Szene aus dem Komplex des Sufi-Schreins Moinuddin Chishti im nordindischen Ajmer
Islamischer Fastenmonat Ramadan

Nahrung für Geist und Seele

In der islamischen Mystik ist der Ramadan mehr als nur eine Zeit des vorgeschriebenen Verzichts, sondern bedeutet eine Chance zur inneren Einkehr. Marian Brehmer beleuchtet die spirituellen Dimensionen des Fastenmonats vor dem Hintergrund des Sufismus.

"Ramadan ist der Monat, in dem mit der Kommunikation zwischen Gott und dem Propheten ein neues Licht und eine neue Lebensader zwischen Allah und den Menschen entstanden ist. Immer noch kann jeder daraus einen Nutzen ziehen, der ein Stück davon empfangen möchte.” Mit ruhiger Stimme spricht Muhyiddin Shakoor, ein amerikanischer Psychologie-Professor im Ruhestand, der in der Türkei und den USA lebt, über die Segenskraft des Fastenmonats. Er hält häufig inne, während neben ihm eine Konsekutivübersetzerin nach den besten türkischen Entsprechungen für seine Worte sucht.

Das Publikum besteht aus mehreren hundert Zuschauern, die um halb zehn Uhr abends gerade mit der Verdauung ihres iftar begonnen haben. Das Verlangen nach geistiger Erbauung ist im zweiten Pandemie-Ramadan, den die türkische Regierung mit Ausgangssperren und Versammlungsverboten einläutete, groß. Über die Live-TV-Funktion der sozialen Plattform Instagram stillen seit Beginn des Fastenmonats jeden Abend tausende türkische Sinnsucher ihren Hunger nach Seelennahrung, eine Funktion, die sonst das gemeinschaftliche Fastenbrechen oder Zusammenkünfte in dergahs (Sufi-Schreinen) und Sufi-Zentren erfüllen würden.

Bei Instagram sprechen spirituelle Meister, Akademiker und Erforscher der Mystik zu Themen wie geistiges Fasten, Selbstvervollkommnung und zeitgemäße Koran-Interpretation. Das Format beruht auf einer besonderen Gesprächskultur, die dem Sufismus entspringt — dem sohbet. Das Wort sohbet ist abgeleitet vom arabischen suhba (Gefährtenschaft) und beschreibt die Praxis von inspirierter Ansprache im Kreis einer spirituellen Gemeinschaft. Das sohbet verbindet Gruppenkommunikation und Wissensvermittlung mit einer Atmosphäre der bedingungslosen Liebe, wie sie die Sufis in ihren Herzen zu kultivieren versuchen.

Covid-19 hat diese Gesprächskultur, die den anatolischen Sufismus seit Jahrhunderten prägt, in den virtuellen Raum getragen. Allein der Instagram-Account von Sufi Kitap, einem Istanbuler Verlagshaus, das seit 16 Jahren klassische Sufi-Literatur und Werke zeitgenössischer Lehrer der Tradition herausgibt, besitzt eine Anhängerschaft von knapp 30.000 Nutzern. Sufi Kitap veranstaltet mehrmals die Woche ein sohbet, darunter auch das Gespräch mit Psychologie-Professor Shakoor, der beim Verlag zwei Tagebücher über seinen spirituellen Weg herausgegeben hat.

Koranlektüre in der Wazir Khan Moschee, Altstadt von Lahore; Foto: Marian Brehmer
Koranlektüre im Ramadan: "Wenn die Wiederholung von koranischen Formeln beim Gebet kein Automatismus auswendig heruntergeleierter Mantren ist, dann dient sie der unmittelbaren Anbindung der Seele an das Göttliche,“ schreibt Marian Brehmer. Nach muslimischer Überlieferung begann die Offenbarung des Koran in einer der letzten Nächte des Ramadan. "Mithilfe von Meditation über Klang und Bedeutungsgehalt der Suren strebt der Sufi sein eigenes Offenbarungserlebnis an, damit ihm der innere Sinn des Gotteswortes unmittelbar zuteil wird.“

Reinigung von Geist und Seele

Wer schon einmal gefastet hat — und sei es nur um abzunehmen — der hat den entschleunigenden Effekt dieser Praxis kennengelernt. Nicht nur unser Verdauungssystem fährt dabei herunter, sondern auch das nicht endenwollende Gedanken-Karussell in unserem Kopf. Doch während der modernen Wellnessindustrie mit ihren Detox-Rezepten ein spiritueller Rahmen gänzlich fehlt, ist das Ramadan-Fasten in erster Linie als Reinigung von Geist und Seele gedacht.

Nach der Rückkehr aus Syrien wurde der berühmte Sufi-Heilige Rumi (1207-1273) von seinem Mentor Borhanuddin Tirmidhi in die Klausur geschickt. Statt einer Woche, wie es der Lehrer angewiesen hatte, soll Rumi gleich 40 Tage fastend in Gebet und Meditation verharrt haben. Die Einkehrtage bereiteten den jungen Jalaluddin Mohammad (damals trug er den Beinamen “Rumi” noch nicht), der in Aleppo an einer namhaften Hochschule islamische Rechtslehre und Koranexegese studiert hatte, auf den mystischen Pfad vor. Denn Buchwissen allein, so heben die Sufis hervor, ist nicht nur unzureichend auf dem spirituellen Weg. Es kann mitunter sogar den Weg zu eigentlichem Wissen verbauen — jenem Wissen, das die Frucht von unmittelbarer mystischer Erfahrung ist, und die Gewissheit des Herzens mit sich bringt.

