Katajun Amirpur:

Prozessiert! Demonstriert! Aber bekennt euch endlich!

Nach dem Mord am holländischen Regisseur Theo van Gogh müssen sich Muslime gegen den Fanatismus stellen, meint Katajun Amirpur in ihrem Kommentar.

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Blumen für den ermordeten Filmemacher van Gogh, Foto: AP
Blumen für den ermordeten Filmemacher Theo van Gogh

​​Richtig ist, schrieb kürzlich eine ägyptische Zeitung, dass nicht alle Muslime Terroristen sind. Aber richtig sei eben auch, fuhr der Kommentator fort, dass immer mehr Muslime Terroristen sind.

Peinlich, aber wahr. Man muss sich fast schon schämen, Moslem zu sein. Weil es Menschen gibt, die im Namen dieser Religion andere töten. Man kann sich hundertmal sagen, dass es sich hier um Missbrauch der Religion handelt, langsam tröstet das nicht mehr.

Seine geschätzten Glaubensgenossen kann man - und zwar auch in Deutschland - nur zurufen: Verinnerlicht endlich die Werte, die nicht umsonst universell heißen, aber von vielen und leider gerade von vielen Muslimen nicht für solche gehalten werden.

Sich zu diesem Staat bekennen

Natürlich darf man nicht alle Muslime unter Generalverdacht stellen, wie das die islamischen Verbände immer wieder befürchten. Aber man darf auch nicht verharmlosen:

Islamistisches Gedankengut breitet sich gerade an den Universitäten immer mehr aus. Zwar predigen die wenigsten Gewalt, aber viele ihrer Ansichten sind schlicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung dieses Landes nicht vereinbar.

Und das ist der Boden, auf dem Fanatismus und Radikalität gedeihen. Zwar ist nicht strafbar, etwas zu denken, das gegen das Grundgesetz verstößt. Aber als Muslimin sollte ich an meine Glaubensgenossen die Forderung stellen dürfen, sich eindeutig zu diesem Staat, seiner Rechtsordnung und seinen Prinzipien zu bekennen.

Meinungsfreiheit muss akzeptiert werden

Denn neben denen, die lauthals undemokratisches Gedankengut in die Welt hinausposaunen, gibt es durchaus auch die Muslime, die diesen Mord leise verteidigen. Die, zwar mit schlechtem Gewissen, aber doch, einräumen, van Gogh hätte den Propheten eben nicht als Päderasten bezeichnen sollen. Und dass van Gogh Muslime als Ziegenficker bezeichnete, sei ja wohl auch zu viel gewesen. So etwas darf man nicht einmal denken.

Es ist völlig irrelevant, ob er hätte oder nicht hätte sollen. In den Niederlanden herrscht Meinungsfreiheit und wer das nicht akzeptieren will, sollte gehen. Wer sich nicht anpasst an den hier herrschenden Wertekanon, der hat hier eben nichts verloren.

Wer sich von van Gogh beleidigt fühlt, der soll gegen ihn prozessieren. So wie das etliche andere auch getan haben, denn seine Häme hat van Gogh ja nicht nur über die Muslime ausgeschüttet.

Über Leon de Winter, dem er vorwarf, sein Jüdischsein zu vermarkten, sagte van Gogh einmal, er wickle sich wohl Stacheldraht um den Penis beim Sex und schreie "Auschwitz, Auschwitz". De Winter ging vor Gericht. So macht man das in einem Rechtsstaat; oder man schreibt dagegen an.

Auch eine Kölsche Wurst

Zu viele meiner Glaubensbrüder haben das noch nicht begriffen. Viele fordern eine Toleranz ein, die sie selbst gegenüber anderen nicht haben. Sie wollen, dass man sie fromm sein lässt und dafür das öffentliche Leben in Deutschland umkrempelt, sind aber nicht bereit hinzunehmen, dass andere anders leben.

Von mir aus sollen Muslime in Deutschland Moscheen bauen, ruhig auch immer höher, auch der Muezzin stört mich nicht; aber sie sollen nicht mich schief ansehen, weil ich in meiner Heimatstadt Köln noch nie eine Moschee betreten habe.

