Frauen im Iran

Zwischen Skepsis, Pragmatismus und sanftem Protest

Obwohl Irans Frauenbewegung eine der aktivsten in der islamischen Welt ist, bleibt es äußerst fraglich, ob sie sich in dem erstarrten patriarchalischen System der Islamischen Republik wirklich durchsetzen kann. Von Arian Fariborz

Obwohl Irans Frauenbewegung eine der fortschrittlichsten und aktivsten in der islamischen Welt ist, bleibt es äusserst fraglich, ob sie sich in dem erstarrten patriarchalischen System der Islamischen Republik wirklich durchsetzen kann. Von Arian Fariborz

Frauen Protestaktion für mehr Verfassungsrechte im Iran am 12.06.2005 vor der Universität Teheran, Foto: dpa
Gewachsenes Selbstbewußtsein: Frauen protestieren für mehr Verfassungsrechte im Iran vor der Universität Teheran

​​Eine junge Iranerin, als Junge verkleidet, versucht sich in das Teheraner Azadi-Stadion einzuschmuggeln, um das Fussball-WM-Qualifikationsspiel Iran gegen Bahrain anzuschauen. Doch die Camouflage fliegt auf. Sie wird von der Tribüne geholt und aus dem Stadion verbannt. Vor den Eingangstoren trifft sie auf weitere glücklose weibliche Fans, die von männlichen Tugendwächtern in Schach gehalten werden.

Treffender hätte der renommierte iranische Regisseur Jaffar Panahi in seinem kürzlich auf der Berlinale mit dem "Silbernen Bären" prämierten Film "Offside" das gesellschaftliche Dilemma moderner Frauen im heutigen Iran wohl kaum beschreiben können: Nach offiziellen Schätzungen sind 60 Prozent der Fussballfans in Iran weiblich, ihre Shootingstars heissen Mehdi Mahdavikia oder Wahid Hashemian.

Nicht wenige von ihnen sind über die neusten Spielergebnisse ausländischer Fussballklubs besser informiert als ihre Ehemänner. Und dennoch wird ihnen regelmässig das Recht verwehrt, ein sportliches Grossereignis live mitzuverfolgen, sofern sich Männer auf den Zuschauerrängen oder auf dem Spielfeld bewegen.

Trotz Frauensportbewegung im Offside

Dabei ist Sport in der Islamischen Republik schon längst keine Männerdomäne mehr. Im Gegenteil: Iran verfügt heute über eine offizielle Frauensportbewegung, die ihresgleichen in der islamischen Welt sucht.

Bereits Mitte der achtziger Jahre förderten die Mullahs sportliche Aktivitäten der Frauen und errichteten spezielle Sportzentren für Frauen in den grösseren Metropolen des Landes.

Fazeh Hashemi, die Tochter des früheren Präsidenten Hashemi Rafsanjani, betrachtete femininen Leistungssport sogar als Meilenstein für die Emanzipation der Frau. Die konservative Reformerin sorgte schliesslich für grosses Aufsehen, als sie 1993 die erste islamische Frauen-Olympiade ins Leben rief, die seitdem regelmässig in Iran stattfindet.

Doch obgleich Sportarten von Karate bis Nordic Walking heute für die jüngere Generation iranischer Frauen - anders als für die Revolutionsmütter der Khomeini-Ära - einen hohen Stellenwert haben, hat sich auch nach nunmehr fast drei Jahrzehnten kaum etwas an den für sie geltenden Restriktionen im öffentlichen Raum geändert: Fitness ist nach wie vor nur unter Ausschluss der Männer möglich, sei es in geschlossenen Studios, in Hallen oder im Freien - mit Kopftuch. Und seit der islamischen Revolution von 1979 ist es Frauen untersagt, sportliche Wettkämpfe und Anlässe von Männern zu besuchen.

Junge iranische Frauen spielen im Laleh Park in Teheran Fußball, Foto: AP
Fasziniert von Leistungssport: Junge Iranerinnen spielen im Teheraner Laleh Park Fußball

​​Doch nach jahrzehntelangen Verboten und Geboten islamischer Tugendwächter wissen Irans Frauen am besten, wie sie diese umgehen. So stiessen denn auch im Jahr 1997 vor dem Fussball-WM-Qualifikationsspiel Iran gegen Bahrain die im Rundfunk ausgestrahlten Appelle an die Frauen, dem Spiel der beiden Männermannschaften fernzubleiben, auf taube Ohren.

