Geschichte des Kopftuchs im Orient

Kopftuch ist nicht gleich Kopftuch!

Das Kopftuch wird im Westen oft als Symbol ewigen Rückschritts oder mangelnden Integrationswillens gedeutet - ein gängiges Klischee, hat sich doch die Rolle des "Hijab" im Laufe der Zeit immer wieder stark gewandelt, wie Sabine Enderwitz meint.

​​Der Frauenschleier hat im Vorderen Orient eine viel ältere Geschichte als der Islam, und gleichzeitig hat er sich in anderer Gestalt auch in Europa bis in die Moderne hinein gehalten. Dem Haar als Sitz der Lebenskraft wurden schon in ältesten Zeiten besondere Kräfte zugeschrieben, und zwar beileibe nicht nur dem Haar der Frauen. Die Überlieferung der biblischen Geschichte von Simson und Delila, die vielfach in der europäischen Malerei und Musik dargestellt und variiert wurde, zeigt es. Und doch war es in der Geschichte vor allem das Haar der Frauen, das ganz besonderen Vorsichtsmaßnahmen unterworfen werden sollte.

Kopfbedeckung hat auch in Europa lange Tradition

Von den zwanziger Jahren abgesehen, ging man bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts als gut bürgerliche Frau nicht ohne Hut in die Stadt, und erst allmählich aussterbende Redewendungen wie "unter die Haube kommen" künden noch heute von den Domestikationsstrategien, denen eine Frau durch ihre Verheiratung unterworfen wurde. Der Islam stellte in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar, sondern nahm mit der Ganzkörperverschleierung und der Institution des Harems die von den Frauen ausgehende Gefahr noch etwas ernster als das Juden- und Christentum. Oder verfügte die mittelalterliche islamische Gesellschaft nur über die größeren ökonomischen Ressourcen, so dass sie, gewissermaßen als unerhörten Luxus, einen Großteil der Bevölkerung ganz auf die biologische Reproduktion beschränken konnte?

Verschleierung als Statussymbol

Auch unter islamischen Vorzeichen trugen jedenfalls Bäuerinnen und Beduininnen weder Ganzkörperschleier, noch lebten sie abgeschlossen im Harem. Die volle Verschleierung war eine Prärogative der Städterinnen aus wohlhabenden Schichten, ein Standesmerkmal, das in eben dieser Eigenschaft den Neid der weniger Privilegierten auf sich zog. Zuallererst geschah es in Ägypten, dem am stärksten unter westlichem Einfluss stehenden, islamischen Land, dass dieser Luxus auf einmal als sträflich und selbstzerstörerisch betrachtet wurde. 1899 veröffentlichte der Reformer Qasim Amin sein Pamphlet über "Die Befreiung der Frau", und zwei Jahre später ließ er ihm als Antwort auf die Proteste von Seiten konservativer Azhar-Scheichs seine Ansichten zu "Die neue Frau" folgen.

Isolation der Frau belastet Wirtschaftskraft

Zu groß schien die gesamtgesellschaftliche Verschwendung, die aus dem Verzicht auf wertvolle Arbeitskraft resultierte, und zu groß schien der Schaden für die künftigen Generationen, wenn sie von nicht einmal halbgebildeten Müttern erzogen wurden. In den folgenden zwei Jahrzehnten legten Frauen aus der Oberschicht ihre Schleier ab, nahmen an Demonstrationen teil und erkämpften sich den Zugang zur Universität. In den Jahrzehnten darauf - und besonders nach der Revolution von 1952, die Gamal Abdel Nasser als Präsident Ägyptens zum Held der gesamten arabischen, islamischen und so genannten "Dritten" Welt machte - wurden Erziehungsprogramme für Mädchen aufgelegt und Bedingungen geschaffen, welche die Berufstätigkeit von Frauen erleichterten. In den sechziger Jahren sah Kairo wie eine moderne Stadt aus, in der sich eine herangewachsene Mittelschicht nach Kräften bemühte, ihren Vorbildern im Westen ähnlich zu werden. Das änderte sich gewaltig, als Nasser wenige Jahre nach seiner verheerenden Niederlage gegen Israel im Juni-Krieg von 1967 starb und sein Nachfolger Anwar Sadat eine Politik einschlug, welche die Religiösen begünstigte, um sie bei der Zurückdrängung der nasseristischen Linke einzuspannen, und zugleich ausländischen Investoren Tür und Tor öffnete.

