Kommentatoren in der arabischen Welt und außerhalb vermuten, die harsche Kritik an Katar als WM-Ausrichter habe nicht nur mit realen Problemen, sondern auch mit rassistischen und orientalistischen Stereotypen zu tun.

FIFA-Weltmeisterschaft in Katar
Ist die Kritik an der Fußball-WM rassistisch?

Menschen aus dem Nahen Osten halten die europäische Kritik an WM-Gastgeber Katar für voreingenommen und heuchlerisch. Tatsächlich muss das Emirat offenbar mehr Kritik einstecken als frühere WM-Gastgeber. Woran liegt das? Cathrin Schaer und Emad Hassan haben nachgefragt.

Es scheint, als würde die Kritik an Katar, dem Gastgeberland der Fußball-WM immer lauter. Das kleine Emirat am Persischen Golf ist die erste Nation des Nahen Ostens, die das Mega-Sportevent ausrichtet. Katar wurde für seinen Umgang mit Migranten, mit der LGBTQ-Gemeinschaft und Frauen hart kritisiert. Auch die Art und Weise, wie der reiche Wüstenstaat überhaupt den Zuschlag für die Ausrichtung der WM erhalten hat, wurde verurteilt.

Gleichzeitig werden aber auch andere Stimmen lauter: Kommentatoren innerhalb und außerhalb der arabischsprachigen Welt fragen, warum Katar so scharf kritisiert wird. Sie vermuten, dass dies weniger mit politischen Fragen als vielmehr mit Rassismus, Orientalismus und sogar Islamophobie zu tun hat.

Protest gegen Rassismus und europäische Heuchelei

"Als Araber denken wir, dass es nicht die gleiche Art von Aufruhr gäbe, wenn dieses Turnier in einem nicht-arabischen Land stattfinden würde", schrieb die syrische Schriftstellerin Wafa Alloush in einem Leitartikel auf der arabischsprachigen Nachrichten-Website des türkischen Senders TRT.

"Es gibt viele Dinge in Katar, die es verdienen, kritisiert und ins Rampenlicht gerückt zu werden", schrieb Khaled al-Hroub, Professor für Nahost-Studien an der Northwestern University in Katar, auf der britischen Website Middle East Eye. "Aber es besteht ein großer Unterschied zwischen der konkreten Kritik an bestimmten Missständen und abwertenden Äußerungen über Katars Kultur oder der Verwendung von Stereotypen, die auf Rassismus hinauslaufen."
 

 

Andere Kolumnisten fragten in arabischsprachigen Medien, warum Russland, der Gastgeber der vorigen Fußballweltmeisterschaft, weit weniger stark kritisiert wurde. Sie nennen es heuchlerisch, wenn europäische Länder Katar kritisieren, obwohl sie weder ihre eigene koloniale Geschichte im Nahen Osten und in Afrika richtig aufgearbeitet hätten noch ihren Umgang mit Migration.

Diese Stimmung spiegelt sich auch in den sozialen Medien wider. So mokierten sich Nutzer zum Beispiel über die deutsche Mannschaft. Sie hätte ihr Spiel gegen Japan letzte Woche vielleicht nicht verloren, wenn sie sich nur auf den Fußball und nicht gleichzeitig auf die Menschenrechte und das Verbot der "One-Love"-Binde konzentriert hätte.

Yasser Abdel Aziz, ein ägyptischer Medienexperte, ist der Meinung, dass das alles ein bisschen viel war. "Katar ist nicht über Kritik erhaben", sagte er der Deutsche Welle. "Aber bisher scheint die Ausrichtung der Weltmeisterschaft nicht das Ausmaß an Kritik zu verdienen, das wir bei einigen westlichen Medien sehen." In Teilen der Kritik sieht Abdel Aziz eine starke kulturelle Voreingenommenheit, weil sie sich auf kulturelle Unterschiede zwischen dem Westen und dem Nahen Osten fokussiert.

Unkenntnis oder Rassismus?

