Islamische Kunst

Bilder – ein Gegenentwurf des Islam

Obwohl wir glauben, das Gegenteil zu wissen, ist der Islam in Wirklichkeit keine anti-ikonische Religion. Im Laufe der Geschichte hat er immer auch Bilder hervorgebracht. Heute muss die künstlerische Kreativität der verabscheuungswürdigen Flut visueller Informationen widerstehen, die von den Dschihadisten produziert wird. Von Asiem el Difraoui und Antonia Blau

Nirgendwo im Koran lässt sich ein Bilderverbot finden. Wie von Oleg Grabar, dem großen Historiker islamischer Kunst, betont wird, ist der Islam nicht ikonoklastisch eingestellt. Er ist zwar in dem Sinne anikonisch, dass zwar während bestimmter Perioden seiner Geschichte insbesondere sunnitische Bewegungen bildhafte Darstellungen göttlicher Schöpfung vermieden haben. Diese haben aber keine gewalttätigen Bilderzerstörungen betrieben.

Eigentlich ist der Eindruck, Muslime würden Bilder ablehnen, erst in jüngster Zeit entstanden. Dies liegt an der Barbarei des "Daesh" (des "Islamischen Staates"), die sich nicht nur gegen Menschen richtet, sondern auch gegen die Wurzeln seiner eigenen arabisch-islamischen Kultur, was durch die Zerstörung der präislamischen arabischen Stadt Hatra oder der sumerischen Stadt Niniveh deutlich wird.

Diese Barbarei hat allerdings nichts mit der Kultur des Islam zu tun. Wenn sich Muslime gelegentlich von bildhafter Darstellung distanziert haben, geschah dies nicht, weil das Heilige Buch es verboten hätte. Beispielsweise wollten sich die ersten Generationen der Gläubigen nicht des Götzendienstes schuldig machen. Hatte nicht immerhin der Prophet Mohammed selbst im Jahr 630 alle Statuen und Götzenbilder in der Kaaba in Mekka zerstören lassen, der heiligsten aller islamischen Stätten?

Darüber hinaus wollten sich die Muslime auch vom Christentum abheben, das zu dieser Zeit in den meisten der eroberten Regionen wie Syrien oder Ägypten immer noch dominant war. Doch auch innerhalb des Christentums war das Thema der bildhaften Darstellung lange Zeit diskutiert worden, bevor dann der Heilige Johannes von Damaskus schließlich den Krieg der Ikonen gewann. Als Kirchenvater und Minister des Kalifen besaß Johannes von Damaskus ein großes Wissen über den Islam. Er versuchte wahrscheinlich selbst, das Christentum vom Islam und sogar vom Judentum abzugrenzen, weshalb er der Kirche erlaubte, ihre Hauptkommunikationsmittel visuell darzustellen.

Suche nach Alternativen zur figurativen Darstellung

Die Suche nach Alternativen zur figurativen Darstellung im sunnitischen Islam lässt sicherlich nicht darauf schließen, dass Muslime keine Bilder erschufen. Nach Experimenten mit Pflanzen- und vor allem Blumenmotiven als Methode zur Darstellung des Paradieses, beispielsweise in Form der fantastischen Fresken und Mosaiken der großen Umayyaden-Moschee in Damaskus, begannen Experimente mit noch größeren Abstraktionen in der Form komplexerer geometrischer Muster.

Ausstellung Islamische Kunst in München; Foto: Deutsche Welle/Salah Soliman
Die Suche nach Alternativen zur figurativen Darstellung im sunnitischen Islam lässt sicherlich nicht darauf schließen, dass Muslime keine Bilder erschufen. Nach Experimenten mit Pflanzen- und vor allem Blumenmotiven als Methode zur Darstellung des Paradieses, beispielsweise in Form der fantastischen Fresken und Mosaiken der großen Umayyaden-Moschee in Damaskus, begannen Experimente mit noch größeren Abstraktionen in der Form komplexerer geometrischer Muster.

Und so hatte im Dar al-Islam, im Haus des Islam, eine ganz besondere Kunst und Kultur ihren Ursprung. Einerseits führte diese Entwicklung in den riesigen islamischen Gebieten zum Entstehen einer Kohärenz und dem Gefühl, zu einer gemeinsamen Zivilisation zu gehören. Andererseits war sie Beweis für die Tatsache, dass der Islam sich gegenüber anderen Kulturen wie der byzantinischen, der persischen und der indischen wirklich geöffnet hat. Belege dafür sind unter den architektonischen Schätzen von Granada, Fes, Kairouan, Kairo, Jerusalem, Damaskus, Samara und auch Herat oder Agra zu finden, um nur einige wenige zu nennen.

Es war allerdings nicht nur die Architektur, die zum Aufblühen der islamischen Kunst und Kultur beigetragen hat. Diese Entwicklung wurde auch durch dekorative Keramik- und Metallobjekte außergewöhnlicher Schönheit gefördert, ebenso wie durch die Wissenschaft, die Kalligraphie und vor allem die große arabische und persische Literatur und Dichtkunst. Großartig illustrierte Werke wie die Sammlung der Fabeln von Kalila und Dimna, die Maqama von al-Hariri, die "Arabischen Nächte" sowie die türkischen und persischen Miniaturen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts belegen die Tatsache, dass Widerstand gegen die Verwendung figurativer Darstellungen sicherlich weit davon entfernt war, die Norm zu sein.

