Interview mit Hiam Abbas

Annäherung durch Debattieren

Hiam Abbas war eine der palästinensischen Schauspielerinnen, die in Steven Spielbergs Film "München" vor der Kamera standen. Im Interview mit Qantara.de berichtet sie über die Zusammenarbeit von Palästinensern und Juden hinter den Kulissen.

Hiam Abbas; Foto: Saleh Diab
Hiam Abbas: "Wenn Juden und Araber sich nicht für die Belange des jeweils anderen einsetzen, werden wir niemals Fortschritte machen!"

​​Steven Spielbergs neuester Film "München" erzählt von der Liquidation mutmaßlicher palästinensischer Drahtzieher des Attentats im Münchner Olympiastadion 1972, mit der der Mossad fünf seiner Mitarbeiter beauftragte.

Wie kam es, dass Steven Spielberg Sie treffen wollte? Hatte er Filme gesehen, in denen Sie mitspielen?

Hijam Abbas: Zunächst hatte Steven Spielberg meine Rolle in "Die syrische Braut" gefallen. Die Producerin Kathleen Kennedy rief mich an und sagte: 'Es ist nicht ausgeschlossen, dass Steven Spielberg in seinem Film einige Dialoge auf Arabisch oder Hebräisch haben will. In diesem Fall will er dich als Schauspielerin wählen, schließlich unterrichtest Du Arabisch und Hebräisch.'

Unter den Schauspielern, egal ob arabisch oder jüdisch, galt die Abmachung, dass gegen niemanden der anklagende Zeigefinger erhoben würde, das ist ein sehr neutraler und menschlicher Standpunkt, mit dem man vermeidet, dass Partei für Juden oder Palästinenser ergriffen wird. Spielberg ist ein weltberühmter Regisseur, jeder will mit ihm arbeiten. Ich hatte das Drehbuch gelesen und wusste, dass mich nichts darin von der Teilnahme an diesem Projekt abhalten würde.

Warst du nicht schockiert von den Liquidationen der palästinensischen Freischärler und der anderen Palästinenser durch den Mossad?

Abbas: Am Drehbuch erkannte ich schnell, dass es sich nicht um einen der üblichen amerikanischen Filme handelte, in dem die Araber verächtlich als Die palästinensische Schauspielerin und Künstlerin Hiam Abbas wurde in Nazareth geboren und arbeitete am Hakawati-Theater. In den 80er Jahren ging sie nach London, von dort aus nach Paris, wo sie jetzt lebt und arbeitet. Sie hat in mehreren Kinofilmen mitgewirkt, darunter Roter Satin von Raja Amari, Haifa von Rashid Mashahrawi, "Die syrische Braut" von Eran Riklis, Freihandelszone von Amos Gitai und Paradise Now von Hany Abu-Assad. Sie selbst hat zwei Kurzfilme gedreht: Das Brot und Der ewige Tanz.mit den Händen essende, mit Turbanen gekleidete Angehörige vergangener Jahrhunderte gezeigt werden.

Der Palästinenser in "München" ist ein ganz normaler Mensch, der isst, trinkt, sich anzieht und im Film genau wie die anderen Darsteller Gefühle hat, der unablässig darauf bedacht ist, sein Recht zu verteidigen. Ich will damit sagen, im Drehbuch war nichts von überheblichem Rassismus zu spüren.

Dazu kommt, dass der Film nicht von Palästina handelt und eigentlich auch nicht von dem Attentat in München. Der Film erzählt von der Liquidation der für die Planung des Attentats verantwortlichen Palästinenser, mit der der Mossad fünf seiner Mitarbeiter beauftragte. Auch nach einem viertel Jahrhundert ist nicht sicher, ob jene Palästinenser wirklich an der Planung des Attentats beteiligt waren. Die Aussagen des Mossad sind nach wie vor nur Behauptungen.

