Interview mit Mariz Tadros
Herausforderung für das patriarchale Rechtssystem

Mariz Tadros ist Expertin für Entwicklung, Genderfragen und Partizipation in Ägypten. Martina Sabra sprach mit ihr über die Strategien von Frauenorganisationen zur Überwindung von Diskriminierung und geschlechtsspezifischer Gewalt in der arabischen Welt.

Mariz Tadros ist Expertin für Entwicklung, Genderfragen und Partizipation in Ägypten. Martina Sabra hat sich mit ihr über Strategien arabischer Frauenorganisationen zur Überwindung von Diskriminierung und geschlechtsspezifischer Gewalt in den arabischen Staaten unterhalten.


Mariz Tadros; Foto: Shirin Salem
Mariz Tadros: "Die Art und Weise, in der die Religion instrumentalisiert und politisiert wird, um die Rechte der Frauen auszuhöhlen, führt zu großer Ungerechtigkeit"

​​ Dr. Tadros, das Titelbild einer kürzlich erschienenen Publikation der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zu Frauenrechten in den arabischen Staaten zeigt eine Gruppe von Frauen, die in Kairo gemeinsam über den Nil rudert. Einige der Sportlerinnen sind verschleiert, andere nicht. Sitzen arabische Frauen tatsächlich im gleichen Boot?

Mariz Tadros: Sie sitzen im gleichen Boot, wenn es um gleiche Möglichkeiten geht, nämlich um Bildung, Arbeit und viele gesellschaftliche Normen. Eine verschleierte Frau ist auf der Straße nicht sicherer vor Übergriffen als eine unverschleierte. Dennoch gibt es Unterschiede in Bezug auf die Klasse, die Religion und die Ethnizität. Auch mit der ökonomischen Diskriminierung gibt es noch große Probleme.

Frauen, die aufgrund ihrer Armut marginalisiert werden, fehlt es allzu häufig am sozialen und politischen Kapital, das ihnen helfen würde, Netzwerke zu bilden, die ihnen bei der Verbesserung ihrer rechtlichen Situation helfen würden. Weibliche Arbeiter werden oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt, was mit dem Fehlen durchsetzungsstarker Gewerkschaften zu tun hat. Deshalb ist die Diskriminierung, unter der Frauen zu leiden haben, sehr wohl auf die Armut zurückzuführen. Natürlich sind auch Männer von Armut betroffen, doch leiden Frauen in besonderer Weise darunter.

Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?

Tadros: Wenn beispielsweise Frauen oder Mädchen bis zum Alter von 16 Jahren heiraten, gilt dies in Ägypten als Gesetzesverstoß. Die Idee dahinter ist der Schutz der Kinderrechte. Prinzipiell ist dieses Gesetz also sinnvoll. Doch sind die Familien oft so arm und so verzweifelt, dass sie ihre Töchter überzeugen können, dass es in ihrem besten Sinne ist, zu heiraten.

In diesen Fällen fällt es ihnen leicht, ihre Ausweise zu fälschen, so dass die Mädchen bereits mit 13 oder 14 Jahren heiraten können, wenn die von ihnen vorgelegten Dokumente sie als 16jährig ausweisen. Für viele Familien ist dies der einzige Weg, mit der Armut umzugehen – indem die "Last" jemand anderem aufgebürdet wird.

Was wir also brauchen, sind strukturelle Veränderungen. Wir müssen herausfinden, warum diese Menschen so arm sind, warum die Arbeitslosenrate so dramatisch zunimmt und warum das Bildungssystem derart versagt. Nach meiner Meinung dürfen Genderfragen deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Stattdessen müssen die der Ungleichheit zugrundeliegenden Strukturen offengelegt und in systematischerer Weise behandelt werden.

