Interview Guy Helminger – Stadtschreiber in Hyderabad:

"Wie ein Brett mitten im Meer"

Sieben deutsche Schriftsteller wurden auf Initiative des Goethe-Instituts als Stadtschreiber in eine indische Stadt eingeladen. Der in Köln lebende Autor Guy Helminger machte sich mit Hyderabad bekannt. Larissa Bender hat mit ihm gesprochen.

​​Sie waren im Sommer vier Wochen lang als Stadtschreiber in der indischen Stadt Hyderabad. Am Ende Ihrer Tagebuchaufzeichnungen schreiben Sie, dass Sie wiederkommen möchten. Warum?

Guy Helminger: Ich war sehr begeistert. Ich bin früher gerne gereist, das mache ich in letzter Zeit nicht mehr. Dies war für mich eine Möglichkeit, einmal wieder "in die Fremde" zu gehen. Das ist es, was mich eigentlich reizt.

Italien und Spanien sind Länder, die ich auch gerne sehen möchte, aber sie haben nicht diesen Grad von Fremdheit, wo man das Gefühl hat, dass man ein bisschen wie ein Brett mitten im Meer schwimmt. Das ist es, was ich suche. Man bekommt das Gefühl, dass man viel mehr über sich selbst lernt, wie man sich verhält. Man geht ganz anders mit Menschen um.

Nahezu die Hälfte der Bevölkerung von Hyderabad sind Muslime, die andere Hälfte Hindus. Wie manifestiert sich das? Gibt es zum Beispiel muslimische Stadtteile?

Helminger: Ja, es gibt unterschiedliche Viertel. Hyderabad ist ja als muslimische Stadt um die Moschee Charminar herum gegründet worden – eine Moschee mit vier Minaretten. Dieses ganze Viertel ist muslimisch, das merkt man sofort. Man merkt es an der schwarzen Kleidung der verschleierten Frauen sowie an der Kleidung der Männer.

Ich hatte auch das Gefühl, dass dort eine ärmere Bevölkerung lebt. Es natürlich nicht so, dass die hinduistische Bevölkerung nicht arm wäre, es gibt tausende und abertausende Obdachlose überall.

Aber wenn man durch Charminar streift, hat man ein ganz anderes Gefühl, die Gassen sind sehr eng im Vergleich zur übrigen Stadt, die verhältnismäßig groß gebaut ist, mit sehr breiten Straßen und viel mehr Autoverkehr. Das Berufsleben auf der Straße ist ebenfalls anders. Auch das Handwerk scheint in der Altstadt viel sichtbarer zu sein als in anderen Vierteln.

Man sagt auch - wobei das für mich in fünf Wochen natürlich nur schwer festzustellen ist - dass das Zusammenleben der muslimischen und der hinduistischen Bevölkerung in Hyderabad sehr harmonisch ist. Zurzeit gibt es in vielen Regionen - und auch in Hyderabad - einen wieder aufkommenden hinduistischen Nationalismus. Das wird natürlich erneut zu Auseinandersetzungen führen, und man kann nur hoffen, dass es in Hyderabad weiter gut läuft.

Es gibt in der Altstadt auch tolle Basare, wie man sie aus arabischen Ländern kennt. Man wird dort auch viel direkter aufgefordert, etwas zu kaufen. Ich kann nicht sagen, ob das etwas mit der muslimischen Bevölkerung zu tun hat oder einfach mit der Tatsache, dass dort viel mehr Touristen auftauchen.

Auffällig waren auch die Kinder, die viel aggressiver waren, die an einem gezogen haben, so wie ich das auch aus Ägypten kenne, das gab es in den anderen Viertel überhaupt nicht. Es kann aber wie gesagt natürlich damit zu tun haben, dass dort mehr Touristen sind, und Touristen haben nun einmal Geld.

Sie waren nicht als Tourist dort, sondern als Stadtschreiber, und Sie haben geschrieben, Sie würden lieber das Leben einer Gemüsefrau kennen lernen, als das, was man sowieso in Reiseführern lesen kann. Ist Ihnen das gelungen? Haben Sie Kontakt zur Bevölkerung bekommen?

Helminger: Zum Teil, glaube ich schon, weil ich über das Goethe-Institut die Möglichkeit hatte, Beziehungen zu knüpfen. Einer meiner Wünsche war zum Beispiel, Krankenhäuser zu besuchen, und die werden bewacht ...

Warum ausgerechnet Krankenhäuser?

Helminger: Wenn man nachts durch die Straßen geht, sieht man Tausende von Obdachlosen, einer schläft neben dem anderen, es gibt bettelnde Kinder. Es gibt auf der anderen Seite aber auch den viel beschworenen Aufschwung in Indien, durch die IT-Revolution zum Beispiel. Daran verdient natürlich nur ein bestimmter Teil, der immer reicher wird.

Auf der anderen Seite gibt es eine starke Landflucht, und diese Leute leben eben auf der Straße, schlafen teilweise auf Inseln. Dieser Unterschied zwischen arm und reich spiegelt sich aber auch in anderer Hinsicht wider.

