Interview mit Lokman Slim:

"Die Gewalt zeigt die Grenzen des interkulturellen Dialogs auf"

Die harsche Reaktion der islamischen Welt auf den Karikaturenstreit begründet der libanesische Regisseur Lokman Slim mit einer Modernisierungs- und Identitätskrise, in der sich die arabischen Länder gegenwärtig befinden.

Libanesischer Regisseur Lokman Slim; Foto: privat
Auch tiefe religiöse Gefühle oder antiwestliche Ressentiments lassen die extremen Reaktionen, nach dem Karikaturenstreit, in der arabischen Welt nicht nachvollziehbar erscheinen, meint Slim

​​Die Reaktionen in der islamischen Welt auf die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Dänemark waren voller Hass und Entrüstung. Könnte man in diesen Bildern eine Bestätigung für Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen" sehen?

Lokman Slim: Das Ausmaß an Gewalt sollte uns davon abhalten, das Problem zu simplifizieren. Die bloße Verurteilung der Hassdemonstrationen reicht weder aus, sie einzudämmen, noch ihre Ursachen zu verstehen. Dass sie unter dem gleichen Banner stattfinden, bestätigt einmal mehr den Triumph der "Globalisierung".

Diese Gemeinsamkeiten eröffnen für die politische Kultur dieser Region eine düstere Diagnose: Das Missverhältnis zwischen der Veröffentlichung der Karikaturen und den extremen Gewaltreaktionen in der arabischen Welt lässt eine Überempfindlichkeit bezüglich der Symbole ihrer "Identität" erkennen. Die Politik und Volkskultur der arabischen Welt ist weit davon entfernt, die in der westlichen Welt als selbstverständlich betrachteten Werte wie freie Meinungsäußerung und individuelle Verantwortung zu teilen.

Es ist verständlich, dass sich einige Muslime durch die Verspottung ihres Propheten in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen; unbegreiflich ist jedoch, dass sich keine abweichenden Stimmen erhoben, die die "freie Meinungsäußerung" zu verteidigen suchten.

Entspringen diese extremen Reaktionen religiösen bzw. verletzten religiösen Gefühlen oder sollten sie eher einer antiwestlichen Haltung zugeordnet werden?

Slim: Die Stärkung des Islam ist seit einigen Jahrzehnten zwar unbestreitbar Ausdruck von "Identität" in der arabischen Welt, aber religiöse Gefühle oder antiwestlichen Ressentiments helfen als Erklärung nicht, die extremen Reaktionen zu verstehen. Sie sind vielmehr ein weiteres Anzeichen für die tiefe Krise, in der sich die arabische Welt aufgrund ihres fortwährenden Versagens bei der Assimilierung moderner Werte befindet.

Einerseits gibt es diese Reaktionen, auf der anderen Seite verzeichnet der interkulturelle Dialog, wie er beispielsweise vom Goethe-Institut und dessen Partnern gefördert wird, auch Erfolge.

Slim: Ich weiß nicht, ob man diese Bilder und den interkulturellen Dialog einander gegenüberstellen kann. Auf die Gefahr hin, die Förderer eines solchen Dialoges zu enttäuschen – ich bin der Auffassung, dass die anhaltenden Gewaltausschreitungen eher die Grenzen des interkulturellen Dialoges aufzeigen, denn sie stellen ihn vor eine entscheidende Frage: Ist es möglich, einen Dialog voranzutreiben, wenn einer der Gesprächspartner nur sich selbst, aber nicht den anderen das Recht einräumt, bestimmte Themen in die Gesprächsagenda einzubeziehen bzw. davon auszuschließen?

Sie sind Publizist und haben vor zwei Jahren eine Kulturorganisation gegründet, Umam Documentation and Research. Das Zentrum befindet sich im [muslimisch-]schiitischen südlichen Teil von Beirut. Welche Rolle spielen dieser Standort und die Themen in den so genannten Dialog-Programmen?

Slim: Dieser Stadtteil von Beirut, in dem wir uns niedergelassen haben, ist in der Tat mehrheitlich von [muslimischen] Schiiten bewohnt. Seine Besonderheit liegt aber darin, dass es sich hier um ein Gebiet handelt, das von der Stadt abgeschnitten wurde, weil die Hisbollah die überwiegende Kontrolle darüber ausübte. In diesem Sinne stellt dieses Gebiet für mich eine Art Ghetto dar, abgesehen von der Religionszugehörigkeit seiner Bewohner.

Unsere Anwesenheit wirft somit schon für sich genommen das Thema der Vielfalt [Diversity] auf: Vielfalt zuzulassen ist der Ausgangspunkt eines jeglichen Dialogs. Zumindest in diesem Punkt ziehe ich es vor, unsere Aktivitäten als ein Unterfangen zu bezeichnen, bei dem es eher darum geht, Tabus zu brechen als um den Versuch, einen Dialog zu fördern.

Was kann das Goethe-Institut Ihrer Ansicht nach zu einem besseren Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen beitragen?

Slim: Ich möchte hier insbesondere die Rolle ansprechen, die das Goethe-Institut im Libanon und im arabischen Kulturkreis spielen könnte. Ich denke, dass dem Goethe-Institut – als einer deutschen Institution – die Aufgabe obliegt, die Erfahrungen der deutschen Geschichte besser bekannt zu machen, insbesondere ihre eher schmerzhaften Phasen.

Im Nahen Osten reden wir wenig über die Nazi-Vergangenheit, aber es ist höchste Zeit, dass wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen, sei es in Bezug auf seine antisemitischen oder seine politischen Aspekte ([angesichts der] undemokratischen Struktur vieler politischer Parteien und Organisationen, zu denen natürlich die meisten islamischen Parteien zählen).

Die Förderung des Verständnisses zwischen verschiedenen Kulturen ist eine höchst lobenswerte Aufgabe, aber räumen ihr alle Kulturen die gleiche Priorität ein? Ich bezweifle das. Die Beantwortung dieser Frage wäre vielleicht ein guter Ausgangspunkt.

Das Interview führte Rolf Stehle vom Goethe-Institut Beirut

© Goethe-Institut April 2006

Lokman Slim ist Autor und Co-Regisseur des Dokumentarfilms "Massaker". Außerdem ist er Verlgeger und Direktor von "Umam Documentation and Research" in Beirut.

Qantara.de

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Website der "Umam Documentation and Research" (engl.)

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