Frauen rudern auf dem Nil in Kairo; Foto: GTZ-Publikation zu Frauenrechten
Sitzen arabische Frauen, ob verschleiert oder unverschleiert, tatsächlich im gleichen Boot? Mariz Tadros von der University of Sussex glaubt, dass dieser Fall inpunkto Bildung, Beruf sowie zahlreicher gesellschaftlicher Normen zutrifft.

​​Arabische Frauenverbände sprechen sich immer lauter für eine Reform des Rechtssystems aus, um die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen vor dem Gesetz zu beenden. Ist dies eine angemessene Strategie, um die Stellung von Frauen und Mädchen in der Gesellschaft zu verbessern?

Tadros: Arabische und muslimische Frauen kämpfen seit langer Zeit gegen das patriarchale Rechtssystem und die diskriminierenden Personenstandsgesetze und haben dabei immer wieder neue Strategien entwickelt. Sie suchen nach rechtlichen Schlupflöchern und alternativen Wegen und bemühen sich, sich dabei unterschiedlicher Machtrepertoires zu bedienen, um die negativen Auswirkungen des Familienrechts abzuschwächen.

Nach 2001 verstärkten deutsche Entwicklungsorganisationen ihre Anstrengungen, islamische Werte und soziale Strukturen stärker zu berücksichtigen, um die Wirkung ihrer Entwicklungsprojekte in überwiegend muslimischen Ländern zu verbessern. Im Jemen etwa unterstützte die GTZ lokale NGOs, die für eine aufgeklärte, an Gleichberechtigung orientierte Lesart islamischer Texte eintraten. Denken Sie, dass reformislamische Ansätze eine Strategie für arabische Frauen darstellen könnten, um die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern?

Tadros: Natürlich ist es wichtig, die Religion als Bereich zu betrachten, in dem patriarchale Denkweisen in Frage gestellt werden müssen. Insbesondere gilt dies für jene, die dies auch mit der Frage der sozialen Gerechtigkeit verknüpfen. Andererseits denke ich, dass wir nicht vergessen dürfen, dass die Aussichten auf einen Wandel sehr begrenzt sind, wenn wir uns nur auf eine Neuauslegung der Texte konzentrieren.

Die Neuauslegung religiöser Texte stellt an sich einen wichtigen Schritt dar. Doch ist es nicht unbedingt zugleich auch ein erfolgversprechender Ansatz für den Kampf um Reformen – und auch nicht automatisch im Sinne einer Förderung der Frauenrechte. Es ist klar, dass es bestimmte Bereiche gibt, in denen die Standpunkte bezüglich der Frauenrechte auseinandergehen.

So gibt es einen Konsens unter allen vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams, also auch in der relativ fortschrittlichen hanafitischen Tradition, dass Frauen, die vom Islam zu einer anderen Religion konvertieren, das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wird. Daran ist zu erkennen, welche Grenzen einem ausschließlichen Vertrauen auf den religiösen Kontext gesetzt sind.

Ägypterin in Minya; Foto: DW
Für eine Reform aller diskriminierenden Gesetze: der Staat sollte aktiver als zuvor die Rechte der Frauen in der arabischen Welt vertreten, da sonst eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft" droht, warnt Mariz Tadros.

​​Und doch gelten doch einige Rechtsreformen, die in den letzten Jahren innerhalb des religiösen Kontextes erreicht wurden, als regelrechte Erfolgsgeschichten, so etwa die Einführung der "Khula-Scheidung" in Ägypten.

Tadros: Das ist richtig, doch hängt dies doch immer vom jeweiligen Kontext ab. Wenn Sie Ägypten als Beispiel nehmen, so besagt das Gesetz, dass in gemischten Ehen automatisch das islamische Recht anzuwenden ist – unabhängig davon, ob der Mann oder die Frau muslimisch ist. 2008 hatten wir einen Fall, in dem ein christlicher Ehemann zum Islam konvertierte, seine Frau aber Christin blieb. Sie haben zwei Söhne, Zwillinge im Alter von 14 Jahren.

