Einwanderungsland Marokko

Schwierige Integration von Migranten aus Schwarzafrika

Marokko ist seit 2013 offiziell Einwanderungsland. Damit hat das Königreich auf die steigende Zahl von Migranten reagiert. In mehreren Legalisierungswellen wurden einige Zehntausend Aufenthaltsgenehmigungen erteilt. Trotz dieses Fortschritts bleibt die Politik gegenüber den Einwanderern widersprüchlich. Von Claudia Mende

Christopher Agbaye und Gargar Barchure aus Liberia haben ihre Heimat schon vor fünf Jahren verlassen. Ihre Odyssee führte sie durch Mali und Algerien bis nach Marokko. Von Marokko aus, so hofften sie, könnten sie Europa erreichen. Aber daraus wurde nichts. "Zwei Mal wurden wir von der marokkanischen Polizei verhaftet", erzählt Christopher Agbaye, 40 Jahre alt, von Beruf Medizintechniker. Die Strapazen der Flucht haben sich in sein Gesicht eingebrannt. "Beim dritten Versuch sind die Schlepper einfach mit dem Geld abgehauen." Er hat ein kaputtes Bein, bräuchte eine Operation. "Die Überfahrt war nicht möglich. Jetzt müssen wir hierbleiben."

Wie die beiden Männer aus Liberia haben Migranten aus Afrika südlich der Sahara in Marokko lange Zeit nur ein Transitland gesehen. Niemand hatte vor zu bleiben. Doch weil sich Europa weiter abschließt, richten sich immer mehr notgedrungen auf ein Leben in Marokko ein.

Wie viele Migranten heute genau in Marokko leben, weiß niemand genau. Laut Schätzungen sind es ca. 70.000, darunter neben Menschen aus Guinea, der Elfenbeinküste, Senegal, Nigeria, Togo, Kamerun oder Südsudan auch rund 4.000 bis 5.000 syrische Flüchtlinge sowie Geflüchtete aus dem Jemen. Syrer und Jemeniten können allerdings einen Flüchtlingsstatus beim UNHCR und damit auch finanzielle Unterstützung erhalten. Christopher Agbaye und Gargar Barchure haben auch einen Antrag auf Flüchtlingsstatus gestellt, der UNHCR hat ihn aber abgelehnt.

Keine Politik der reinen Abschottung

Sie sind Einwanderer in einer Gesellschaft, die selbst viele Migranten produziert. Laut Umfragen wollen die meisten jungen Marokkaner lieber heute als morgen das Land verlassen. Auch sie kämpfen mit massiver Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ungleichheit. Rund fünf Millionen Marokkaner sind in den letzten Jahrzehnten bereits immigriert, die meisten von ihnen nach Europa.

Kunstinstallation von afrikanischen Migranten auf dem Gelände der NGO "Orient Occident" in Rabat; Foto: Claudia Mende
Hilfe zur Selbsthilfe für afrikanische Migranten: Die Organisation „Fondation Orient Occident“ begleitet Migranten bei der Integration in die marokkanische Gesellschaft, hilft ihnen Jobs zu finden oder kleine Geschäfte aufzubauen, vor allem aber will sie eine Brücke zwischen den Einheimischen und den Neuankömmlingen bilden, Konflikte entschärfen und zu mehr interkultureller Verständigung beitragen.

Doch gleichzeitig gibt es die Realität steigender Zahlen von Migranten aus Schwarzafrika seit den 1990er Jahren. Marokko hat diese Tatsache inzwischen offiziell anerkannt. Als bisher einziges Land in Nordafrika verfolgt es mit seiner "Stratégie Nationale d'Immigration et d'Asile" seit 2013 eine Einwanderungspolitik, die nicht auf reiner Abschottung basiert wie etwa im Nachbarland Algerien.

Auf Grundlage dieser Politik erhielten seitdem jeweils rund 20.000 Migranten pro Jahr Aufenthaltsgenehmigungen (cartes de séjour). Damit haben sie das Recht, ihre Kinder in öffentliche Schulen zu schicken (wenn diese Arabisch sprechen) und die Basisleistungen des staatlichen Gesundheitssystems zu nutzen, wie die Einheimischen. Zahlreiche Organisationen der Zivilgesellschaft sind entstanden, die die Migranten dabei unterstützen, ihre neuen Rechte wahrzunehmen und Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt und Gesundheitssystem zu finden.

Eine dieser Organisationen ist die "Fondation Orient Occident" in Rabat. Zwar gab es die Fondation bereits vor 2013, aber sie hat erst danach ihren Fokus auf Migranten gelegt.

