Die Autorinnen und Autoren des Sammelbands zeichnen ein Bild des Fußballs im Nahen Osten, das weit über das anstehende Großereignis hinausblickt und den Sport in die Geschichte des Nahen Osten einordnet. Neben den politischen Hintergründen der Weltmeisterschaft in Katar werden die Rolle der FIFA, die politische Macht des Fußballs sowie seine Rolle in unterschiedlichen Protestbewegungen beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass Fußball im Nahen Osten mehr als nur ein Sport und damit hochpolitisch ist.

Fußball im Nahen Osten 
Instrument der Unterdrückung und Emanzipation 

Der Sammelband "Das rebellische Spiel – Die Macht des Fußballs im Nahen Osten und die Katar-WM“ der Nahostexperten Jan Busse und René Wildangel setzt sich aus Anlass der Fußballweltmeisterschaft mit der gesellschaftspolitischen und historischen Relevanz von Fußball im Nahen Osten auseinander. Von Mirjam Schmidt 

Seit der Vergabe der FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2010 an Katar hat das kleine Land einen ungeahnten Bekanntheitsgrad erreicht. Doch ein positives Image ist damit allerdings nicht nur verbunden. Wie ein Staat, der selbst noch nie an einer Fußballweltmeisterschaft teilgenommen hat, den Zuschlag für ein solches Großevent erhalten konnte, beleuchten Jan Busse und René Wildangel in ihrem Sammelband "Das rebellische Spiel“.  

Die Autorinnen und Autoren des Sammelbands zeichnen ein Bild des Fußballs im Nahen Osten, das weit über das anstehende Großereignis hinausblickt und den Sport in die Geschichte des Nahen Osten einordnet. Neben den politischen Hintergründen der Weltmeisterschaft in Katar werden die Rolle der FIFA, die politische Macht des Fußballs sowie seine Rolle in unterschiedlichen Protestbewegungen beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass Fußball im Nahen Osten mehr als nur ein Sport und damit hochpolitisch ist.  

Die WM in Katar: ein politischer Schachzug 

Jan Busse und René Wildangel besprechen im ersten Teil des Sammelbandes ausführlich die anstehende WM und die Entscheidung für Katar als Austragungsort. Die beiden Autoren beschreiben, wie in den vergangenen Jahrzehnten Sport und speziell Fußball von den Golfstaaten als Instrument der "Soft-Power“ entdeckt und immer weiter ausgebaut wurden. Diese politischen Bestrebungen stehen in starkem Kontrast zu dem von der FIFA und Sportfunktionären bis heute immer wieder vertretenen Mantra: "Sport hat mit Politik nichts zu tun“.  

Die Autoren Marlon Saadi und Guido Steinberg machen in ihrem Beitrag deutlich, dass der ausschließliche Blick auf Katar als Gastgeberland der Weltmeisterschaft zur kurz greift, da auch die Nachbarstaaten am Golf sich Sport und insbesondere Fußball für ihre Politik zu Nutze machen.

Eine symbolisierte Sanduhr zeigt in der katarischen Hauptstadt Doha die Zeit bis zum Beginn der WM (Archivbild); Foto: Karim Jafaar/AFP/Getty Images
Der Countdown läuft: Am 20. November beginnt die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar mit dem Eröffnungsspiel. Der kleine Golfstaat nutzt die WM gezielt für seine strategischen und politischen Interessen. Vor allem diente die WM dazu, das Land in der Katar-Krise zwischen 2017 und 2021 zu schützen. Damals warf unter anderem Saudi-Arabien dem Emirat vor, terroristische Gruppen in der Region zu unterstützen. Saudi-Arabien und seine Verbündeten Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate setzten die diplomatischen Beziehungen zu Katar am 5. Juni 2017 aus und schlossen ihre Grenzen zu dem Land. Katar schaffte es jedoch durch seine gute internationale Vernetzung im Zuge der WM-Vorbereitungen, die Krise zu überwinden.

