Irakische Flüchtlinge in Schweden

Flucht vor Vertreibung und Gewalt

Noch verfährt Schweden bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Irak recht freizügig. Eine Flüchtlingshochburg ist die Kleinstadt Södertälje, die inzwischen auch als "Little Baghdad" in aller Munde ist. Petra Tabeling hat sich dort umgesehen.

Noch verfährt Schweden bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Irak recht freizügig. Eine Flüchtlingshochburg ist vor allem die Kleinstadt Södertälje, die inzwischen bei der einheimischen Bevölkerung auch als "Little Baghdad" in aller Munde ist. Petra Tabeling hat sich dort umgesehen.

Hossam fühlt sich frei - zum ersten Mal in seinem Leben. Der 24-jährige irakische Student aus Bagdad lebt seit einigen Monaten in Schweden, in der 70.000 Einwohner zählenden Stadt Södertälje, in der Nähe Stockholms.

Und das nicht ohne Grund: Schweden verfolgt bisher eine liberale Einwanderungspolitik, die meisten Asylanträge von irakischen Flüchtlingen wurden bislang problemlos bewilligt, und die Integrationsmaßnahmen der schwedischen Regierung gewähren Flüchtlingen wie Hossam eine finanzielle Unterstützung und ermöglichen das Erlernen der schwedischen Sprache.

Mehr als 20.000 irakische Flüchtlinge haben im vergangenen Jahr Zuflucht in den Ländern der Europäischen Union gesucht, davon alleine 9.000 in dem skandinavischen Land.

Als christliche Minderheit im Irak verfolgt

Im Irak ließ Hossam Krieg und Chaos hinter sich, in Schweden begann für ihn ein neues Leben: "Vor allem, behandelt man dich hier wie ein Mensch", berichtet Hossam. "Hier darf ich das sein, woran ich glaube – ohne dass ich damit jemanden verletze oder mich jemand verletzt."

Im Irak wurde Hossam bedroht, weil er nach dem Sturz Saddam Husseins als Übersetzer für die US-Streitkräfte arbeitete. Doch gerieten Hossam und seine Familie auch ins Visier islamischer Extremisten, weil er zur christlichen Minderheit im Irak zählt.

Etwa drei Prozent der irakischen Bevölkerung, insgesamt 800.000 Menschen, gehören den Chaldäern an, dieser christlichen Religionsgemeinschaft der syrisch-orthodoxen oder der assyrischen Kirche.

Im Irak geraten sie jedoch zunehmend in die Schusslinie islamistischer Extremisten, Anschläge auf Kirchengebäude und auf Priester haben in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen. Laut einer aktuellen Studie der Organisation von assyro-chaldäischen Flüchtlingen im Nordirak sei die Situation im zentralen und südlichen Irak heute dramatischer als befürchtet.

Flucht nach "Little Baghdad"

Auch Hossam floh vor Krieg und Zerstörung aus Bagdad nach Schweden. Hierfür nahm er - wie die meisten irakischen Flüchtlinge - zahlreiche Umwege in Kauf, bis er schließlich nach Schweden gelangte. Sein Ziel war Södertälje, das mittlerweile auch unter dem Namen "Little Baghdad" firmiert, weil in der Kleinstadt südwestlich von Stockholm inzwischen rund 6.000 Iraker leben, die meisten von ihnen Christen.

Dort haben sich viele Netzwerke und Glaubensgemeinschaften gebildet, in den drei katholischen Kirchen in Södertälje werden zusätzliche christliche Messen auf Arabisch abgehalten. Die schwedische Kirche, die wie die meisten EU-Länder einen Rückgang ihrer Kirchgänger zu verzeichnen hat, kann sich angesichts der gut besuchten Gottesdienste in Södertälje nicht beklagen.

Hossam ist mit seinen Freunden und Neffen im Kirchenchor aktiv, beteiligt sich an Gemeindeaufgaben und hilft in einem schwedischen Altenheim als Pfleger aus. Gemeinschaftssinn und Nächstenliebe sind für ihn und seine Freunde nicht nur Grundpfeiler im christlichen Glauben, sondern auch ein Grund, warum er und seine Freunde sich in der schwedischen Gesellschaft so wohl fühlen.

"Ich fühle mich hier integriert und akzeptiert", meint Hossam. Gettoisierung und Abgrenzung erfährt er nicht, auch wenn er in einem Viertel wohnt, in dem heute 80 Prozent der Bewohner irakischer Herkunft sind.

Wenn er auf seine muslimischen Landsleute zu sprechen kommt, zieht Hossam vorsichtige Grenzen: "Natürlich akzeptieren wir uns, aber wir wollen, dass sich die religiösen Konflikte hier nicht wiederholen." Daher geht man bewusst getrennte Wege: Während die meisten irakischen Christen in Södertälje leben, zieht es die irakischen Muslime nach Malmö.

Ende einer liberalen Einwanderungspraxis?

Schweden rechnet auch in diesem Jahr – wie bereits im Vorjahr - mit 20.000 Menschen, die den beschwerlichen Weg aus dem Irak antreten. Doch die Kapazitäten in Schulen und Unterkünften seien bald erschöpft, kritisiert der Bürgermeister von Södertälje, Anders Lago.

Allein Södertälje nahm in fünf Jahren mehr Flüchtlinge aus dem Irak auf als Deutschland, Spanien, Frankreich und Italien zusammen. Der schwedische Migrationsminister Tobias Billström mahnte bereits mehrfach die anderen EU-Länder, die Last gemeinsam zu schultern.

Inzwischen werden die Richtlinien für die Anerkennung der Flüchtlinge sukzessive verschärft: Die schwedischen Einwanderungsbehörden haben vor kurzem beschlossen, Flüchtlinge unter bestimmten Umständen auch in den Südirak oder nach Bagdad abzuschieben. Dann muss ein Flüchtling nachweisen, dass er in seiner Heimat auch persönlich bedroht ist.

Hossam hat Schweden allerdings für sich als neue Heimat entdeckt. Nach seinem Sprachkurs will der junge ambitionierte Iraker Zahnmedizin in Stockholm studieren. Ob er jemals wieder in den Irak zurückkehren wird, bleibt mehr als ungewiss.

Petra Tabeling

© Qantara.de 2007

Qantara.de

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