Die Weltmusikband Neotolia

Es war einmal

Der Grenzbereich zwischen Jazz und östlicher Musik wurde bereits oft erforscht. Aber auf "Neotolian Song", der jüngsten Aufnahme der Bostoner Band Neotolia, schließt diese Verschmelzung auch den Rest der Welt mit ein. Von Richard Marcus

Im Mittelpunkt der Band Neotolia stehen die Sängerin und Songwriterin Nazan Nihal und der Pianist und Komponist Utar Artun. Beide sind türkischer Abstammung, doch ihr musikalischer Hintergrund ist sehr unterschiedlich: Artun ist Professor an der berühmten Berklee-Musikhochschule, und Nihal sang früher in den Kaffeehäusern und Clubs der Türkei. Jetzt sind sie verheiratet, und ihre Band ist ein Ausdruck der Liebe zur traditionellen türkischen Musik, die beide gemeinsam haben.

Anstatt Musikstücke einfach neu zu interpretieren oder so zu spielen, wie sie schon immer gespielt wurden, machten sich Nihal und Artun daran, die traditionelle Musik zu überarbeiten. So schufen sie neue Songs, mit denen sie die Tradition ehren und gleichzeitig leichter zugänglich machen. Dazu verwenden sie auch Instrumente aus anderen Traditionen und schreiben englische Texte.

Aber „Neotolian Song“ ist mehr als eine Mischung verschiedener Musikstile. Das Album ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man aus einer musikalischen Tradition etwas Neues schaffen und dabei gleichzeitig die Integrität der Ursprungsmusik bewahren kann. Anstatt lediglich eine musikalische Tradition über eine andere zu stülpen, stellt dieses Album die Gemeinsamkeiten der vielen verschiedenen Musiker und Instrumente heraus – die aus Amerika, der Türkei, dem Irak, aus China, Finnland und dem Libanon stammen.

Musikalische Entwicklung

Bereits beim ersten Stück, "Bir Varmis Bir Yokmus" ("Es war einmal"), erkennen wir, dass sich dieses Album sehr von anderen unterscheidet. Das Lied beginnt mit den wunderbaren Klängen einer Flöte, die durch eine feine Klavierstimme untermalt werden. Neben diesen beiden Instrumenten schwingt sich Nihals Stimme empor, und dann gehen die drei gemeinsam auf eine klangvolle musikalische Reise.

CD-Cover Neotolia: "Neotolian Song"; Quelle: Interrobang Records
Mehr als nur eine Mischung verschiedener musikalischer Genres: „Neotolian Song“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man aus einer musikalischen Tradition etwas Neues schaffen und dabei gleichzeitig die Integrität der Ursprungsmusik bewahren kann.

Nach und nach wird uns aber klar, dass sich dieses Stück in eine ungewöhnliche Richtung entwickelt. Zunächst gesellt sich ein sanftes Schlagzeug dazu, dessen Klänge wie Regentropfen auf den Rest der Musik niederfallen. Dann schließt sich ein Saiteninstrument an, und plötzlich finden wir uns in einer Welt der minimalistischen Klanglandschaften wieder.

Dieser Übergang ist so meisterhaft gestaltet, dass wir ihn als Zuhörer kaum wahrnehmen. So bekommt der Zusammenklang der Instrumente ein fast mystisches Element.

Was sich zu Anfang wie ein einfaches und schön gespieltes Lied anhörte, ist jetzt nicht mehr von dieser Welt. So sind wir als Zuhörer geradezu gezwungen, alle vorgefertigten Meinungen über dieses Album aufzugeben – und für alles bereit zu sein.

Das ist auch gut so, denn schon das darauffolgende Stück, "The Thrill of the Chase" ("Jagdfieber") entwickelt sich in eine völlig andere und unerwartete Richtung.

Dieser Song stammt aus der Feder von Nihal, aber sie nimmt nicht aktiv daran teil. Artun wird hier von dem türkisch-armenischen Avantgarde-Perkussionisten und Vokalisten Arto Tuncboyaciyan, dem finnischen Gitarristen Jussi Reijonen an der Oud, Dave Wecki am Schlagzeug und Bruno Raberg am Kontrabass begleitet.

Dieses Stück hört sich anders an als jede bisher bekannte Folkmusik. Es erinnert an die Art von experimentellem Jazz, der normalerweise mit Gruppen wie dem "Art Ensemble of Chicago" in Verbindung gebracht wird.

Tuncboyaciyans stimmliche Improvisationen sind guttural und gleichzeitig subtil. Und die polyphonen Klänge der übrigen Bandmitglieder wirken wie eine vielfarbige, ständig wechselnde Leinwand, auf die er seine Stimme projizieren kann.

In gewisser Weise ist das Stück eine Art Klangcollage, die sich ständig weiter entwickelt und eine Vielzahl auditiver Bilder erzeugt, die wir gleichzeitig hören und visualisieren können.

Reminiszenzen an Django Reinhardt

Natürlich wäre eine Rezension eines Neotolia-Albums niemals vollständig, ohne Nihals Stimme zu erwähnen. Sie ist eine dieser Sängerinnen, die sich mit ihrem Stimmumfang sowohl in den tiefen als auch in den hohen Registern wohl fühlen. Ein perfektes Beispiel dafür ist das Titelstück "Neotolian Song".

Um einen Eindruck zu gewinnen, wie enorm vielseitig Nihals Gesang ist, sollte man sie gemeinsam mit Joey Blake (einem Mitglied von Bobby McFerrins Voicestra) im Stück "Rondo Afro Turca" hören. Zunächst singt Blake allein, und dann setzen Nihal und der Rest der Band ein. Der Kontrast zwischen ihren beiden Stimmen wird durch die Soli in der Mitte des Stückes noch verstärkt. Dies zu hören bereitet große Freude – und so mehr, weil auch die Band bei der Aufnahme offensichtlich enormen Spaß hatte. In diesem Album gibt es alles: Gypsy-Swing-Jazz im Stil von Django Reinhardt, eine ägyptisch klingende Oud, und Basslinien, die einen an Charles Mingus erinnern.

Neotolia ist immer noch eine Hommage an die türkische Musik in all ihren Formen und Ausprägungen. Aber gleichzeitig ist sie auch ein Beispiel dafür, wie unterschiedliche musikalische Stile und Traditionen harmonisch miteinander in Einklang gebracht werden können.

Richard Marcus

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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