Sie arbeiten viel mit Metaphern und Vergleichen. Besonders schön war der Vergleich von einem Minarett mit vielen hängenden Mikrofonen mit einem "Rosenstamm mit Dornen". Hat Sie Ihr Aufenthalt in Istanbul besonders dazu gereizt, in Metaphern zu denken und zu schreiben?

Salzmann: Istanbul selbst funktioniert für mich als Metapher, weil die Stadt so viele Jahrhunderte gleichzeitig trägt. Ich bin sehr verliebt in Istanbul, anfänglich wollte ich meine Liebeserklärung aufschreiben. Mir schien dort alles möglich und alles so schwierig. Die Stadt ist ein amorphes Wesen und ich transformierte in ihr. Ich will die Stadt und ihre politische Situation nicht romantisieren, ich weiß, wie ernst die Lage dort ist. Aber vielleicht geht das nicht anders, wenn man liebt.

Die Geschichte eines Jahrhunderts wird über vier Generationen einer Familie erzählt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, außerdem parallel dazu die Erfahrung eines Geschlechterwandels zu beschreiben?

Salzmann: Paul B. Preciado, ein zeitgenössischer Philosoph, hat über seine Erfahrung mit Testosteron gesagt, "Durch meine Venen fließt die Transformation eines ganzen Jahrhunderts" und das hat mich inspiriert. Die Migration zwischen Geschlechtern und Ländern sind miteinander verknüpft. Ich wollte aber mit "Ausser sich" etwas erörtern und verstehen. Ich bin selber nicht cis-ident und ich habe in Istanbul in einer Community gelebt, die hauptsächlich aus Transfrauen bestand.

Mein Blick auf Istanbul war aus dieser Community heraus und ich wollte diese Frauen mitporträtieren. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum es Leute so irritiert, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Ich akzeptiere, dass das gesamte Lebenskonstrukt von manchen auf Zweigeschlechtlichkeit zu basieren scheint. Trotzdem finde ich, das müssen wir verhandeln. Simone de Beauvoir sagte, das weibliche Geschlecht ist gemacht. Das hat eine Denkrevolution ausgelöst. Momentan sind wir bei dem Gedanken, dass nicht nur das weibliche, sondern Geschlecht an sich ein Konstrukt ist.

Mein Roman versucht Fluidität auf allen Ebenen – in der Sprache, im Geschlecht, in Nationen. Die bekannten binären Systeme, in denen wir aufgewachsen sind, wanken komplett. Der Austausch unter den sogenannten Minderheiten nimmt zu. Auch die neuen Technologien haben diese Kommunikation möglich gemacht. Aber dazu gehört auch die Angst der Menschen vor dem Ungewissen, die dazu führt, dass sie die Faschisten wählen. Mein Buch wurde von manchen  als eine Antwort auf diese rechte Bewegung in Europa rezipiert, weil in dem Roman alles vorkommt, wogegen die Rechte wettert. Aber ich habe nicht gegen die Rechte geschrieben. Ich habe überhaupt nicht gegen etwas geschrieben. Ich habe für uns geschrieben, also für die Leute, die nicht bei den Rechten mitlaufen und für alle die, an die ich glaube, und ein Recht auf Existenz und Anerkennung haben.

In dem Roman sagt die Mutter Valja, dass Migration tötet. Es ist sehr nachvollziehbar, dass es von Valja kommt, aber inwieweit stimmen Sie dieser Aussage zu?

Salzmann: Ich habe eine konträre Meinung dazu, aber es stimmt schon, dass sie töten kann. Ich würde sagen, Emigration ist der Versuch zu Überleben. Ich glaube, dass Menschen nur überleben, wenn sie sich weiterentwickeln und dass Bewegung ein Teil der Weiterentwicklung ist. Ich glaube, dass Exil tötet, weil es erzwungen ist und dass man im Exil sehr viel Glück haben muss und sehr viel Hilfe, damit der Prozess nicht innerlich tödlich verläuft. Wenn es ein freiwilliger Akt ist, kann Migration etwas Wunderbares sein, aber eben – sie ist es so selten.

Das Interview führte Noha Abdelrassoul.

© Qantara.de 2019

Sasha-Marianna Salzmann: "Ausser Sich" , Suhrkamp Verlag 2017, 366 Seiten, ISBN: 978-3-518-46926-2

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