Nach dem 1:0-Erfolg der persischen Nationalelf zogen Tausende Iranerinnen in das Teheraner Azadi- Stadion und verwandelten den knappen Sieg gegen die Araber gemeinsam mit den Männern in ein wahres Freudenfest. Damit lieferten sie wohl auch Jaffar Panahi die filmische Steilvorlage für seine hintergründige Fussballkomödie "Offside".

Ereignisse wie dieses werfen ein Schlaglicht auf das sich wandelnde Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Frauen im heutigen Iran. Entgegen der verbreiteten westlichen Wahrnehmung sind Geschlechtertrennung und Kopftuchzwang nicht automatisch gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Ausschluss der Frau.

In der Regel sei das Gegenteil zutreffend, meint die iranische Feministin Mahsa Shekarloo: "Das Bild der iranischen Frau wird im Westen oft verzerrt dargestellt, und zwar in Form zweier Extreme: entweder als unterdrücktes, passives Opfer, das ein unselbständiges Leben als Hausfrau führen muss, oder aber als junge, moderne Rebellin, die auf oberflächliche Art mit gesellschaftlichen und religiösen Tabus bricht."

Starke Präsenz in Studium und Beruf

Tatsächlich ist heute ein grosser Teil der Iranerinnen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben viel aktiver als noch zu Zeiten des Schahs. Inzwischen sind über die Hälfte aller Studenten an Irans Hochschulen und Universitäten weiblich.

Und auch im Berufsleben stehen heute viele Iranerinnen den Männern in nichts nach: Sie arbeiten als Ärztinnen, Ingenieurinnen, Lehrerinnen oder Uni-Dozentinnen. Als Schauspielerinnen und Regisseurinnen bestimmen sie heute wesentlich die Film- und Theaterkultur ihres Landes.

Und auch auf politischer Ebene versuchen sie ihren Einfluss geltend zu machen und kandidieren als Parlamentsabgeordnete oder lassen sich als Bürgermeisterinnen wählen.

Diese Entwicklung hat ihre Ursache in der allmählichen Auflösung der streng patriarchalischen Familienstruktur der Khomeini-Ära. Das Frauenbild hat sich gewandelt von der muslimischen Revolutionärin und aufopferungsvollen Mutter in der Zeit des Iran-Irak-Kriegs hin zur selbstbestimmten, emanzipierten Frau von heute, die versucht, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

Auch haben der allgemeine Trend zur Modernisierung in Iran und die Zunahme wirtschaftlicher Zwänge zu einer weiteren Angleichung der Lebensbedingungen von Frauen und Männern geführt. Heute müssen vor allem in den urbanen Zentren wie Teheran oft beide Ehepartner ihrem Beruf nachgehen, um den Unterhalt für ihre Familie zu sichern.

Paradoxerweise scheint dabei die islamische Kleidervorschrift vielen Frauen zu ihrer beruflichen Ausbildung und ihrer Emanzipation verholfen zu haben. Vor allem Frauen aus konservativen Familien erlaube der Kleiderkodex, ihrer Kultur nicht den Rücken zu kehren, auch wenn sie am Arbeitsleben teilnehmen wollten, schreibt die iranische Publizistin Nasrin Alavi.

Die Verschleierung ermögliche den Frauen in der Männergesellschaft zum Teil sogar stärkere Partizipations- und Gestaltungs-Chancen als noch unter dem Schah-Regime.

Kultureller statt struktureller Wandel

Von der Wahl des reformorientierten Mohammed Khatami zum Präsidenten 1998 versprachen sich viele Frauen eine Stärkung ihrer politischen und vor allem bürgerlichen Rechte sowie die Auflösung der rigiden Moral- und Sittengesetze im öffentlichen Raum. Doch dass der innerhalb der verfassungsrechtlichen Zwänge des theokratischen Systems der "Herrschaft der Rechtsgelehrten" ("velayat-e faqih") agierende Präsident eine klare Verbesserung des rechtlichen Status der Frau erwirken könnte, sollte sich als Illusion erweisen.

Frauenkundgebung für Khatami in Teheran, Foto: Kai Wiedenhöfer
Enttäuschter Hoffnungsträger für die Frauen im Iran: Ex-Präsident Mohammed Khatami

​​"Die Frauen hatten anfangs grosse Hoffnungen in Khatami, doch der hielt am religiösen Staat fest", berichtet die iranische Feministin Hamila Nissgilli. "Das bedeutete, dass er eigentlich nicht viel verändern konnte oder wollte. Aber die Frauen haben unheimlich gekämpft. Als sie dann sahen, dass sich unter ihm nicht viel änderte, waren sie vollkommen enttäuscht!"