Irgendwie überleben

Die Migranten aus Schwarzafrika in Marokko, ob sie nun legal oder "illegal" im Land sind, versuchten einfach, irgendwie zu überleben, meint Nadia Tari, Projektkoordinatorin bei der Fondation. "Viele von ihnen arbeiten schwarz auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder im Transport", sagt sie. "Auch Betteln ist weit verbreitet." Trotzdem richten sie ihr Leben irgendwie ein, denn die Grenzen nach Europa sind "rigoros geschlossen". Mit den Jahren verflüchtige sich dann die Idee, nach Europa zu gehen.  Zentraler Wendepunkt sei häufig die Familiengründung. Wenn die Menschen heiraten und Kinder bekommen, eine bescheidene Arbeit finden, Freunde und Nachbarn haben, dann lassen sie sich oftmals dauerhaft in Marokko nieder.

Die Organisation begleitet Migranten bei der Integration in die marokkanische Gesellschaft, hilft ihnen Jobs zu finden oder kleine Geschäfte aufzubauen, vor allem aber will sie eine Brücke zwischen den Einheimischen und den Neuankömmlingen bilden, Konflikte entschärfen und zu mehr interkultureller Verständigung beitragen. Konflikte entzünden sich häufig an banalen Nachbarschaftsstreitigkeiten über zu laute Musik oder Streitereien zu nächtlichen Stunden. Hier müssten sich die neu Zugewanderten an die in Marokko üblichen Gepflogenheiten anpassen, meint Tari und nach 22 Uhr eben leiser sein.

Migranten vor der katholischen Kathedrale St. Peter in Rabat; Foto: Claudia Mende
Berufliche Integration mit vielen Hürden: Wer eine Aufenthaltsgenehmigung hat, verfügt noch lange nicht über eine Arbeitserlaubnis, diese erfordert eine weitere mühselige Prozedur. Viele Migranten wenden sich in ihrer Not an die katholische Kathedrale St. Peter im Banken- und Geschäftszentrum von Rabat, in der Hoffnung, dort Unterstützung zu finden.

Integrationshilfen für afrikanische Migranten

Auf dem Gelände der Organisation in Rabat Agdal bietet die Fondation Afrikanerinnen die Möglichkeit, ohne große Formalitäten Haarpflege- und Schönheitsprodukte sowie Speisen aus ihren Heimatländern zu verkaufen. Immerhin hat die geänderte Rechtslage die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen wie der "Fondation Orient Occident" erleichtert.  Nun ist es kein Problem mehr für die Organisation, zum Beispiel Schwangere bei der Geburt ins Krankenhaus zu begleiten.

Andere Organisationen wie etwa die Caritas Marokko unterstützen Migranten zum Beispiel durch Vorkurse für Schulkinder zum Erlernen der arabischen Sprache, durch Unterstützung bei der Einschreibung in die Schulen oder Berufsausbildung, bei Behördengängen etwa zur Ausstellung von Geburtsurkunden oder psychologische Beratung.

Obwohl sich der Rechtsstatus von Migranten durch die Legalisierungen seit 2014 verbessert hat, bleibt die marokkanische Politik ihnen gegenüber widersprüchlich. Bürokratie, Behördenwillkür und brutale Aktionen der Polizei erschweren ihre Situation auch weiterhin. Immer wieder gibt es diese Polizeiaktionen, bei denen Migranten willkürlich aufgegriffen, in Busse verfrachtet und in den Süden des Landes gekarrt werden.

Auch das haben die beiden Männer aus Liberia erlebt. Vor einem Jahr wurden sie auf diese Weise, nur mit einer Flasche Wasser und einem trockenen Brot mit Kartoffeln ausgestattet, nach Tiznit südlich von Agadir verbracht. Danach mussten sie sich mühsam wieder das Geld für eine Rückfahrt nach Rabat erbetteln. Vor kurzem ist ihnen das wieder passiert, damals wurden sie südlich von Marrakesch ausgeladen. Welche Logik hinter solchen Aktionen steckt, ist schwer nachvollziehbar. Für die Betroffenen bedeuten sie eine erhebliche Unsicherheit. Nadia Tari meint, die Behörden wollten damit Migranten temporär aus touristischen Gebieten oder vor internationalen Konferenzen aus dem Blickfeld räumen.

