Interview mit Rania Mamoun und Elisabeth Jaquette

Aus schierer Lust am Lesen

In ihrem neuen Sammelband "Thirteen Months of Sunrise" erzählt Rania Mamoun zehn Geschichten darüber, was Menschen und Gemeinschaften verbindet. Marcia Lynx Qualey sprach mit Rania Mamoun und ihrer Übersetzerin, Elisabeth Jaquette, die das Buch in ein lebendiges, packendes Englisch übertragen hat.

Frau Mamoun, die erste Geschichte in "Thirteen Months of Sunrise" (deutsch: "Dreizehn Monate Sonnenaufgang") verflechtet amharische und sudanesische kulturelle Merkmale, Rhythmen, Vorlieben, Kleidung und Musik. Ist Ihnen dieses Geflecht aus verschiedenen kulturellen Formen und Genres für Ihre Arbeit wichtig?

Rania Mamoun: Ja. Auch aus meinen anderen Texten sprechen verschiedene Kulturen, obwohl die meisten Schauplätze in Thirteen Months of Sunrise im Zentrum des Landes angeordnet sind, insbesondere in den Städten Wad Madani und Khartum. Der Sudan ist im Kern ein multikulturelles und multiethnisches Land; auch in seinen Sprachen. In einigen Regionen wird Arabisch gesprochen, aber jede Region hat ihren eigenen Dialekt. Gebiete wie das Nuba-Gebirge und Al-Anqsa am Blauen Nil haben ihre eigenen Kulturen, die anders sind als in den übrigen Regionen des Sudan. Sie haben ihre Sprachen, Musik, Geschichten und vielfältige künstlerische Ausdrucksformen. Einige davon spiegeln die Tragödien und mörderischen Kriege gegen die Menschen dort wider.

In dieser kleinen Sammlung verleihen Sie der Kurzgeschichte unterschiedlichste Formen. Gibt es Kurzgeschichtenschreiber, die Sie besonders ansprechen? Warum lesen Sie selbst Kurzgeschichten?

Mamoun: Es gibt viele Schriftsteller, deren Kurzgeschichten mir gefallen, zum Beispiel die südsudanesische Schriftstellerin Stella Gaitano sowie Abdel Aziz Baraka Sakin und Mansour Suwaim. Mir gefällt auch Mohsen Khalids Arbeit. Allerdings hat er seit einiger Zeit nichts mehr veröffentlicht.

Buchcover Rania Mamoun: "Thirteen Months of Sunrise", übersetzt von Elisabeth Jaquette; Verlag: Comma Press
Die sudanesische Schriftstellerin Rania Mamoun erfuhr erst spät von der Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichtensammlung „Thirteen Months of Sunrise“ in englischer Übersetzung. Mamouns erstes Buch in englischer Sprache ging in Druck, als sich die Autorin den revolutionären Protesten im Sudan widmete. Erst als sie kürzlich in die Vereinigten Staaten reiste, wo sie eine Aufenthaltserlaubnis als Schriftstellerin hat, konnte sie ein Exemplar ihrer Kurzgeschichtensammlung in Empfang nehmen.

Was ich an Kurzgeschichten liebe, ist das, was wohl jede Literaturbegeisterte sucht: die schiere Lust am Lesen und die Empfänglichkeit für das Leben der Geschichtenerzähler und deren Kulturen, Orte und Wissensräume. Es ist, als würden wir das Leben all der Charaktere, die wir in einem Buch kennenlernen, zu unserem eigenen kurzen Leben hinzufügen.

In "Thirteen Months of Sunrise" gibt es einen steten Wechsel zwischen geistigen und körperlichen Befindlichkeiten. Aber eine Grenze, die fast unüberwindbar erscheint, ist der Graben zwischen Arm und Reich. Am Ende des Buches dachte ich: Eher bekommt man Hilfe von einem verlausten Hund als von einem privilegierten Menschen.

Mamoun: Die Grausamkeiten des Lebens rinnen in die Herzen der Menschen. Das harte Leben der Armen – die von Unterdrückung, Fremdherrschaft und Tyrannei geprägt sind – spiegelt sich bisweilen im Unvermögen eines Menschen wider, sich mit sich selbst und mit anderen zu versöhnen. Intoleranz, mangelnde Barmherzigkeit und unsichtbare Gräben machen Menschen sich selbst fremd. In solchen Fällen sind Tiere empfindsamer und mitfühlender als Menschen. Die Schwierigkeiten, diese Gräben zu überwinden, führen dazu, dass sich das Selbst abschottet und ständig in Schwierigkeiten gerät, so wie ich es in "Stray Steps" erzähle.

