Jemen-Gespräche in Stockholm

Gefangen im zynischen Spiel der Kriegsparteien

Das Problem bei Friedensverhandlungen ist stets, dass die Täter des Krieges die einzige Hoffnung für dessen Ende darstellen. Denn im Falle des Jemen werden sie genau von jenen Kriegsparteien geführt, die das Land in die derzeit größte humanitäre Krise der Welt geführt haben. Karim El-Gawhary kommentiert.

Kriege können auf verschiedene Arten beendet werden: etwa wenn eine überlegene Kriegspartei der unterlegenen ihr politisches Design für die Nachkriegszeit aufzwingt.

Das ist ein mögliches Szenario in Syrien, das Baschar al-Assad mit Hilfe Russlands und des Irans fast vollständig wieder militärisch kontrolliert und das er politisch in seinem Sinne von aller Opposition säubert. Das wäre ein Szenario, das zunächst zwar die Kriegshandlungen beendet, aber ob dies politisch nachhaltig ist, darf bezweifelt werden.

Die zweite Art, wie ein Krieg beendet werden kann, erleben wir derzeit möglicherweise im Jemen. Dort reift scheinbar langsam bei beiden Kriegsparteien, der Regierung Abd-Rabbu Mansour Hadis mit ihren saudischen Unterstützern und den Huthi-Rebellen mit ihren iranischen Sponsoren, die Einsicht, dass dieser Krieg militärisch nicht zu gewinnen ist. Nach fast vier Jahren sinnlosen Krieges sitzen sie nun in Schweden am Verhandlungstisch, in der Hoffnung jeweils dort mehr erreichen zu können als auf dem Schlachtfeld.

Zivilbevölkerung als Opfer des Krieges

Es ist eine menschengemachte humanitäre Katastrophe, die nur von Menschen beendet werden kann. Die jemenitische Zivilbevölkerung sitzt in Schweden leider nicht mit am Tisch. Sie hätte dem Krieg schon längst den Garaus ausgemacht.

Diese Zivilbevölkerung war immer nur eine Spielkarte im zynischen Spiel der Kriegsparteien. Die Regierung und ihre saudischen Verbündeten hatten offensichtlich kein Problem damit, die Bevölkerung, in den von den Huthi-Rebellen kontrollierten Gebieten, regelrecht auszuhungern. Das ist das größte Verbrechen dieses Krieges: Gemäß UN-Angaben verhungert alle zehn Minuten im Jemen ein Mensch.

Aber auch die Huthi-Rebellen sind skrupellos. Sie benutzten die Bilder von hungernden Kindern für ihre eigenen Propagandazwecke und erhofften sich vom Aufschrei der internationalen Hilfsorganisationen einen Vorteil, um ihre Position in diesem Krieg zu verbessern.

Kind steht in den Ruinen von Taiz, Jemen; Foto: Getty Images/AFP
Blutiger Konflikt auf Kosten der eigenen Bevölkerung: Im Jemen herrscht seit 2014 ein Krieg zwischen den von Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten unterstützten Truppen des Präsidenten Abd-Rabbu Mansour Hadi und den Huthi-Rebellen, hinter denen der Iran steht. Nach UN-Angaben wurden bereits mehr als 10.000 Menschen getötet, unter ihnen tausende Zivilisten. Millionen Kinder leiden an Hunger und Krankheiten.

Wie wenig sich beide Seiten tatsächlich um die Kinder scheren, haben sie immer wieder deutlich gemacht. Die Saudis bombardieren Schulen und die Huthis rekrutieren Kindersoldaten. Das Ergebnis: zwei Millionen jemenitische Kinder haben seit Jahren keine Schule von innen gesehen.

Eigeninteresse statt Kooperationsbereitschaft

Jetzt sitzen sie also statt in einem internationalen Gerichtssaal am Verhandlungstisch in Schweden. Und auch dort denken sie zuerst einmal an sich selbst und bringen zunächst ihre Kämpfer in Sicherheit. Sie haben sich bereits geeinigt, Verwundete auszufliegen und gefangene Soldaten auszutauschen.

Wieder stehen die Belange der Zivilbevölkerung erst in zweiter Reihe. Man kann hoffen, dass die Unterhändler dann einen Waffenstillstand rund um den seit Wochen schwer umkämpften Hafen von Hudeida aushandeln. Über diesen Hafen werden 80 Prozent der Hilfslieferungen abgewickelt, von denen Zweidrittel der jemenitischen Bevölkerung heute abhängig sind. Das wäre dann das erste Verhandlungsergebnis, das für die Zivilbevölkerung einen Unterschied macht.

Wenn dann noch die Saudis aufhören zu bombardieren, und die Huthis keine Raketen mehr nach Saudi-Arabien schießen, dann wäre tatsächlich eine Deeskalation erreicht, mit er dann die eigentlichen Friedensverhandlungen um die politische Zukunft des Landes beginnen könnten. Aber davon sind der Jemen und seine Unterhändler noch meilenweit entfernt.

Ach ja, es gibt noch einen dritten Weg zur Beendigung des Kriegs. Internationale Sanktionen gegen alle Kriegsparteien und ein Waffenlieferstopp, damit hätte man das jemenitische Desaster vielleicht schon vorher aufhalten können.

Denn dass der Krieg jetzt fast vier Jahre andauert, liegt auch daran, dass man international in die andere Richtung gesehen hat. Schließlich ist Saudi-Arabien gut fürs Waffengeschäft und die jemenitischen Flüchtlinge kommen nicht nach Europa. Vielleicht gehört die internationale Gemeinschaft hier also auch auf die Anklagebank.

Aber mit Anklagen beendet man keinen Krieg: das können, wie gesagt nur jene, die ihn angerichtet haben.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2018

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