Hürden auf dem Arbeitsmarkt

Neben der Angst vor Polizeiwillkür ist die Suche nach Arbeit eines der Hauptprobleme. Gerade die Suche nach einem stabilen Einkommen bleibt eine große Herausforderung, denn für "für qualifizierte Arbeit brauche man gültige Papiere und Berufsabschlüsse, die die wenigsten mitbringen", meint Tari.

Pfarrer Daniel Nourissat; Foto: privat
"Viel Angst vor dem Anderen": "Die neue Einwanderung ist für beide Seiten ein Lernprozess", sagt Pfarrer Daniel Nourissat. Denn für die marokkanische Gesellschaft ist die Zuwanderung von Menschen aus Schwarzafrika noch ein relativ neues Phänomen. Und viele Menschen aus Schwarzafrika kämen mit massiven Vorurteilen gegen Araber und die Christen unter ihnen auch gegen "den Islam" nach Marokko.

Wer eine Aufenthaltsgenehmigung hat, verfügt noch lange nicht über eine Arbeitserlaubnis, diese erfordert eine weitere mühselige Prozedur. Christopher Agbaye und Gargar Barchure wurden Jobs in einem Restaurant in Rabat angeboten. Dafür brauchen sie jedoch eine Arbeitsgenehmigung. Für diese müssen sie wiederum gültige Pässe vorweisen, die ihnen die liberianische Botschaft auch ausstellen würde, allerdings gegen viel Geld, das die beiden nicht haben. In ihrer Not haben sie sich an die katholische Kathedrale St. Peter im Banken- und Geschäftszentrum von Rabat gewandt, in der Hoffnung, dort Unterstützung zu finden.

Pfarrer Daniel Nourissat kennt viele solcher Schicksale, denn zur Kirche kommen täglich Hilfesuchende, Christen wie Muslime. Nourissat, ein gebürtiger Franzose, versucht mit seinem kleinen Budget zu helfen, wo er kann, die Gemeinde hat einer Kleiderkammer und jetzt in der Corona-Krise organisieren Freiwillige mit Lebensmittelspenden kostenlose Mahlzeiten. Der Pfarrer kennt auch die Geschichten von Diskriminierung und Rassismus, die manche Migranten erleben.

Neue Zuwanderung als gegenseitiger Lernprozess

Ja, es gebe Pöbeleien auf der Straße, meint er, oder Vermieter, die die Migranten bei Mietrückständen gleich rausschmeißen. Er erzählt aber auch von Hilfsbereitschaft und Solidarität. Da gibt es die Ärztin, die schwerkranke Migranten kostenlos operiert oder Privatleute, die die Studienkosten für afrikanische Migranten übernehmen. "Solche Beispiele von Hilfsbereitschaft interessieren mich mehr als die anderen Geschichten." 

Für die marokkanische Gesellschaft ist die Zuwanderung von Menschen aus Schwarzafrika noch ein relativ neues Phänomen. "Die neue Einwanderung ist für beide Seiten ein Lernprozess", sagt Nourissat. "Es gibt da viel Angst vor dem Anderen." Viele Menschen aus Schwarzafrika kämen mit massiven Vorurteilen gegen Araber und die Christen unter ihnen auch gegen „den Islam“ nach Marokko.

Nicht nur bei der marokkanischen Polizei, auch unter den Migranten selbst existierten Rassismus und ein hohes Gewaltpotenzial. "Das fängt schon an der marokkanisch-algerischen Grenze an", erzählt er. "Kaum haben die Migranten in Oujda Marokko erreicht, werden sie von ihren 'Brüdern' geschnappt und eingesperrt." Die "Brüder" erpressten dann mit teilweise großer Brutalität Lösegelder von den Familien.

Ja, es gebe Ablehnung auf beiden Seiten, meint auch Nadia Tari. Es gebe in Marokko den Rassismus einer arabischen Gesellschaft, die in Schwarzafrikanern das unterlegene Andere sehen würde und alte Klischees über Schwarze etwa aus Filmen im Kopf hätte. Zwar war Marokko schon immer eine ethnisch bunte Gesellschaft, offiziell anerkannt war das lange Zeit aber nicht. Erst die neue Verfassung von 2011 hat diesem multikulturellen Charakter des Landes Rechnung getragen.

Neben der arabischen Sprache und Kultur gehören erst jetzt auch offiziell Berber und die Saharo-Hassani im Süden des Landes zur Identität Marokkos. Das hilft auch bei der Integration der Neuankömmlinge. Aber bis Einwanderung in Marokko etwas Alltägliches ist und die Migranten selbstverständlich dazugehören, wird es noch dauern.  

Claudia Mende

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