Laut Wörterbuch ist Rassismus "der Glaube, dass verschiedene 'Rassen‘ unterschiedliche Merkmale, Fähigkeiten oder Eigenschaften besitzen". Als Orientalismus wird eine verzerrte Sicht der Unterschiede zwischen arabischen Menschen und Kulturen sowie den Europäern bezeichnet. Zum Orientalismus gehört auch ein Gefühl der europäischen Überlegenheit gegenüber der arabischen Welt.

Transparente die nach einem Boykott der WM in Katar rufen bei einem Bundesligaspiel zwischen Borussia Dortmund und Borussia Mönchen Gladbach (Foto: NordPhoto/IMAGO)
Westliche Heuchelei: "Es gibt viele Dinge in Katar, die es verdienen, kritisiert und ins Rampenlicht gerückt zu werden", schrieb Khaled al-Hroub, Professor für Nahost-Studien an der Northwestern University in Katar, auf der britischen Website Middle East Eye. "Aber es besteht eine große Kluft zwischen der konkreten Kritik von bestimmten Missständen und abwertenden Äußerungen über Katars Kultur und der Verwendung von Stereotypen, die auf Rassismus hinauslaufen." Für Jens Sejer Andersen, Direktor der Play the Game-Initiative am Dänischen Institut für Sportstudien hat die FIFA einen großen Anteil an der schlechten Presse für Katar. "Wenn es die Überzeugung gäbe, dass die FIFA transparenter, demokratischer oder fairer wird, dann würde dies auch die Art und Weise beeinflussen, wie wir die Weltmeisterschaft in Katar betrachten."

Es ist sicher richtig, dass ein Teil der Medienberichterstattung über die Weltmeisterschaft in Katar in dieser Kategorie gelandet ist: So veröffentlichte ein französisches Magazin eine Karikatur, die die Mitglieder der katarischen Fußballmannschaft als Terroristen darstellt. Die britische Zeitung "The Times" erweckte in ihren Bildunterschriften fälschlicherweise den Eindruck, Katarer seien es nicht gewohnt, Frauen in westlicher Kleidung zu sehen. Die Bildunterschriften wurden später geändert.

Ein französischer Reporter sagte, er sei von der Anzahl der Moscheen in Katar überrascht gewesen, und Einheimische aus Doha berichteten von Besuchern, die fragten, ob Frauen ein Kopftuch tragen müssten. All diese Vorfälle zeugen von einem Mangel an Kenntnissen über das Land und die Region.

Es ist jedoch auch wahr, dass viele der aktuellen Argumente, die zu diesem Thema veröffentlicht werden, auf einer Taktik in der Debatte beruhen, die als "Whataboutism" bekannt ist. "Die Katarer haben sich schon sehr früh auf solche Debatten vorbereitet", sagt Jens Sejer Andersen, internationaler Direktor der Initiative "Play the Game" am Dänischen Institut für Sportstudien. Die 1997 gegründete Initiative versucht, ethische Standards im Sport durchzusetzen.

Als Beispiel verweist Andersen auf eine Untersuchung, die Anfang November vom öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunksender "Swiss info" veröffentlicht wurde. Sie befasst sich mit dem sogenannten "Projekt Gnadenlos", einer jahrelangen Spionageaktion Katars gegen FIFA-Funktionäre. "Ich kann nicht leugnen, dass es Kritiker mit einem rassistischen oder orientalistischen Standpunkt gibt", sagt Andersen, "aber es gibt auch eine Reihe von Leuten, die mehr oder weniger von katarischen Geldern abhängig sind und die dieses Argument (der Verweis auf westliche Heuchelei, Anm. der Red.) in den letzten Monaten auffallend häufig verwendet haben, um Kritiker zu beschämen - selbst wenn die Kritik berechtigt ist."

