Interview mit der sudanesisch-ägyptischen Schriftstellerin Leila Aboulela

"Kunst muss mehr als Gegenwehr sein"

Der Roman „Minarett“ erzählt die Geschichte einer jungen Sudanesin im Londoner Exil, die Zuflucht im Islam findet. Nun ist das Werk auf Deutsch erschienen. Die preisgekrönte Autorin Leila Aboulela sprach im Qantara-Interview mit Anna-Theresa Bachmann über ihr Werk, die muslimische Community in Großbritannien und den Umbruch im Sudan.

Frau Aboulela, die Suche nach Identität und ein Gefühl von Dazwischensein sind wiederkehrende Motive in Ihrem literarischen Werk. „Minarett“ konfrontiert die Leser mit Charakteren, deren Identitäten in Bezug auf Klasse, Geschlecht und Religiosität auf die Probe gestellt werden und sich in Zeit und Raum wandeln. Diese Art, Geschichten zu erzählen, kann sehr herausfordernd sein. Warum greifen Sie trotzdem immer wieder darauf zurück?

Leila Aboulela: Diese Erzählweise spiegelt mein eigenes Leben. Meine Mutter kommt aus Ägypten, mein Vater ist Sudanese. Ich bin in einer Familie voller Gegensätze aufgewachsen, obwohl meine Eltern beide Muslime, Araber und Afrikaner waren. Während meiner Kindheit im Sudan wurde ich von einer Kultur beeinflusst, die sich in einem permanenten Wettstreit zwischen dem Arabischen und dem Afrikanischen befindet.

Später ging ich nach Großbritannien und habe einen Mann geheiratet, der halb Sudanese und halb Brite ist. Keinen monochromen, sondern einen vielschichtigen Hintergrund zu haben, ist für mich der Normalzustand. Wenn ich schreibe, reflektiere ich über meine Erfahrungen und darüber, was sich für mich normal anfühlt.

Aberdeen, die Stadt, in der Sie heute noch leben, ist auch der Ort, an dem Sie mit dem Schreiben angefangen haben. Sie schreiben auf Englisch und ein Großteil Ihrer Leserschaft lebt im globalen Norden. Betrachten Sie Ihr Werk als eine Form von „Writing Back“, wie man das in akademischen, post-kolonialen Kreisen nennt?

Aboulela: Das „Writing Back“- Konzept kann eine Motivation sein. Mich hat die Wut über die ungerechte Darstellung von Muslimen in der britischen Presse in die Defensive gedrängt, so dass ich mich zum Schreiben genötigt sah. Aber Kunst schafft man nicht, indem man defensiv ist. Kunst muss mehr als Gegenwehr sein. Sie muss so konzipiert sein, dass sie für sich selbst spricht. Deswegen glaube ich, dass „Writing Back“ auch problematisch sein kann.

Leila Aboulelas Roman "Minarett" im Lenos Babel Verlag
Die "oberflächliche, leere" Freiheit des Westens: Muslime, die nach Europa kommen, finden sich in demokratischen Gesellschaften mit besseren Lebensstandards wieder. Und sie schätzen Demokratie und Menschenrechte, die sie vorfinden. Und doch sehnen sie sich, nicht mehr den sozialen Tabus ihrer Erziehung unterworfen, oft nach den Traditionen, die sie hinter sich gelassen haben

Diese Freiheit fühlt sich „leer“ an

Nadschwa, die Heldin in „Minarett“, lebt nach ihrer Flucht aus dem Sudan in London. Als sie in Großbritannien eine Liebesbeziehung eingeht und ihre Sexualität erkundet, stellt sie fest, dass es niemanden mehr gibt, der sie dafür verurteilen kann. Trotzdem fühlt sich diese Art der Freiheit für sie „leer“ an. Warum?

Aboulela: Die sozialen Zwänge des Sudan gelten für Nadschwa in Europa nicht mehr. Sie kann tun und lassen, was sie will. Aber irgendwie fühlt sich diese Freiheit für sie oberflächlich und leer an. Sie sehnt sich nach Traditionen. Nadschwa möchte, dass ihr Freund sie heiratet. Sie ist weder glücklich, noch ist ihr wohl dabei, eine sexuelle Beziehung außerhalb der Ehe zu führen. Dabei geht es ihr nicht nur um die Regeln des Sudan oder der sudanesischen Kultur. Es sind ihre eigenen, tiefen Überzeugungen, die in Europa bedroht werden.

Das ist eines der Kernthemen des Romans und spiegelt die Realität vieler Muslime wider, die nach Europa kommen. Sie finden sich in demokratischen Gesellschaften mit besserem Lebensstandard wieder. Sie schätzen Demokratie und Menschenrechte. Aber sie lassen deswegen ihre Traditionen nicht hinter sich, sie werfen ihren Glauben oder religiöse Praktiken nicht über Bord. Das ist es, was Europa von ihnen erwartet. Aber es passiert nicht.

Nadschwa findet Halt und Stärke in der Religion. Stimmen Sie Kritikern zu, die in „Minarett“ eine Darstellung von islamischem Feminismus sehen?

Aboulela: Ich bin mir nicht ganz sicher, was die Kritiker meinen, wenn sie von islamischem Feminismus sprechen, weil es dafür keine allgemeingültige Definition gibt. Trotzdem glaube ich, dass „Minarett“ mein feministischstes Buch ist. Denn in der Geschichte geht es um eine große Enttäuschung über die Männerwelt und die Notwendigkeit der Heldin, sich auf sich selbst zu verlassen. Nadschwa wird von einem Mann nach dem anderen hängengelassen: Zuerst von ihrem Vater, dann von ihrem Bruder, ihrem Freund und später sogar von dem Mann, in den sie sich verliebt, der aber zu unreif ist, um sie zu unterstützen.

Der Roman beschreibt Nadschwas Weg, auf dem sie sich von Männern, die sie enttäuschen, lossagen muss, um sich auf sich selbst zu verlassen. Durch ihren Glauben wird sie zu einer stärkeren Persönlichkeit. So gesehen, kann man „Minarett“ als feministischen Roman verstehen.

Veränderungen in der muslimischen Community

Zeitlich setzt die Handlung in „Minarett” im Sudan der späten 1980er Jahre ein und reicht bis in die frühen 2000er Jahre. Angenommen Nadschwa wäre erst zehn Jahre später nach Großbritannien migriert, wäre ihr Leben anders verlaufen?

Aboulela: Islamisches Leben in Großbritannien hat sich mit einer neuen Generation von Muslimen gewandelt, die im Land aufgewachsen und es gewohnt ist, gleichzeitig muslimisch und britisch zu sein.

Der Roman beschreibt eine einfache, kleinere und vereinte muslimische Gemeinde, so wie sie in den 1990er Jahren aussah. Nadschwas spirituelle Entwicklung ist gradlinig. Wäre sie zehn Jahre später nach Großbritannien gekommen, dann hätte sie mehr Unterschiede zwischen den Muslimen vorgefunden, gefestigtere Strukturen, aber auch mehr Islamophobie. Ihre Entwicklung und ihre Beziehungen zu anderen Muslimen wären komplexer gewesen.

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