Dokumentarfilm "Touba"

Pilgerfahrt zu Sheikh Bamba

Der Dokumentarfilm "Touba" von Chai Vasarhelyi zeigt das größte Sufi-Pilgerfest im subsaharischen Afrika. Marian Brehmer hat sich den Film angesehen.

"Möge dies ein heiliger Ort sein, welcher jedem Gläubigen, der nach Mekka reisen möchte, jedoch nicht die Mittel dazu hat, den Segen einer Pilgerfahrt ermöglicht", heißt es in einem Gebet des senegalesischen Sufi-Heiligen Sheikh Ahmadou Bamba Mbacké aus dem 19. Jahrhundert über seine geistige Heimatstadt.

Gemeint ist Touba, die mittlerweile zweitgrößte Stadt Senegals und Ziel der größten Sufi-Pilgerreise im subsaharischen Afrika. "Touba" heißt auch der Dokumentarfilm der US-amerikanischen Regisseurin Chai Vasarhelyi, der das Pilgerfest 170 Kilometer östlich der senegalesischen Hauptstadt Dakar begleitet. Die Dokumentation macht dabei vor unseren Augen eine islamische Ritualwelt lebendig, von der bei uns nur wenig bekannt ist, liegt doch der Fokus mit Blick auf den afrikanischen Islam zumeist auf den Maghreb-Staaten.

Eine Art senegalesischer Gandhi

Sheikh AhmadouBamba ist der spirituelle Ordensstifter der Mourid-Bruderschaft im Senegal, wo die Mehrheit der rund zwölf Millionen Muslime ihren Glauben ihm Rahmen des Sufismus ausübt. "Mourid" bezeichnet auf Arabisch einen Sufi-Adepten, der sich einem spirituellen Meister angeschlossen hat. Die Biografie des 1853 geborenen Sheikh ist bemerkenswert, ist sie doch eng mit dem kolonialen Schicksal Schwarzafrikas verbunden - für seine Anhänger ist Bamba eine Art senegalesischer Gandhi.

Ahmadou Bamba war ein religiöser Reformer aus dem Zentralsenegal, der sich in jungen Jahren durch seine dichterische Begabung hervortat. Noch heute werden seine auf Arabisch verfassten Gedichte zu Ehren des Propheten von Sufis im Senegal rituell gelesen. Im Jahr 1887 schuf Bamba die Stadt Touba, damals noch ein kleines Dorf, als spirituellen Sitz seines neu gegründeten Ordens. Der Sheikh predigte Gewaltlosigkeit und den "großen Dschihad" der Sufis, den Kampf gegen die inneren Feinde des Menschen, Gier, Hass, Lüge und Gewalt. Die herrschende Kolonialmacht mit Waffen zu bekämpfen lehnte Bamba jedoch entschieden ab.

Seine stetig wachsende Gefolgschaft brachte dem Sheikh zum Ende des 19. Jahrhunderts das Misstrauen der französischen Kolonialherren ein, die in seiner Bewegung eine politische Bedrohung sahen und in Bamba einen potenziellen Freiheitskämpfer. 1895 ließ das Kolonialregime den Sufi-Führer festnehmen, der sich widerstandslos ins Exil nach Gabon schicken ließ, wo die Franzosen afrikanische Freiheitskämpfer in Isolationshaft gefangen hielten. 

Nach sieben Jahren in der Isolation lebte Bamba abermals neun Jahre unter Hausarrest, unter anderem im benachbarten Mauretanien. In dem Bericht eines französischen Beamten, dem die Beaufsichtigung des Sheikhs unterstellt war, heißt es: "Dieser Sheikh Bamba besitzt eine angeborene Kraft, deren Ursprung der menschliche Verstand nicht zu verstehen vermag um zu erklären woher sein einnehmende Wirkung auf andere herrührt."

Spirituelle Inspirationsquelle und Nationalsymbol zugleich

Die jährliche "Mangal"-Pilgerfahrt nach Touba, an der Hunderttausende Sufis teilnehmen, wird zum Gedenken an Sheikh Bambas Exil zelebriert. Erinnert wird an die Standhaftigkeit und den Glauben Sheikh Bambas, der die Exiljahre in Gebet und Gottesdienst verbrachte und dabei Gott näher gekommen sei. Die Geschichte von Sheikh Bambas Exil, eine Art senegalesische "Hidschra", die assoziativ an das Exil Mohammeds von Mekka nach Medina erinnert, verbindet heute Massen von senegalesischen Gläubigen. Sheikh Bamba ist dabei spirituelle Inspirationsquelle und Nationalsymbol zugleich, seine Lebensgeschichte wurde ausgeschmückt mit zahlreichen Wunderanekdoten.

Der Film "Touba" macht dies durch viele kleine Interviews deutlich, sowohl mit Pilgern als auch mit den Sheikhs des Mourid-Ordens. Die Kameras von Chai Vasarhelyis Team sind immer nah am Geschehen und fangen viel von der Stimmung ein, was bemerkenswert ist, bedenkt man, dass die Crew für den Großteil des Films nur drei Tage Drehzeit hatte. Allerdings ist der Dokumentation auch ein Hollywood-Einschlag anzumerken: Die Titelmusik, zahlreiche Zeitlupen-Sequenzen und Drohnenaufnahmen erzeugen eine Dramatik, die das Thema eigentlich nicht nötig hätte. 

Und so wirkt die Dokumentation häufig eher exotisierend als informierend. Ob Einstellungen von schwitzenden Rastafari-Derwischen, die lauthals singend im Kreis hüpfen oder Bilder von ergebenen Gläubigen, die sich vor einem selbstbewussten Sufi-Meister berauscht in den Sand schmeißen - oftmals erscheint die Tradition verstörend, sodass die Frage aufkommt, ob die Kameras vielleicht absichtlich auf die Suche nach dem Bizarren, uns Fremden gingen.

An der Oberfläche

Zudem liefert "Touba" keine Informationen über die geistigen Hintergründe des Sufismus, etwa das Verhältnis zwischen Schüler und Meister oder die Bedeutung der gezeigten, oft ekstatischen Rituale. Ohne den Kontext jedoch lässt sich vieles, was im Film gezeigt wird, im besten Falle nicht verstehen, wahrscheinlich aber gänzlich missverstehen. Die Dokumentation bleibtsomit an der Oberfläche.

Eindrücklich sind dagegen die verlesenen Passagen aus Sheikh Ahmadou Bambas Werk, die zu den gezeigten Bildern eingestreut werden. Dass eine Pilgerfahrt neben dem Heiligen auch reichlich Profanes beinhaltet verdeutlichen die Aufnahmen vom Rande des Fests: Die riesigen Schlafstätten im Innenhof der Hauptmoschee, die Aufseher, die der schubsenden Menschenmenge Herr zu werden versuchen und Quacksalber, die im Pilgerbasar Pülverchen gegen alle möglichen Leiden verkaufen.

Hierbei wird gezeigt, wie die Pilgerfahrt gleichzeitig zum sozialen Zusammenhalt der senegalesischen Gesellschaft beiträgt: Touba ist Versammlungsort von Familien und Freunden, Begegnungsstätte von Gläubigen aller Schichten und Landesteile - und damit Symbol für einen lebensbejahenden Volksglauben, der mit der strengen Religionsauslegung der Fanatiker wenig gemeinsam hat.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2017

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