Inspiration für die europäische Kunst

Nach den Kreuzzügen wurde die islamische Kunst zu einer maßgeblichen Quelle der Inspiration für die europäische Kunst. Die Ankunft westlicher Kolonisierer im neunzehnten Jahrhundert wiederum führte dazu, dass sich das Verhältnis der islamischen Welt zur Bildhaftigkeit durch die Einführung moderner figurativer Malerei veränderte. Arabische Künstler begannen damals, zu experimentieren – und nach der Neudefinition ihrer Identität aufgrund ihrer Begegnung mit dem Westen zum modernistischen Diskurs beizutragen.

Von den Porträts des osmanischen Beirut bis hin zum ägyptischen Surrealismus der 1930er Jahre waren die jeweiligen Kunstwerke Zeugen der verschiedenen Interpretationen unterschiedlicher Modernitäten. Gleichzeitig entstand, insbesondere im ägyptischen Kino und in Form des "Hollywood am Nil", eine cinematische Tradition, der die Araber eine große Verehrung entgegen brachten. Auch bei der Konstruktion nationaler Diskurse spielten die visuellen Künste eine Schlüsselrolle, und gleichzeitig trugen sie zum Entstehen einer panarabischen kulturellen Identität bei.

Mediale Überflutung

Heute wird nicht nur die islamische Welt, sondern der gesamte Planet durch das Satellitenfernsehen und das Web 2.0 mit visuellen Informationen überflutet. Solche hohlen und flachen Bilder ersticken die Worte und sagen uns nichts über die grundlegenden Realitäten der arabisch-muslimischen Welt.

Schlimmer noch ist die Verbreitung der abscheulichen Bilder der Dschihadisten in den Medien. Mit ihrer extremistischen Interpretation des Konzeptes der Idololatrie sind diese Dschihadisten die Erben des Wahhabismus, der Staatsdoktrin Saudi-Arabiens, deren Vertreter bereits 1803 und 1804 damit begannen, in Mekka und Medina Monumente zum Gedenken an die Begleiter des Propheten zu zerstören. Sie merzen die Geschichte der Zivilisation aus, die sie für sich beanspruchen, ohne dabei etwas anderes neu zu erschaffen als die Antikultur der Angst.

Und trotzdem produziert die arabisch-islamische Welt eine Vielzahl anderer tiefgehender Bilder. Ihre Erschaffung ist, wie sich Gilles Deleuze ausdrückt, ein Akt des Widerstandes gegen den Tod, und damit auch gegen den kulturellen Tod. Allerdings ist sie auch ein Akt des Widerstandes gegen die reduktionistische Darstellung ausgewählter aktueller Ereignisse, ebenso wie gegen die destruktive, alptraumhafte Propaganda, die von Al-Qaida, "Daesh", Boko Haram und anderen ihrer Art verbreitet wird.

Künstlerische Landschaft im Wandel

Im letzten Jahrzehnt wurden wir Zeuge dessen, wie sich die künstlerische Landschaft der arabischen Welt verwandelt hat. Einerseits wurden große Veranstaltungen (Biennalen und Messen wie die Sharjah-Bienniale und Art Dubai – beide in den Vereinigten Arabischen Emiraten) eingeführt und große Museen eröffnet. Arabische Künstler befinden sich nun auf dem Radar westlicher Kritiker und Kuratoren und sind auf den Märkten, in den Galerien und bei großen internationalen Ausstellungen in aller Welt vertreten.

Andererseits waren es vor allem "die Straße" und ihre Künstler, die bei der Auslösung der enormen Umwälzungen, die als "Arabischer Frühling" bekannt wurden, eine entscheidende Rolle gespielt haben. Visuelle Kunst und Musik sind von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung von Selbstbewusstsein, das man als emanzipatorische Bewusstheit seiner eigenen Macht definieren könnte.

Zeitgenössische Künstler arbeiten auf interdisziplinäre Art und schließen beim Zeichnen im Rahmen ihres eigenen lokalen Zusammenhangs auch die Zivilgesellschaft mit ein. Dichotomien wie "modern gegen traditionell", "national gegen postnational" oder "kolonial gegen postkolonial" lassen sie dabei hinter sich.

Und sogar heute, wo der "Arabische Frühling" teilweise durch "Daesh" oder autoritäre Regimes gekidnappt zu sein scheint, sind diese Künstler weiterhin dabei, Räume zu schaffen, zu definieren und zu verteidigen – Räume, in denen es immer noch möglich ist, zu diskutieren, zu träumen und die Fantasie spielen zu lassen.

In Tunis verbrennen Demonstranten ein Bild von Zine El Abidine Ben Ali; Foto: dpa
Abrechnung mit der verhassten Ben-Ali-Diktatur: Fakhri el-Ghezal dokumentiert in seiner Bilderreihe die Lücke, die durch Ben Ali hinterlassen wird, d.h. die Tatsache, dass keine Porträts von ihm mehr in Rahmen oder direkt an den Wänden in den Straßen von Tunis hängen.