In seiner achtjährigen Regierungszeit förderte Khatami allenfalls die zivilgesellschaftliche Entwicklung des Landes, er veränderte also weniger die politische Struktur als die politische Kultur des Landes. Aktivistinnen wie die Herausgeberin der Zeitschrift "Zanan", Shahla Scherkat, betonen denn auch, dass sich die iranische Frauenbewegung unabhängig von der Regierung ihre Rechte stets selbst erkämpft habe.

Zweifellos ist die Tatsache, dass sich Frauen in der männerdominierten Gesellschaft einige Freiräume erobern konnten, nicht zuletzt das Resultat langjähriger Bemühungen der muslimischen Emanzipationsbewegung.

Vor allem in Irans couragierte Frauenrechtlerinnen, wie die Anwältin Mehrangiz Kar und die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, setzen viele Frauen heute ihre Hoffnungen. Dies nachdem die Reformislamisten unter Khatami ihren politischen Kredit verspielt hatten, weil sie es versäumten, trotz den gewachsenen beruflichen und familiären Anforderungen an die Frauen auch deren massive Benachteiligung, vor allem im Familien- sowie im Erbschaftsrecht, aufzuheben.

Hierzu bemerkt der in Paris lebende iranische Soziologe Farhad Khosrokhavar: "Diese Diskrepanz - subjektive Ähnlichkeit junger Männer und Frauen bei gleichzeitiger Disparität im legalen Status - hat bei den Frauen zu einem starken Gefühl der Ungerechtigkeit geführt. Hier liegen die Wurzeln für eine neue Frauenbewegung, welche die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Iran fordert - auch im Familienrecht."

Zählebige Geschlechtersegregation

In den Augen der islamischen Menschenrechtsaktivisten ist es weniger der Koran, der die Frauenrechte ignoriert, als vielmehr das patriarchale Gewohnheitsrecht der iranischen Männer.

Sie plädieren daher für eine zeitgemässe Lesart und Neuinterpretation des Korans sowie für eine Reform des islamischen Strafrechts, das die Bürgerrechte der Frauen stärker achtet.

Tatsächlich konnten die ambitionierten Frauenrechtlerinnen im Kampf um Gleichberechtigung bis heute bereits einige - wenn auch bescheidene - Erfolge verbuchen, so etwa im Scheidungsrecht, bei den gesetzlichen Regelungen zum Mutterschutz oder im Arbeitsrecht.

Allerdings hat sich an der Geschlechtersegregation bis heute kaum etwas geändert - gleich ob in öffentlichen Bussen, in Universitätsvorlesungen, auf Konzerten oder bei Sportveranstaltungen.

Vor dem Hintergrund einer zementierten patriarchalen Gesellschaftsordnung im Rahmen der Herrschaftsdoktrin der "velayat-e faqih" scheint es denn auch wenig realistisch, dass in naher Zukunft die rechtliche Gleichstellung der Frau verfassungsmässig verankert werden könnte.

Auch nach 26 Jahren islamischer Revolution beobachten Justiz und Wächterrat mit Argusaugen die Frauenrechtsbewegung, deren Vorstösse sie regelmässig zu blockieren versuchen und die sie als "unislamische" oder "verwestlichte" Neuerungen abstempeln.

Da auch die letzte Bastion der sogenannten Reformer, das Präsidentenamt, nach den Wahlen im vergangenen Juni gefallen ist und sich nun die gesamte politische Macht in den Händen der konservativen Kräfte vereint, hat die Frauenbewegung einen noch schwereren Stand.

Trotz Ahmadinejads radikalen Ankündigungen, zu den revolutionären gesellschaftlichen Anfängen der Khomeini-Ära zurückzukehren, geben sich Irans Frauenrechtlerinnen kämpferisch. Sie bezweifeln, dass es der Führung wirklich gelingen wird, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die iranische Frau wieder an den Herd zurückzuschicken.

Doch Angst und Skepsis sitzen tief, dass die wenigen Rechte, die Frauen in der Khatami-Ära der Männergesellschaft abtrotzen konnten, wieder zunichte gemacht werden könnten.

Arian Fariborz

© Neue Zürcher Zeitung 2006

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