Kontroverse ist nicht schwarz-weiß

Unabhängig davon, wie die Kontroverse entstanden ist, beeinflusst sie die Berichterstattung über Themen, die diskussionswürdig sind. Und das auch unabhängig davon, ob sie Katar und den internationalen Sport im Allgemeinen negativ oder positiv beeinflusst, sagen Experten der Deutschen Welle. Es sei verständlich, dass Katar kritisiert werde, sagt Andrew Spalding, Rechtsprofessor an der Universität Richmond in den USA. "Aber hier geht es um viel mehr", so der Experte für Menschenrechte bei Sportgroßveranstaltungen, der derzeit selbst in Katar weilt.

In der Debatte fehle es an Nuancen, so Spalding gegenüber der Deutschen Welle. Allein das Reden über Stereotype - ob bewusst oder unbewusst - sei teilweise schuld daran. Er fügt jedoch hinzu, dass es nicht nur Rassismus oder Orientalismus sind, die dieses Ausmaß an Empörung hervorrufen. Auch andere Dinge spielten eine Rolle. "Infolge der Kontroversen um die Gastgeber einer Reihe von Sportgroßveranstaltungen in jüngster Zeit - China, Russland und Südafrika - sind wir dazu übergegangen, die Ausrichtung dieser Veranstaltungen in nicht-westlichen Ländern als anfällig für Korruption und Menschenrechtsprobleme zu betrachten", erklärt Spalding.

Tatsächlich aber, so Spalding, habe sich Katar ganz anders verhalten als frühere Gastgeberländer wie China oder Russland. "Als Reaktion auf Kritik hat China beispielsweise dem Westen den Mittelfinger gezeigt und gesagt, ihr könnt uns nicht zwingen, uns zu ändern", sagt Spalding. Unter Druck habe Katar jedoch die Arbeitsgesetze geändert und seine Beziehungen zu Organisationen wie der Internationalen Arbeitsorganisation verbessert. "Die westlichen Medien scheinen die Erfolge an dieser Front einfach nicht anerkennen zu wollen", so Spalding weiter.

Die FIFA ist nicht schuldlos am schlechten Bild

Dies zu erwähnen und zu würdigen sei aber wichtig. "Wenn wir den Sport menschenrechtskonformer machen wollen, müssen wir daraus lernen", sagt Spalding. "Andernfalls berauben wir uns selbst eines Instruments, das wir in den kommenden Jahren in Ländern wie den USA einsetzen wollen". Die nächste Weltmeisterschaft wird 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen.

Jens Sejer Andersen von der Initiative "Play The Game" stimmt zwar zu, dass Katar stärker in die Kritik geraten ist als viele andere Länder, die große Sportereignisse ausrichten, doch glaubt er nicht, dass Katars Fortschritte ignoriert wurden. "Obwohl die Durchsetzung dieser Reformen noch aussteht, begrüßen und würdigen wir sie", so Andersen gegenüber der Deutschen Welle. "Und wir sagen nicht, dass Katar kein Recht hat, eine WM auszurichten. Wir sagen nur, dass von Seiten Katars und sicherlich auch von Seiten der FIFA mehr getan werden muss."

Andersen ist sogar der Meinung, dass die FIFA einen großen Anteil daran hat, dass Katar mehr schlechte Presse als üblich bekommen hat. "Wenn es die Überzeugung gäbe, dass die FIFA transparenter, demokratischer oder fairer wird, dann würde dies auch die Art und Weise beeinflussen, wie wir die Weltmeisterschaft in Katar betrachten." Stattdessen werfe die Korruption in der FIFA ein schlechtes Licht auf Katar und das "selbst in Fällen, in denen Katar nichts mit der Korruption zu tun hat", argumentiert Andersen.

Das Wichtigste sei jetzt, dass die Sportfans eine realistische Debatte über die Werte dieser Großereignisse führen - auch bei Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen, so Andersen abschließend. "Katar und die FIFA können sich zumindest den Verdienst zuschreiben, eine so wichtige globale Debatte über den Wert des Sports angestoßen zu haben."

Cathrin Schaer & Emad Hassan

© Deutsche Welle 2022

Der Text wurde aus dem Englischen adaptiert.

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