Jüdisch-muslimischer Dialog

Rabbiner und Imame gemeinsam

Juden und Muslime in Europa wollen sich verstärkt gemeinsam zu Wort melden. Es ist eine ganz neue Entwicklung im Bereich der Religionen. Und eine Reaktion auf das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in Europa. Informationen von Christoph Strack

Der Tagungsort ist entlegen. Aber er hat Symbolkraft. In Matera in Süditalien, einer der Kulturhauptstädte Europas 2019, treffen sich von Sonntagabend an jüdische und muslimische Geistliche aus rund 15 Ländern. Sie wollen sich künftig verstärkt gemeinsam zu Wort melden.

"Das ist, glaube ich, in dieser Konstellation ziemlich einzigartig in der Welt. Und es ist eine kleine Blume, die gepflegt und weiter gefördert gehört", sagt Tarafa Baghajati. Der Bauingenieur aus Wien ist einer der prominenteren Imame in Österreich. Mit einigen anderen gründete der heute 58-Jährige 1999 die "Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen" (IMÖ), 2006 folgte die "Plattform Christen und Muslime". Und nun reist er nach Matera.

Es ist ein nicht nur für Europa einzigartiger Schritt. In aller Regel kommen Juden und Muslime nur bei öffentlichen Terminen von politischer Seite, bei Trialog-Veranstaltungen von Christen, Juden und Muslimen oder bei interreligiösen Fachtagungen zusammen. Doch vor drei Jahren gründete sich am König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog (KAICIID) in Wien ein "Muslim Jewish Leadership Council" (MJLC). Zunächst war es ein kleiner Kreis, zu dem von Beginn an der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER), Rabbiner Pinchas Goldschmidt, zählte. Bei einer Reihe von Treffen wuchs Vertrauen, begann ein Austausch.

Hürden in Wien

Derzeit ist das mit saudischem Geld finanzierte und in Fachkreisen trotzdem geschätzte KAICIID in Wien gefährdet. Denn Mitte Juni votierte der österreichische Nationalrat für den Rückzug des Landes aus der internationalen Einrichtung und für die Auflösung des Abkommens, das Wien als Sitz festlegt. Österreich hatte das Zentrum 2012 mit Saudi-Arabien und Spanien gegründet. Nun ist die KAICIID-Zukunft ungewiss.

Und doch steht das Treffen von Geistlichen beider Religionen für eine neue Dimension des jüdisch-muslimischen Dialogs, der in aller Regel vom Nahostkonflikt überschattet ist. Nach Matera kommen Imame und Rabbiner aus ganz Europa: von Irland bis Griechenland und Rumänien, von Litauen bis Portugal.

Blick auf die süditalienische Stadt Matera; Foto: picture-alliance/dpa
Muslime und Juden als Teil der zur europäischen Kultur: Beide Seiten wollten in Matera ein Komitee mit je zwei Muslimen und Juden einsetzen, das sich bei Kontroversen öffentlich äußern und in Brüssel oder in den Hauptstädten von EU-Mitgliedsstaaten Gespräche führen könne.

Die Wahl des Tagungsorts, sagt CER-Generalsekretär Gady Gronich, solle zum einen verdeutlichen, "dass wir zur europäischen Kultur gehören". Zudem habe es vor einigen Monaten auch in Italien, wie in anderen rechtspopulistisch regierten Ländern Europas, eine Initiative gegeben, die Einschränkungen religiöser Praxis bei Schlachtungen und bei der Beschneidung von Jungen angestrebt habe. Diese Pläne seien aber nun vom Tisch.

Sorge vor Rechtspopulisten

Nach Aussage von Gronich belasten solche politischen Bestrebungen, die religiöse Praxis von Juden und Muslimen bei diesen beiden Themen zu beschränken, "die jüdische Gemeinschaft in Europa und gleichzeitig die muslimische Gemeinschaft im Moment sehr". Beide Seiten wollten in Matera ein Komitee mit je zwei Muslimen und Juden einsetzen, das sich bei Kontroversen öffentlich äußern und in Brüssel oder in den Hauptstädten von EU-Mitgliedsstaaten Gespräche führen könne.

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