Jahrzehnte später dichtete Rumi, nun auf dem Höhepunkt seiner menschlichen Potenzialentfaltung angekommen, im Masnawi, seinem wichtigsten poetischen Werk: “Die ursprüngliche Nahrung des Menschen ist Gottes Licht; Tiernahrung ist ihm unbekömmlich / Doch wegen Krankheit ist sein Geist dem verfallen, dass er tags und nachts dieses Wasser und Lehm speisen muss.”

Nun ist Rumi weit entfernt von der Askese der weltabgewandten und frugalen Vertreter des frühen Sufismus, die ihr Leben anstrengenden Exerzitien widmeten. Schließlich überwiegen Freude, Hoffnung und gottzugewandte Ekstase in seinen Versen, besonders in den liebestrunkenen Ghaselen (eine lyrische Gedichtform) seiner Schrift Diwan-e Schams, die von Rumis metaphysischen Erfahrungen künden.

Und doch empfiehlt Rumi den Verzicht auf physische Nahrung so deutlich wie keine andere spirituelle Praxis. Das Fasten, so schreibt der US-amerikanische Sufismus-Forscher William Chittick in seinem Buch “The Vision of Islam”, sei die persönlichste und spirituellste unter den fünf Säulen des Islam, ein Test, wie ernst es die Menschen mit ihrer Religion meinten.

Viele Muslime rund um den Globus, die derzeit vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang Speis und Trank entsagen, sehen in ihrem Verzicht nicht nur eine verordnete Geduldsprobe. Sie nehmen den Ramadan als kostbare Gelegenheit wahr, um ihre sonst nach außen gerichteten Sinne nach innen zu kehren und — in Rumis Worten — für Gottes Licht empfänglich zu machen.

Dattel und Wasser mit drehendem Derwisch im Hintergrund
Mit einem Glas Wasser und eine Dattel beenden die Gläubigen traditionell nach Sonnenuntergang das Fasten. Durch den Verzicht auf Nahrung während des Tages fährt nicht nur das Verdauungssystem des Menschen herunter, sondern auch das Gedankenkarussell im Kopf, wie Marian Brehmer schreibt. Deswegen liegt Fasten heutzutage im Trend. "Doch während der modernen Wellnessindustrie mit ihren Detox-Rezepten ein spiritueller Rahmen gänzlich fehlt, ist das Ramadan-Fasten in erster Linie als Reinigung von Geist und Seele gedacht.“

Das “Fasten des Geistes”, welches der Gelehrte Al-Ghazali (1055 - 1111) als “Fasten der Auserwählten” bezeichnet, verlangt eine genaue Beobachtung der eigenen Gedanken und Verhaltensmuster. Die Sufis sprechen vom Fasten der Augen und Ohren, von Zunge und Händen: Sie wenden ihre Augen und Ohren von allem ab, was ihr Gottesgedenken schwächt, unterlassen Tratsch und negative Worte, vermeiden Streitigkeiten und nutzen ihre Hände zum Dienst an den Mitmenschen.

Schärfung des Gottesbewusstseins

Ziel des einmonatigen Verzichts ist nicht etwa eine Demütigung des Körpers, sondern die Schärfung des Gottesbewusstseins, indem die eigene Aufmerksamkeit von außen nach innen gelenkt wird. Das Wort “Ramadan” stammt von der arabischen Wurzel r-m-d ab, welche die Hitze der glühend heißen Sonne beschreibt. Die “Hitze” des Ramadan, so die etymologische Auslegung, bringt das “unreife” Individuum von innen heraus zum Kochen — ein Verb, das Rumi gerne für den spirituellen Entwicklungsprozess des Menschen verwendet.

Neben der Kultivierung von Geduld, Genügsamkeit und Empathie für Hungerleidende lädt der Ramadan dazu ein, das eigene Ego zurückzulassen. Dieses wird in der islamischen Mystik zuweilen mit einem unersättlichen Tier verglichen. Der Entzug von physischer Nahrung nimmt der  “befehlenden Seele”, der nafs al-‘ammara, ein Stückweit ihren Brennstoff, gebietet ihrer List Einhalt. Sie gilt in der Sufi-Psychologie als Götze, die wir tagtäglich neben Gott aufstellen. Als Götzenanbeter in den Fängen unseres innewohnenden Tyrannen leben wir im Zustand der Trennung von Gott, wobei uns dieser doch eigentlich — wie es der Koran versichert — näher ist als unsere eigene Halsschlagader. So nah, dass das einzige Hindernis nur wir selbst sein können.

Das Fasten unterbricht diesen Gewohnheitstrott, es reißt uns aus dem “Schlaf der Unwissenheit” (khāb-e gheflat auf Persisch). Während die Gedanken des Fastenden immer wieder zum Essen wandern, können in dieser Zeit der Einkehr die unerkannten Egomuster — unser “Schatten”, wie es Carl Gustav Jung genannt hat — deutlicher zutage treten. Ein bewusst erlebter Ramadan lädt zur Selbstbeobachtung ein. Er hilft dabei, negative Gedankenstrukturen und selbstsüchtige Tendenzen zu entdecken und zu korrigieren. Die Sufis nennen dies muhasaba, eine Form der Selbstbuchhaltung.

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