Ich habe mich gefragt, kann ich als palästinensische Schauspielerin eine Rolle in diesem Projekt übernehmen oder nicht? Die Antwort fiel positiv aus. Künstlerische, nicht politische palästinensische Präsenz war wichtig für den Film. Ich hatte eine sehr gute Beziehung zum Drehbuchautor und zum Regisseur, wir haben oft und lang diskutiert.

Gingen deine Gespräche mit Spielberg über das rein Künstlerische hinaus, habt ihr über politische Aspekte des Films gesprochen?

Abbas: Wir haben über viele künstlerische und politische Aspekte diskutiert, eigentlich über alles. Sogar über die Kameraarbeit haben wir gesprochen. Wo wir uns in der politischen Story nicht einig waren, kamen wir auf der menschlichen Ebene wieder zusammen. Über den Menschen, dessen Persönlichkeit man im Film darstellt. Man kann dabei nicht für die Israelis sein und gegenüber der Menschlichkeit der Palästinenser Ablehnung empfinden.

Diesen Anspruch haben wir während sämtlicher Etappen des Films diskutiert, und als Ergebnis sind alle Palästinenser sehr menschlich dargestellt. Sogar in der Szene, in der der Palästinenser Ali mit dem israelischen Geheimagenten Avner diskutiert, scheint er mir als jemand, der sein Land und sein Volk verteidigt. Sie gehört meiner Meinung nach zu den wichtigsten Filmszenen im westlichen Kino, in denen die Rechte der Palästinenser verteidigt werden.

Gab es Spannungen unter den Schauspielern oder mit dem Regisseur wegen divergierender politischer Überzeugungen?

Abbas: Die arabischen und israelischen Schauspieler hatten keinerlei Probleme miteinander. Alle lebten drei Monate zusammen in einem Hotel. Natürlich gab es Diskussionen, dadurch sind beide Seiten sich näher gekommen. Ich erinnere mich noch, wie schwer es in der ersten Szene, die die Geiselnahme der israelischen Nationalmannschaft zeigt, den arabischen Darstellern fiel, die israelischen Darsteller so hart anzufassen, wie sie es für den Film mit ihren Gegnern tun mussten.

Steven Spielberg hat jüdische Vorfahren und macht einen Film über Palästinenser und Israelis. Wie findest du es, wenn jüdische Künstler palästinensische Themen bearbeiten?

Abbas: Etwas sehr Wichtiges möchte ich betonen: Wenn Juden und Araber sich nicht für die Belange des jeweils anderen einsetzen, werden wir niemals Fortschritte machen. Ich habe kein Problem mit Projekten von Künstlern, die jüdischer Abstammung sind. Wenn ich ein Problem habe, dann vielleicht mit bestimmten Inhalten. Aber selbst wenn ich einen anderen politischen Standpunkt vertrete, kann ich mich doch über Inhalte einigen.

Ich persönlich beurteile Menschen nicht aufgrund ihrer Religions- oder Staatszugehörigkeit. Der Konflikt ist nicht ethnischer Natur. Beim arabisch-israelischen Konflikt geht es der anderen Seite darum, eine bestimmte Sichtweise und ein politisches Programm gegen uns durchzusetzen.

Ich als Mensch behandele andere Menschen nicht anders, weil ihre Religionszugehörigkeit sich von meiner unterscheidet. Ich will mich auch nicht an das halten, was die Politiker mir vorschreiben. Ich bin Künstlerin und halte die Kunst für eine Möglichkeit, zwischen den Menschen zu vermitteln. Sie bietet eine großartige Gelegenheit, auf den anderen zuzugehen. Ich erzähle, worüber ich nachdenke. Das, worüber ich nachdenke, erzähle ich durch Filme. Ich habe Glück, weil ich in Filmen mitgewirkt habe, bei dem ich der Menschlichkeit, die ich in mir finde, Ausdruck verleihen konnte.

Interview: Saleh Diab

Aus dem Arabischen von Stefanie Gsell

© Qantara.de 2006

Qantara.de

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