Leere Plätze der Freiheit

Im MUCEM, dem Museum der Europäischen Zivilisationen und des Mittelmeerraumes in Marseille, findet derzeit die Ausstellung "Chokran ya siedete al raiis" ("Vielen Dank, Herr Präsident") statt, eine Bilderreihe des tunesischen Fotografen Fakhri el-Ghezal, der Mitbegründer des "Politik"-Kollektives in Tunis ist. Diese Bilderreihe dokumentiert die Lücke, die durch Ben Ali hinterlassen wird, d.h. die Tatsache, dass keine Porträts von ihm mehr in Rahmen oder direkt an den Wänden der Straßen der Stadt hängen. Leere – nichts als Leere. Allerdings erkennen wir gerade durch die Erforschung dieser Leere, dass diese Plätze nun frei sind und entweder von den Menschen oder durch aufklärungsfeindliche Mächte genutzt werden können.

Ein Kollektiv von elf Organisationen in Ramallah, Jabaa, Jerusalem, Bethlehem und Gaza hat kürzlich in Palästina das /SI:N/-Festival eröffnet. Das Ziel dieser Biennale besteht darin, mitten im Ramadan "Videoproduktion und Performancekunst auf die palästinensischen Straßen zu bringen, damit sie mit dem Leben der Menschen verschmelzen und die Art und Weise erschüttern können, auf die die Menschen die Dinge betrachten und wie sie sich innerhalb der Stadt bewegen".

Unter den ausgestellten Werken aus fünfzehn Ländern ist auch der experimentelle Kurzfilm von Hasan Tanji mit dem Titel "Sweat", der 2009 gedreht wurde und Bilder des Lebens im Yarmouk-Flüchtlingslager in Syrien aufgreift, dem Schlachtfeld, auf dem heute die Tyrannei Assads oder des "Daesh" ausgetragen wird. Der Regisseur selbst ist in Yarmouk aufgewachsen und bringt die Betrachter in die ungewöhnliche und unangenehme Lage, zu erkennen, wie es ist, dauerhaft Flüchtling zu sein. So gewinnt man einen tiefen Einblick von der gegenwärtigen Situation.

Gegenentwürfe zur visuellen Barbarei des "Daesh" und der Diktatoren wie Assad sind in der Tat vorhanden. Sie müssen allerdings sichtbar und hörbar gemacht werden. Damit dies geschieht, werden in der arabisch-islamischen Welt neue ästhetische Formate benötigt, und die Kreativität – darunter insbesondere die der visuellen Künste – muss unterstützt werden.

In den meisten Fällen befinden sich die arabischen Künstler in einem schwierigen Umfeld, das durch Konflikte, Zensur, sozialen und politischen Druck sowie durch neoliberale Zwänge bestimmt ist. Ein Hindernis ist ferner die Logik der Kulturfinanzierung und der kulturellen Maßnahmen, die entweder unzureichend praktiziert werden oder gar nicht existieren. Daher ist die freie Bewegung von Künstlern, von Kunst und Ideen von entscheidender Bedeutung.

Asiem el Difraoui und Antonia Blau

© Qantara.de 2015

Der Schriftsteller und Politikwissenschaftler Asiem el Difraoui ist der Verfasser von "Carnet egyptiens" (Ägyptische Tagebücher, PUF, 2014) und "Al-Qaida par l'image. La prophetie du martyre" (Al-Qaida in Bildern. Die Prophezeiung des Märtyrers, PUF, 2013). Antonia Blau ist Managerin des Verbindungsbüros des Goethe-Instituts in Marseille.

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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Leserkommentare zum Artikel: Bilder – ein Gegenentwurf des Islam

Zitat: "Diese Barbarei hat allerdings nichts mit der Kultur des Islam zu tun."
Genau mit solchen Aussagen habe ich meine Probleme. Es mag sehr viele religiöse Menschen geben, die sich selbst als nicht strenggläubig bezeichnen und irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass diese die noahitischen Religionen für Kulturpflegevereine halten, von denen es ebensoviele geben kann, wie Kulturgesellschaften und Subkulturen. Die beiden größten Religionen der Erde sind missionarische, noahitische Religionen mit Absolutheitsanspruch und Wahrheitsanspruch auf ihre Lehre, nicht mit dem Anspruch ein "Kulturerbe" oder eine unter vielen Lebensphilosophien zu sein..In der Tora/im alten Testament kann man davon lesen, wie "Götzenbilder" zerstört wurden, weil G'tt es befohlen hat (Bsp.: Richter 6,25 ff.). Und auch wenn das "wörtlich verstanden" nicht ganz so eindeutig im Koran steht; es gibt Muslime, die "Kulturerbe" nicht als "Kulturerbe", sondern als "Götzenerbe" wahrnehmen. Sie sind eine Minderheit aber keine verschwindend kleine Minderheit.

Anonymous23.09.2015 | 11:23 Uhr