Das Kopftuch als Reaktion auf das Scheitern der Moderne

Die bestehende und die aufstrebende Mittelschicht, die angehenden Mediziner, Juristen und Ingenieure, sahen sich zunehmend um ihre Zukunft betrogen. Aus diesem Milieu heraus, nicht etwa aus den Kreisen der Religiösen, entwickelte sich die neue, "islamistische" Bewegung, die in einer Rückkehr zu den Wurzeln, d.h. zu den Prinzipien und Vorschriften des Islam, die Lösung für die soziale Schieflage sah. Im Zuge dieser Entwicklung tauchte auch der Schleier wieder auf, nicht nur in Ägypten, sondern ebenso sehr in anderen islamischen Ländern, überall dort, wo die hoffnungsfroh begonnene Modernisierung in enttäuschte Hoffnungen gemündet war. Der Bürgerkrieg im Libanon, die Revolution im Iran, der Aufschub des Palästinaproblems, all das trug dazu bei, dass die Menschen zunehmend ihr Heil in einer Rückkehr zum Islam sahen; "der Islam ist die Lösung" wurde zum Schlagwort.

Der Schleier als ein Phänomen der Moderne

Der Islamismus (oder die Re-Islamisierung) war von Anfang an als Reaktion auf die Moderne ein Phänomen der Moderne, keine "Rückkehr ins Mittelalter". Dasselbe gilt für den Schleier bzw. das Kopftuch, die schon äußerlich eine Neuerfindung sind und keine Präzedenz in der islamischen Geschichte haben (Früher war der Schleier regional unterschiedlich und sozial abgestuft, heute existiert er nur noch in einer einzigen, als "islamisch" verstandenen Norm, die allerdings in unendlich vielen Graden existiert). Vor allem zeigt sich die Moderne in den modernen Funktionen von Schleier und Kopftuch, die sich so gar nicht in ein Schema der Rückwärtsgewandtheit einfügen wollen. Schleier und Kopftuch besitzen zusammen mit ihrer religiösen und vielleicht noch mehr als diese eine kulturelle, politische und soziale Relevanz. Nach außen hin, zum Westen und innerhalb der westlichen Gesellschaften symbolisieren sie eine Ablehnung der Alternative von Nichtintegration oder Assimilation, die selbstbewusste Suche nach einem "dritten", authentischen Weg.

Kopftuch auch ein Instrument der Befreiung

Nach innen, innerhalb der ägyptischen, syrischen oder türkischen Gesellschaft, symbolisieren sie den Anspruch auf Gerechtigkeit, einer Gerechtigkeit zwischen den Schichten ebenso wie den Geschlechtern, und diesen Aspekt übersieht man im Westen sehr leicht. Die "islamische Kleidung" für Männer und Frauen befreit ihre TrägerInnen vom Zwang, durch teure Kleidung, Kosmetika und Schmuck mit ihresgleichen (hoffnungslos) zu konkurrieren, und gleichzeitig ermöglicht sie die schon äußerlich sichtbare Ablösung von der möglicherweise als drückend empfundenen sozialen Herkunft. Darüber hinaus verhilft sie Mädchen und Frauen in einer Öffentlichkeit, die nach wie vor von Männern dominiert wird, zu einem Nimbus sexueller Unangreifbarkeit und erleichtert es ihnen auf diese Weise, ihren Weg in Ausbildung und Beruf einzuschlagen. Unter funktionalen Gesichtspunkten ist es also sehr wohl möglich, das Kopftuch als genaues Gegenteil einer zur Schau getragenen Rückständigkeit, nämlich als Attribut von Modernität, zu verstehen. Gleichwohl bleibt das Kopftuch multifunktional, dient es ebenso sehr einem Vater als Instrument, seiner Tochter die höhere Bildung zu verwehren, wie es der Tochter als Instrument dienen kann, ihrem Vater die höhere Bildung abzutrotzen.

Noch komplizierter wird es, wenn wir den islamistischen Diskurs betrachten, der den Schleier ins Zentrum seines Kampfes für Authentizität und gegen Verwestlichung stellt. Es ist ein absolutes Novum in der islamischen Geschichte, dass der weibliche Körper zum Austragungsort eines imaginierten Kulturkampfs zwischen "Islam" und (heidnischem) "Westen" geworden ist, wobei sich der letztere aus der Perspektive des ersteren vorrangig durch sein Fehlverhalten im Verhältnis der Geschlechter, der Generationen und von Familie und Öffentlichkeit negativ ins Bild setzt. Das Gegenbild ist dann ein authentischer Islam in "ursprünglicher" Reinheit, der schon durch den idealen Charakter fest gefügter Rollenbestimmungen nicht anders kann, als repressive Züge zu tragen. Doch sind das weitergehende Erwägungen, die einem muslimischen Mädchen bei seiner Suche nach Identität in einem Labyrinth einander kreuzender Ansprüche von Elternhaus und Schule, Peer-Group und Lehrstelle oder Religionsgemeinschaft und Stadtteil herzlich egal sein dürften.

Sabine Enderwitz

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