Ich habe mir dann überlegt, was geschieht bei diesem wahnsinnigen Verkehr eigentlich, wenn jemand angefahren wird. Ich habe auch Leute gefragt, viele sagen, wir fahren einfach weiter. Es gibt keine Krankenversicherungen, man kommt sogar in die Bredouille, wenn man zum Beispiel als Reicher jemanden anfährt und dann aufnimmt. Dann wird man gefragt: 'Was hast du mit dem zu tun?' Die Polizei wird sofort eingeschaltet.

Ich habe mir also gesagt, es muss doch Krankenhäuser geben für Arme. Als ich nachgefragt habe, hat man mich in ein Krankenhaus für Reiche gebracht, wo der Standard so ist wie hier, und danach in eins für wirklich arme Leute. Dort gibt es riesige Räume mit bis zu 60 Betten, was unseren Vorstellungen von Hygiene, von Licht, von Helligkeit in einem Krankenhaus zuwider laufen. Trotzdem genesen die meisten darin.

Auf einer Pressekonferenz stellte ein Inder Ihnen die Frage, warum Ausländer Indien immer negativ beschreiben. Wie entsteht dieser Eindruck?

Helminger: Da gibt es verschiedene Punkte: Da wir in Europa diese Art des Verkehrs, der Umweltverschmutzung, der Obdachlosigkeit nicht haben, fällt es so ins Auge, dass man dahin tendiert, es als Erstes zu erwähnen. Das stört natürlich die Menschen, die dort wohnen und ganz andere Aspekte kennen, weil sie es nicht nur einmal hören, sondern hundert Mal. Das kann ich auch nachvollziehen.

Auf der anderen Seite muss ich sagen, es mag schon sein, dass es auf die Nerven geht, aber es ist nun einmal auch da. Es zu verschweigen, wäre schlecht.

Die zweite Sache ist, dass durch einen aufkommenden hinduistischen Nationalismus dieses Schweigen von verschiedenen Leuten aber gerade gewünscht wird und es als Schlechtmachen der Kultur angesehen wird, was es jedoch natürlich nicht ist.

Welche Klischees haben Sie während Ihres Aufenthalts über Bord geworfen?

Helminger: Ich hatte natürlich keine Klischees von der Art, dass ich dachte, ich begegne dort auf Schritt und Tritt einem Elefanten oder einer Kuh. Aber es ist schon so, dass diese Vorstellungen, die man hat, sehr rudimentär sind.

Natürlich wusste ich um den Unterschied zwischen arm und reich. Wie der aber am Ende aussieht, das wusste ich so nicht. Es entstehen zum Beispiel ganze Viertel für Menschen, die in der IT-Industrie arbeiten. Es werden unglaubliche Häuser gebaut von anderen Menschen wiederum, die die ganze Zeit in einer selbst gezimmerten Hütte leben.

Wenn die Bungalows stehen und die Leute einziehen, reißen die Arbeiter ihre Hütten ab, gehen zur nächsten Baustelle und zimmern dort aus Holz und Plastik das Ganze wieder zusammen. Das ist Irrsinn.

Sie haben sehr viel in Ihrem Tagebuch geschrieben. Wird Ihr Aufenthalt denn noch anders umgesetzt werden?

Helminger: Ja, das hatte ich ursprünglich gedacht. Ich habe mich alle drei oder vier Tage im Hotel eingeschlossen und dann nur geschrieben. Ich habe noch sehr viel Material und jetzt überlege ich, ob ich das Tagebuch vielleicht noch ausführlicher schreibe und mit Fotos als Buch herausbringe.

Also kein Roman über Indien?

Helminger: Nein, ich habe vor, so etwas zu machen wie bei meinem letzten Buch, in dem die Geschichten alle miteinander verbunden sind, wo eine Figur zu einer Hauptfigur in der nächsten Geschichte wird, wo etwas vergessen wird, das in der nächsten Geschichte wieder auftaucht. So etwas möchte ich mit Hyderabad auch machen.

Wie beurteilen Sie das Stadtschreiberprojekt also solches?

Helminger: Literaten werden die Welt nicht revolutionieren. Für mich persönlich war es aber sehr sinnvoll. Ich habe einen Teil eines Landes und neue Leute kennen gelernt. Hier übersieht man gerne mal etwas, aber wenn man irgendwo fremd ist, notiert man jede Kleinigkeit. Das ist ein Fundus, aus dem man als Autor unglaublich schöpfen kann.

Andererseits habe ich begonnen, viel indische Literatur zu lesen. Man kann natürlich nicht sagen, dass jetzt eine gewaltige Brücke zwischen zwei Ländern geschlagen wird. Das ist schöne Utopie, die dahinter steckt, die aber so unmittelbar nicht zu realisieren ist.

Aber wie nähert man sich einem Land? Es beginnt damit, dass sich einige Leute einmal darüber Gedanken machen, was dieses Land überhaupt ausmacht, und ich finde es gut, dass ich dazu animiert wurde, mir Gedanken darüber zu machen.

Interview Larissa Bender

© Qantara.de 2006

Qantara.de

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