiken entwickelt, um die Minderheiten an sich zu binden und untereinander auszuspielen. Unter einer toleranten Oberfläche gab es schon vor 2011 viel Nichtwissen und Vorbehalte, mit denen die Regierung gezielt konfessionelle Ressentiments geschürt", so Mende.

Seit Beginn des Konflikts hat das syrische Regime jede Gelegenheit genutzt, um sich als Beschützer der religiösen Minderheiten im Land darzustellen. Viele Menschen - auch im Westen - glauben daher, die Herrschaft der Assads sei der Garant für religiöse Vielfalt im Land. Tatsächlich aber hat das Regime ausgeklügelte Taktiken entwickelt, um die Minderheiten an sich zu binden und untereinander auszuspielen. Unter einer toleranten Oberfläche gab es schon vor 2011 viel Nichtwissen und Vorbehalte, mit denen die Regierung gezielt konfessionelle Ressentiments geschürt und die Ängste der Christen vor den Muslimen instrumentalisiert hat.

Aber nicht nur Christen werden auf diese Weise benutzt. Unter den Alawiten haben die Assads seit Jahrzehnten jede Form der Selbstorganisation unterbunden und die Gemeinschaft quasi von innen ausgehöhlt.

Bei den Kirchen ist es dem Regime gelungen, die Spitzen der Hierarchie und große Teile der Gläubigen mit kontinuierlicher Verunglimpfung jeder Form von friedlicher Opposition an sich zu binden. Seit Beginn des Konflikts haben sich die meisten Kirchenführer in einer Art und Weise geäußert, als würden sie im syrischen Staatsfernsehen sprechen. Sie übernahmen die Diktion des Regimes und bezeichneten friedliche Demonstranten von Anfang an als Terroristen oder bewaffnete Kriminelle. Das ging so weit, dass sich Bischöfe in Einzelfällen sogar weigerten, friedliche christliche Aktivisten zu beerdigen, die sich den Protesten angeschlossen hatten und vom Regime umgebracht wurden. So geschehen bei dem Filmemacher Bassel Shahade, der 2012 in Homs getötet wurde.

"Leider gibt es eine Tendenz unter den Christen, sich nicht wie Bürger zu verhalten sondern so, als ob sie eine Gruppe wären, die den besonderen Schutz des Regimes oder einer ausländischen Macht wie Russland oder dem Westen bräuchten", sagt Assaad Elias Kattan. Für ihn sind die syrischen Kirchen gut beraten, sich aus der Umklammerung des Regimes zu befreien und  an einer Vision für ein neues Syrien zu arbeiten. "Alles andere trägt dazu bei, die Gräben zwischen den Religionen weiter zu vertiefen."

Claudia Mende

© Qantara.de 2017

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