Spätestens ausgelöst durch den Arabischen Frühling im Jahre 2011, befinden sich alle Golfstaaten in einem "fundamentalen Transformationsprozess“, wie Cinzia Bianco und Sebastian Sons schreiben. Nicht nur die katarische Führung sieht im Fußball eine Möglichkeit, ihren nationalen und internationalen Einfluss auszubauen: "Mithilfe des Fußballs verfolgen die Golfstaaten eine Strategie der Machtprojektion und -konsolidierung, indem sie ihn auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene instrumentalisieren und politisieren.“ Auf dem Weg zur Ausbildung neuer Identitäten verstärkte sich der Konflikt zwischen den einzelnen Staaten am Golf weiter. 

Das kleine Emirat ist "too big to fail“ 

Diese Konkurrenz um regionale Machtansprüche führte zwischen 2017 und 2021 zur Katar-Krise. Katar schaffte es durch seine gute internationale Vernetzung im Zuge der WM-Vorbereitungen, die Krise zu überwinden und wurde in diesem Zusammenhang oft als "too big to fail“ bezeichnet. Die Autoren zeigen deutlich auf, wie die anstehende WM am Golf strategisch und politisch genutzt wird.  

Aber der Fußball hat nicht nur eine negative machtpolitische Seite: "Fußball-Diplomatie könnte bei der Wiederannäherung am Golf eine Rolle spielen“ und am Ende könnten alle Golfstaaten von der WM in Katar profitieren. Die Verwobenheit der WM 2022 mit der katarischen Machtstrategie ist somit nur ein Beispiel ür die regionale Verbindung zwischen dem Sport und den politischen Machthabern. 

Neben den machtpolitischen Hintergründen werden die Rolle der FIFA und die immer noch verheerende Situation der Arbeitsmigranten in Katar besprochen. Regina Spöttl beschreibt den schwierigen Weg der Arbeitsmigranten in Katar auf dem Weg zur WM. Bis heute werden die Reformen des katarischen Arbeitsrechts als nicht ausreichend angesehen und die Umstände bei den vielen Todesfällen unter den Arbeiterinnen und Arbeitern bleiben weiterhin ungeklärt.

Die Autorin beendet ihr Kapitel mit dem klaren Appell, auch nach der WM auf die Arbeitsrechte und ihre Umsetzung in Katar und den Nachbarländern zu schauen und den Druck aufrecht zu erhalten. 

Zwischen Kolonialherren und autoritären Machthabern  

Eine größere historische und regionale Perspektive wird im zweiten Teil des Sammelbands aufgezeigt. Die Autoren schauen auf die holprige Geschichte des Fußballs im Nahen Osten und die seit jeher bestehenden Verstrickungen zwischen Sport und Politik.  

 

Die Herausgeber bezeichnen den "Gegensatz zwischen der mobilisierenden Kraft des Fußballs und dessen rigoroser Einschränkung“ als "kennzeichnend für die Geschichte des Fußballs im Nahen Osten und Nordafrika“. Die Entstehungsgeschichte der Staaten im Nahen Osten ist oft auf unterschiedliche Weise mit dem Fußball verbunden und bis heute wird der Sport von Staatsoberhäuptern als ein Mittel zur Machtkonsolidierung benutzt.

Dabei waren die Ersten, die den Fußball politisch instrumentalisierten, die Kolonialmächte. Viele der ersten Fußballvereine wandten sich bewusst gegen sie und wollten den politischen Kurs ihrer Heimatländer mitgestalten. In Folge der Unabhängigkeitsbewegungen nutzten viele der neuen Herrscher den Sport, um ihre nationale Macht zu festigen.  

Dieser Trend besteht bis heute. Ronny Blaschke beschreibt eindrucksvoll, wie der syrische Machthaber Baschar al-Assad den Fußball in den letzten Jahren förderte, um nationale und internationale Anerkennung zurückzugewinnen.  

