Zu einem wirklich antisemitischen Vorfall kam es im Nahen Osten zuerst 1840 in Damaskus im Milieu katholischer Missionare. Ein italienischstämmiger Mönch war verschwunden, mehrere unter Folter erzwungene Aussagen schrieben sein Verschwinden den Juden zu, die es angeblich auf das Blut des Opfers abgesehen hatten, um Matze zu backen - ein antisemitisches Motiv, das schon aus dem europäischen Mittelalter bekannt ist, und das der französische Konsul ins Spiel brachte.

Die meisten europäischen Staatsbürger standen rechtlich unter diplomatischem Schutz, deshalb konnte der französische Repräsentant die Ermittlungen direkt beeinflussen. Einige Christen spielten das Spiel mit, da sie sich wirtschaftliche Vorteile gegenüber jüdischen Konkurrenten erhofften, während der islamische Gouverneur über Syrien seine Zustimmung zur Vollstreckung der Todesurteile verweigerte.

Die Affäre erregte großes Aufsehen in Europa, und zog eine Kampagne internationaler jüdischer Würdenträger nach sich, die zwar die Freilassung der Verurteilten erwirkte, aber auch die Stimmung zwischen den Religionsgruppen verschlechterte.

Adolphe Crémieux, Lithographie von Faustin Herr, 1840; Quelle: Wikipedia
Adolphe Crémieux – Anwalt und Förderer des Judentums weltweit: Als Sohn eines jüdischen Seidenhändlers aus Nîmes engagierte er sich für die Belange der Juden innerhalb und außerhalb Frankreichs. Als französischer Justizministers trieb er allerdings per Erlass ab 1870 einen Keil zwischen die Religionsgruppen. Mit einem Federstrich machte er alle algerischen Juden zu französischen Staatsbürgern, ohne dass die darum gebeten hätten.

Auch in Nordafrika hatten die Juden unter französischer Kolonialherrschaft mehr von europäischen Siedlern zu befürchten als von ihren muslimischen Nachbarn. Ein Erlass des französischen Justizministers Adolphe Crémieux trieb ab 1870 einen Keil zwischen die Religionsgruppen. Mit einem Federstrich machte er alle algerischen Juden zu französischen Staatsbürgern, ohne dass die darum gebeten hätten.

Im Gegensatz war es für Muslime fast unmöglich, volle Bürgerrechte zu erlangen, obwohl Algerien französisches Staatsgebiet war. Crémieux war auch Mitbegründer der Alliance Israélite Universelle, einer einflussreichen Organisation mit Hauptquartier in Paris, die zuerst in Nordafrika und dann im Osmanischen Reich Schulen betrieb, um die in ihren Augen zurückgebliebene jüdische Bevölkerung nach europäischen Maßstäben zu zivilisieren. So entfremdeten sich die Juden in Sprache, Habitus und Qualifikationen von ihren Nachbarn.

Osmanische Juden als treue Patrioten

Bis zum Zerfall des Reiches blieben die osmanischen Juden dennoch meist treue Patrioten. In Wirtschaft, Politik und Kultur waren Juden, Christen und Muslime eng verbunden, wohnten Seite an Seite in modernen Wohnvierteln, trafen sich in Schulen, Handelskammern und Freimaurerlogen. Nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte die jüngere Generation in Parteien für eine sozialistische Ordnung ohne religiöse Barrieren oder für die Befreiung der arabischen Nation vom Imperialismus.

Die Zahl antijüdischer Übergriffe nahm in den arabischen Ländern in den Dreißigerjahren mit dem Widerstand gegen den Zionismus in Palästina zu. Der Gedanke, Land, das mehr als tausend Jahre lang unter muslimischer Herrschaft gestanden hatte, an Juden abtreten zu müssen, erschien absurd. Noch dazu stand das zionistische Projekt unter dem Schutz des verhassten britischen Kolonialismus.

Als Lord Balfour 1917 in seiner berühmten Erklärung das Wohlwollen der britischen Regierung für die Errichtung einer "jüdischen Heimstätte" in Palästina aussprach, glaubte der britische Außenminister wohl selbst nicht an die Durchführbarkeit.

Es dauerte aber nur zwei Jahrzehnte, bis die Zionisten in Palästina eine komplexe und schlagkräftige Organisation entwickelt hatten. Zahlenmäßiges Wachstum durch Einwanderung erhöhte den Druck der jüdischen Gemeinschaft auf die Palästinenser bis zum Ausbruch der Palästinarevolte 1936. Sie machte die Palästinafrage zu einer gesamtarabischen Sache.

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Leserkommentare zum Artikel: Im Islam gibt es keinen traditionellen Antisemitismus

Mir fehlt in diesem Kommentar der Hinweis auf die Herkunft des Amin al-Husseini und damit die ständige Wühlarbeit Grossbritanniens, die eigenen Interessen zu 'pflegen'. Anscheinend wurden noch um 1900 die europäischen Juden eingeladen, in die arabischen Länder zu kommen, war dort doch damals Aufbruchstimmung und damit Mangel an geschulten Leuten. Das eine Bahnlinie von Berlin bis Bagdad nicht nach dem Gusto der Britten sein konnte, ist zwar verständlich, dass wir aber heute immer noch unter deren begangenen Schweinereien leiden, eher weniger!

M. Haggenmacher24.05.2018 | 10:38 Uhr

Zu dieser Thematik gibt es ja nun im deutschen Sprachraum ausgewiesenere Islamistik-Experten als den Junior-Professor Peter Wien. Statt derlei relativierende Seminar-Papierchen zu verbreiten, könnte quantara ja mal was substantielleres, etwa von Professor Bassam Tibi veröffentlichen. Den kann man seit geraumer Zeit lediglich in Schweizer Zeitungen lesen. In deutschen Medien scheint er Mon grata zu sein. In quantara auch??

Bernd Leber29.05.2018 | 20:59 Uhr