Isabelle Eberhardt

Schriftstellerin, Nomadin, Feministin

Konträr zum literarisch romantisierten Orientbild des 19. Jahrhunderts bewegt sich die Nomadin und Schriftstellerin Isabelle Eberhardt mit kritischem Augenmerk durch den Maghreb und prangerte neben dem französischen Kolonialismus die festgefahrenen Geschlechterrollen ihrer Zeit an. Von Melanie Christina Mohr

Eigentlich müssten die literarischen Produktionen, das Leben und die Ansichten von Isabelle Eberhardt (1877-1904) viel öfter zur Sprache kommen. Und zwar nicht nur, wenn es um die westliche Orientperspektive im 19. Jahrhundert geht, die damals wie heute von den Berichten männlicher Reisender dominiert wurde und wird, sondern auch oder gerade wenn es um feministische Positionen und die Auseinandersetzung mit den Geschlechterrollen zu jener Zeit geht.

Auch wenn vieles über ihre Person im Verborgenen liegt, ist aus ihren Tagebüchern und dem Reichtum an Notizen, die sie hinterlassen hat bekannt, dass sie 1877 in Genf als fünftes Kind ihrer russischen Mutter geboren wurde und der Name des Vaters Spekulationen unterliegt.

Inspiriert wurde sie von der russischen Feministin und Reiseschriftstellerin Lydia Pachkov und dem Schriftsteller Pierre Loti; letzteren deklarierte sie zeitlebens zu ihrem literarischen Vorbild.

1895, mit gerade einmal 18 Jahren, veröffentlicht Eberhardt unter dem Pseudonym Nicolas Podolinsky ihre erste Kurzgeschichte "Infernalia". Zwei Jahre später reist sie mit ihrer Mutter nach Algerien, nennt sich von nun an Si Mahmoud Essadi und verlagert ihren Lebensmittelpunkt nach dem Tod der Mutter nach Algerien, spricht später von der maghrebinischen Heimat.

Eine den Kolonialismus ablehnende und feministische Stimme

Ihre Beschreibungen aus dem Maghreb unterscheiden sich stark von dem damals vorherrschenden romantisierten Orientduktus, dem sich Literaten und Reisende bedienten. Eberhardt betrachtet die Welt, in der sie sich bewegt, kritisch, nimmt Stellung zu brisanten Themen, verurteilt den französischen Kolonialismus und transportiert ihren Unmut über die festgefahrenen Geschlechterrollen durch ihre literarischen Protagonistinnen.

Isabelle Eberhardt; Quelle: Wikipedia
Echte Freiheit spüren: Isabelle Eberhardt war nicht nur auf der Suche nach sich selbst, sondern unglaublich beeindruckt von Spiritualität, dem Verzicht auf Konsum, der Motivation etwas verändern zu wollen. Ihr lag daran, den Menschen durch ihre literarischen Produktionen ein anderes mögliches Bild zu zeichnen - und zwar von einer Welt, in der Männer und Frauen nicht vordergründig Männer und Frauen sind, sondern Individuen, die keinen gefertigten Bildern entsprechen müssen.

Weibliche Charaktere lässt sie oft in streitbare und für die Zeit extrem anstößige Rollen schlüpfen. Die Entscheidung der fiktiven Achoura, ihren Körper für Geld zu verkaufen, findet Eberhardt nicht verwunderlich, sondern nachvollziehbar, sei es mit die einzige Flucht die Frauen bliebe, wollten sie sich nicht in einer von der Welt abgeschiedenen Ehe wiederfinden.

Ihrem Mann Salimane schreibt sie in einem Brief: "Ja, ich bin deine Frau vor Gott und dem Islam. Aber ich bin keine übliche Fatma oder gewöhnliche Aïcha. Ich bin auch dein Bruder Mahmoud, vorrangig Djilani (Sufi-Orden) und der Diener Gottes, vielmehr also als ein Diener meines Mannes, wie es jede arabische Frau nach der chera (Islamisches Recht) ist".

Entgegen der geschlechterspezifischen Welt

Mit ihrem unverkennbaren und für die damalige Zeit äußerst mutigen Kleidungsstil demonstrierte sie für alle sichtbar ihre Forderung, Menschen nicht auf ihr Geschlecht zu reduzieren. Konsequent trägt Eberhardt einen Burnus, die typische Garderobe nordafrikanischer Männer und entzieht sich der Unterwürfigkeit gesetzter Rollenbilder.

Durch ihr provokantes Äußeres forderte sie ihr Umfeld dazu auf, sich mit den gängigen Geschlechterrollen zu beschäftigen, diese zu hinterfragen und nicht zuletzt den politischen Sinn, Zweck und Nutzen gesellschaftlicher Normen im wahrsten Sinne des Wortes in den Blick zu nehmen. Eberhardt weigerte sich, das zu tun was von ihr erwartet wird und richtet ihren Lebensstil dementsprechend aus.

Immer wieder reist sie über längere Zeit mal zu Fuß und alleine, mal in einer Karawane und in Gesellschaft durch Tunesien, Marokko und Algerien und hält fest "Ich werde mein Leben lang Nomadin bleiben, verliebt in den wechselnden Horizont, in die unerforschten, fernen Orte, denn jede Reise, selbst zu den überfülltesten und viel besuchten Ländern, ist eine Entdeckung".

Frei von Zwängen

Im Nomaden-Dasein fühlt sich die Schriftstellerin frei von Zwängen, in ihrem Tagebuch notiert sie, dass sie nur hier, abseits ihrer Komfortzone "echte Freiheit" spürt. Ihre Art und ihr Äußeres stießen oft auf harsche Ablehnung, es wurde nicht gerne gesehen, dass sich eine Frau in Kaffeehäusern aufhielt, rauchte und Alkohol trank, noch dazu eine, die wie ein Mann daherkam und sich über Politik und Rollenbilder echauffierte.

Isabelle Eberhardt war nicht nur auf der Suche nach sich selbst, sondern unglaublich beeindruckt von Spiritualität, dem Verzicht auf Konsum, der Motivation etwas verändern zu wollen. Ihr lag daran, den Menschen durch ihre literarischen Produktionen ein anderes mögliches Bild zu zeichnen - und zwar von einer Welt, in der Männer und Frauen nicht vordergründig Männer und Frauen sind, sondern Individuen, die keinen gefertigten Bildern entsprechen müssen.

Mit ihrem Anschluss an den Sufiorden Qadiriyya unterstützte sie Hilfsbedürftige und setzte sich mit nicht selten in Gewalt entenden Demonstrationen gegen die französische Kolonialherrschaft zur Wehr.

1904 stirbt Isabelle Eberhardt im Alter von 27 Jahren in einer flutartigen Überschwemmung in Aïn Séfra in der algerischen Provinz Naâma.

Melanie Christina Mohr

© Qantara.de 2019

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