Muslime sollen islamisch geschlachtetes Fleisch kaufen können, aber nicht jene für Sünder halten, die gern mal eine Kölsche Bratwurst essen. Die Muslimin soll ihr Kopftuch in der Schule tragen, auch wenn sie dort als Lehrerin arbeitet; aber wenn sie meine Tochter nur ein einziges Mal fragt, warum ich keines trage, werde ich alles daran setzen, dass diese Lehrerin von der Schule fliegt.

Unkenntnis der eigenen Religion

Vielleicht fühlte sich der Mörder van Goghs tatsächlich beleidigt durch dessen Provokationen in dem Film "Submission". Koranverse hatte van Gogh darin auf geschundene, mit einem durchsichtigen Schleier bedeckte Frauenkörper schreiben lassen.

Aber selbst wenn der Mörder sie als blasphemisch empfunden hat, ist es nicht seine Aufgabe, dieses Verbrechen (das es nach islamischem Recht durchaus ist) zu rächen. Das ist das Vorrecht von Gott im Himmel. Ihm sollte man es lassen und so wurde es in der islamischen Geschichte zumeist gehandhabt.

Das wusste auch Ayatollah Khomeini, als er Salman Rushdie zum Apostaten erklärte - er hatte dafür politische, keine religiösen Motive. Khomeini wusste, dass Blasphemie und Apostasie Vergehen sind, über die Gott allein zu richten hat.

Aber irgendein verblendeter Fanatiker wusste es nicht und deshalb musste Rushdies norwegischer Verleger sterben. Und eine ganze Reihe von Muslimen in den Niederlanden wissen es scheinbar auch nicht, sonst würden sie nicht Ayaan Hirsi Ali, die Mitautorin von van Goghs Film "Submission", als Apostatin bezeichnen und ihr mit dem Tode drohen.

Dummerweise wissen eben viele Muslime nicht besonders viel über ihre Religion. Das macht das Ganze so gefährlich.

Frauenunterdrückung ist eine Tatsache

Und selbst wenn van Gogh irgendwelche Geschmacksgrenzen überschritten haben sollte: Was er in "Submission" angeprangert, die Frauenunterdrückung in islamischen Ländern, ist ja nicht zu leugnen. Mag es provokant sein, wie er darauf hinweist: Muslime - gerade hier in Europa - täten gut daran, sich mit der Tatsache der Frauenunterdrückung auseinander zu setzen anstatt mit dem Provokateur.

Denn es gibt diese Frauenunterdrückung in großem Maße; und auch wenn ihre Ursache eher im Patriarchat liegt, als Argument herhalten muss meist der Koran. Und wer weiß schon in Ägypten, dass der Koran die Klitorisbeschneidung keineswegs vorschreibt.

Hier muss es zu einer Auseinandersetzung mit der Tradition kommen. Wenn manche islamischen Bestimmungen nicht mit den Menschenrechten zu vereinbaren sind, dann muss man sich von ihnen trennen. Hier einem Kulturrelativismus das Wort zu reden und auch noch Verständnis zu haben für Menschenrechtsverstöße - das ist schlicht falsch und keineswegs tolerant.

Koran anders interpretieren

Im übrigen zieht das Argument "Das schreibt der Islam aber so vor" ohnehin nicht, in jeden Vers kann man unzählige Bedeutungen hineinlesen. Nicht ohne Grund hat die islamische Exegese im Laufe der Jahrhunderte mystische, philosophische, linke und rechte Korankommentare hervorgebracht.

Also soll man den Koran heute, im 21. Jahrhundert, so interpretieren, dass er zu Meinungsfreiheit, Menschenrechten und Rechtsstaat nicht mehr im Widerspruch steht.

Deshalb kann man von jedem Moslem, der hier leben will, fordern, dass er sich zu dem hier herrschenden Wertekanon bekennt und nicht eine Toleranz einfordert, die er selber gegenüber anderen Lebensentwürfen nicht zu gewähren bereit ist. Das ist wehrhafte Demokratie und die brauchen wir.

© Katajun Amirpur

Der Text erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 11. November 2004

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