Elisabeth Jaquette, wann sind Sie zum ersten Mal auf Ranias Werk aufmerksam geworden und wann haben Sie entschieden, dass Sie diese Sammlung unbedingt ins Englische übersetzen müssen?

Elisabeth Jaquette: Ich bin über die Kurzgeschichte "Passing" auf Ranias Arbeit gestoßen. Raphael Cormack und Max Shmookler beauftragten mich, die Geschichte für das bei Comma Press 2016 erschienene Werk "The Book of Khartoum" zu übersetzen, eine Sammlung von zehn Geschichten sudanesischer Autoren. "Passing" hat mich nicht losgelassen: die Stimmung, die Sprache, die Intensität des Endes. Bis heute ist sie eine meiner liebsten Kurzgeschichten, die ich übersetzt habe. Aus Begeisterung für Ranias Geschichte interessierte ich mich auch für die Sammlung, in der sie ursprünglich erschienen war. Was mich an diesen Geschichten ganz besonders fesselt, ist die Spannung zwischen der gefühlvollen Zuwendung zu ihren Figuren und ihr Spiel mit der Form: "A Week of Love" (deutsch: "Eine Woche voller Liebe") ist wie ein Tagebuch aufgebaut, während "In the Muck of the Soul" (deutsch: "Im Dreck der Seele") eher an ein Drehbuch erinnert.

Rania Mamoun, haben die aktuellen Ereignisse im Sudan die Schwerpunkte Ihres Schaffens verändert?

Mamoun: Ja, durchaus. Ich schreibe im Moment keine literarischen Werke mehr. Stattdessen schreibe ich Erklärungen und arbeite mit den Widerstandskomitees zusammen. Ich schreibe für sie, allerdings aus Sicherheitsgründen nicht unter meinem eigenen Namen.

Das Widerstandskomitee gründeten wir nach den Ereignissen vom September 2013. Es leitet die revolutionären Aktionen in Wad Madani und ruft seit dem Ausbruch der sudanesischen Proteste zu Märschen und Demonstrationen in der Stadt auf. Das Komitee veranstaltet seit dem 11. April in Wad Madani ein Sit-in an wechselnden Orten. Es ist wahr, dass meine politischen Aktivitäten mein literarisches Schaffen beeinflussen. Aber ich habe dadurch auch eine Art Abnabelung erfahren und gelernt, meine Heimat ganz oben auf die Prioritätenliste zu setzen.

Frau Jaquette, die Veröffentlichung der englischen Übersetzung fällt in eine Zeit, in der die Weltöffentlichkeit auf den Sudan blickt. Welche Risiken sehen Sie für das Buch und was würden Sie sich für die Rezeption des Buches wünschen?

Jaquette: Ich befürchte, dass die aktuellen Ereignisse im Sudan dazu führen, dass die Kurzgeschichten im Kontext dieser Ereignisse gedeutet werden. Die wäre allerdings das Produkt aus dem begrenzten westlichen Wissen über den Sudan und dem zufälligen Zeitpunkt der englischen Veröffentlichung. Die aktuelle Politik als Deutungsraster für die Geschichten zu verwenden oder die Geschichten als Deutungsraster für aktuelle Ereignisse zu verwenden, führt meiner Meinung nach nicht weiter. Diese Geschichten sind an einem bestimmten Ort angesiedelt, aber es geht hier nicht um Orte.

Ich wäre skeptisch, diese Geschichten als für den Sudan repräsentativ zu sehen. Ich meine, hier geht es eher darum, den Beziehungen zwischen Menschen nachzugehen; den Verbindungen zwischen Menschen, Mutter und Sohn, Tochter und Vater, Liebenden, Freunden und Bekannten. Und das sehen die Leser hoffentlich auch: Diesen Sinn für eine überschäumende, grenzenlose Innerlichkeit; von Menschen, die so viel mehr Mitgefühl, Empathie und Liebe in sich tragen, als es die gesellschaftlichen Rollen uns üblicherweise erlauben.

Frau Mamoun, gibt es ein literarisches Projekt, an dem Sie gerade arbeiten? 

Mamoun: Ich habe vor zwei Jahren mit einem Roman begonnen, der jetzt aber brachliegt. Ich glaube nicht, dass ich das Projekt weiterverfolgen werde. Allerdings habe ich bereits eine Idee für einen neuen Roman, den ich bald hier in den USA beginnen werde, also an einem sicheren Ort, was meinem literarischen Schaffen zugutekommen wird.

 

Das Interview führte Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2019

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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