Obwohl der reformierte Gesetzesartikel 20 des ägyptischen Personenstandsgesetzes einer geschiedenen Frau das Sorgerecht über ihre Kinder bis zum Alter von 15 Jahren zuspricht, wurde dies der Frau im vorliegenden Fall verwehrt, da der Richter wohl davon ausging, dass der Mann der "besseren" Religion angehört und deshalb das Recht bekommen sollte, seine Söhne im Sinne des Islam zu erziehen. Der Frau wurde das Sorgerecht also nicht wegen einer konservativen Auslegung des Islam verwehrt, sondern einfach aufgrund der Tatsache, dass sie Christin ist.

Tatsächlich aber ging sie in Berufung und erreichte im Sommer 2009, dass ihr das Sorgerecht doch noch zugesprochen wurde. Aus Sicht der ägyptischen Autoritäten aber bleiben die beiden Jungen Muslime, auch wenn sie sich selbst als Christen sehen…

…was zweifelsohne der Verletzung eines elementaren Menschenrechts gleichkommt, nämlich des Rechts auf freie Wahl der eigenen Religionszugehörigkeit. Plädieren Sie für eine stärkere Trennung von Staat und Religion in den arabischen Staaten?

Tadros: Auf jeden Fall. Wir schätzen die Religion als soziale Kraft, die das Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität und Tröstung stillt. Es geht also nicht um eine Unterminierung der Religion. Doch die Art und Weise, in der die Religion instrumentalisiert und politisiert wird, um die Rechte der Frauen auszuhöhlen, führt zu großer Ungerechtigkeit. Je mehr wir uns in Richtung einer Trennung der Religion und ihrer institutionalisierten Form innerhalb der staatlichen Strukturen bewegen, desto größer sind unsere Chancen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Frauenrechten zugutekommen.

Das bedeutet nicht, dass wir die bestehenden Verhältnisse in kurzer Zeit vollkommen umkrempeln können. Noch immer sind nachhaltige Anstrengungen vonnöten, um einen sozialen Wandel herbeizuführen – und dies in einem weiteren Kontext echter wirtschaftlicher und politischer Veränderungen. Die Möglichkeiten, Religion als Mittel gegen die Teilhabe von Frauen einzusetzen, würden aber sicherlich eingeschränkt.

Also hängt in ihren Augen die Emanzipation der arabischen und muslimischen Frauen weniger von einer modernen Neuauslegung der religiösen Schriften ab, sondern eher von der Anwendung der Menschenrechte und dem Vertrauen auf die Grundsätze von Gleichheit und Demokratie. Was sollten die arabischen Regierungen tun, um die Gleichheit zwischen den Geschlechtern zu fördern?

Tadros: Ich glaube, dass der Staat einen klaren Standpunkt beziehen muss. Wir brauchen einen Staat, der die Gleichberechtigung anerkennt, befürwortet und aktiv für sie eintritt. Ansonsten würde er eine nach Geschlechtern getrennte Zwei-Klassen-Gesellschaft legitimieren. Um dies zu verhindern, brauchen wir eine Reform aller Gesetze, die Frauen diskriminieren. Diese Reform ist zugleich ein ausgezeichneter Rahmen, in dem sich der Kampf für mehr Rechte und für sozialen Wandel entfalten kann.

Dennoch können Reformen des Rechtssystems nur dann erfolgreich sein, wenn sie mit einer Bekämpfung der sozialen Ungerechtigkeit einhergehen. Es gibt zu viele soziale Ungerechtigkeiten, die insbesondere Frauen an der Wahrnehmung ihrer Rechte hindern.

Interview: Martina Sabra

© Qantara.de 2010

Übersetzt aus dem Englisch von Daniel Kiecol

Dr. Mariz Tadros studierte an der American University in Kairo und an der Oxford University. Gegenwärtig arbeitet sie als Research Fellow am Institute of Development Studies der University of Sussex.

Qantara.de

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