Fußball als Sprachrohr des Protests

Auch durch das von Moritz Baumstieger geschriebene Porträt des Ex-DDR Trainers Bernd Stange, der zwischen 2018 und 2019 Trainer der syrischen Nationalmannschaft war, zieht sich die Frage nach einer politischen Einstellung gegenüber dem Fußball wie ein roter Faden. Die Beiträge zum Fußball in der Geschichte Israels und Palästinas sowie des Iran unterstreichen, dass Fußball mehr als zweimal 90 Minuten auf dem Platz bedeutet und mitnichten unpolitisch ist. Die Autorinnen und Autoren zeigen hierbei auch die Zerrissenheit der Akteure im Fußball auf.  

Cover von Jan Busse, René Wildangel (Hrsg.) „Das rebellische Spiel – Die Macht des Fußballs im Nahen Osten und die Katar-WM“, Verlag Die Werkstatt 2022; Quelle: Verlag
Die Autorinnen und Autoren des Sammelbands zeichnen ein Bild des Fußballs im Nahen Osten, das weit über das anstehende Großereignis in Katar hinausblickt und den Sport in die Geschichte des Nahen Osten einordnet. Neben den politischen Hintergründen der Weltmeisterschaft werden die Rolle der FIFA, die politische Macht des Fußballs sowie seine Rolle in unterschiedlichen Protestbewegungen beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass Fußball im Nahen Osten mehr als nur ein Sport und damit hochpolitisch ist. 

Aber nicht nur von den Machthabern wird Fußball im Nahen Osten politisiert. Besonders im Zuge des Arabischen Frühlings wurde der Sport zur Plattform für politische Proteste.

Christoph Becker beschreibt wirkungsvoll den Kampf der iranischen Frauen für Gleichberechtigung im Fußball, der in erster Linie ein Kampf um den Zutritt zu den Stadien ist, aber auch in anderen Sportarten und außerhalb des Sports geführt wird.

Auch andere Staaten des Nahen Ostens sind weit von einer Gleichberechtigung der Frauen im Fußball und abseits des Platzes entfernt.  

Ein Grund hierfür ist laut Anna Reuß, dass Frauen immer noch "Projektionsflächen für Traditionen und Identität“ sind und die sportliche Aktivität und der Wettkampf dem unversöhnlich gegenüberstehen.

Allerdings sind in den letzten Jahren kleine positive Schritte in unterschiedlichen Ländern der Region eingeleitet worden.

Saudi-Arabien zum Beispiel ist dabei, eine Frauenfußballmannschaft aufzubauen und hat dazu im Jahr 2021 die ehemalige deutsche Fußballnationalspielerin Monika Staab als Trainerin eingestellt. 

Neben dem Kampf für Gleichberechtigung sind sowohl der politische Kampf der Hooligans in Ägypten als auch der musikalische Protest in Algerien bemerkenswerte Ausdrucksformen von gesellschaftlichem Protest bei Fußballspielen im Nahen Osten.

Die Macht des Fußballs, Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten zusammenzubringen und zu mobilisieren, reicht, wie in beiden Kapiteln aufgezeigt, weit über die Stadien hinaus. 

Das rebellische Spiel im Nahen Osten, auf und neben dem Feld, wird im Sammelband mit all seinen Schattenseiten dargelegt.

Dabei bleibt die Frage, wem der Fußball gehört, offen. Auch die anstehende WM in Katar, ein Machtinstrument des Emirs, ein vermeintlich unpolitisches Großsportevent der FIFA und die erste regionale WM für die Bevölkerungen im Nahen Osten, trägt die Vielschichtigkeit der Fußballgeschichte in sich.  

Die Autoren des Sammelband machen aber immer wieder deutlich, dass Fußball der beliebteste Sport im Nahen Osten und so seit über einem Jahrhundert mit der Geschichte der Region verwoben ist. 

Mirjam Schmidt 

© Qantara.de 2022 

Jan Busse, René Wildangel (Hrsg.) "Das rebellische Spiel – Die Macht des Fußballs im Nahen Osten und die Katar-WM“, Verlag Die Werkstatt 2022, 272 Seiten

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