Die Religionsgemeinschaft der Yezidi

Weh dem, der nicht ans Höllenfeuer glaubt

Mit über 400 Toten waren die koordinierten Anschläge gegen die Yezidi im Nordirak das grausigste Blutbad seit der Besetzung des Landes. Wodurch zeichnet sich diese kleine Glaubensgemeinschaft aus? Wieso ist sie den sunnitischen Extremisten derart verhasst? Von Reinhard Schulze

​​Die Yezidi bilden eine der kleinsten religiösen Minderheiten im Irak. Heute dürften etwa 50 Prozent der weltweit vielleicht 250.000 Yezidi dort leben, vor allem in der Gegend von Shekhan im Nordosten und Jabal Sinjar im Westen der Stadt Mossul. Der religionsgeschichtliche Hintergrund der Yezidi ist schwer zu bestimmen. Für gewöhnlich wird diese Religion als Synkretismus beschrieben, der altiranische und zoroastrische Elemente mit christlichen, jüdischen und islamischen Traditionen verbindet. Soweit heute rekonstruierbar, gründet die Religion auf einer Islamisierung alter lokaler Kulte, die mit der Symbolisierung Gottes in der Gestalt des Pfaus verknüpft war. Laut der yezidischen Tradition wurde der Pfau (Ta'us), der auf einem Kandelaber in Ba'adhra im Lalisch-Tal steht, von dem namenlosen Gott ("Herr") abgetrennt und mit dem höchsten der sieben Engel (oder Mysterien), dem Malak Ta'us, gleichgesetzt, die von Gott mit der Schöpfung oder Sachwaltung der Welt beauftragt worden waren.

Die religiöse Tradition der Yezidi wird nicht durch kanonisierte Offenbarungstexte, sondern durch Mythen überliefert, die in Form von fast ausschließlich kurdischen Hymnen berichtet werden. Die yezidischen Mythen bilden keine einheitliche Dogmatik ab, sondern erzählen aus einer sich immer wieder ändernden Perspektive die Ursprungsgeschichte der Gemeinschaft.

Eine eigenständige Religion

Die yezidische Tradition wird heute als selbständige Religion definiert. Yezidi selbst bemühen sich, den Ursprung ihres Glaubens in vorislamischer Zeit zu verorten. Ihre Tradition selbst wird als "Religion der Yezidi" oder als "Dasin" bezeichnet. Beide Begriffe sollen auf altiranische Bezeichnungen für "höchstes Wesen" beziehungsweise für "Gottesanbeter" zurückzuführen seien. Diese Interpretation dient auch dazu, die Yezidi religionsgeschichtlich von den Muslimen zu trennen. Tatsächlich aber ist die spätestens seit dem 15. Jahrhundert historisch fassbare Bildung einer yezidischen Gemeinschaft eng mit islamischen Traditionen verknüpft. Der wichtigste yezidische Heilige war der aus Libanon stammende Sufi 'Adi Ibn Musafir (gest. 1161/62), der im Lalisch-Tal einen streng geführten sufistischen Konvent eingerichtet hatte. Arabische Quellen sprechen von ihm als einem orthodoxen Mystiker, der von der lokalen kurdischen Bevölkerung hoch verehrt wurde.

Konflikt mit dem Islam

Die von ihm gegründete Sufi-Bruderschaft 'Adawiya verlor nach den mongolischen Eroberungen im späten 13. Jahrhundert den Bezug zur islamischen Umwelt und wurde zum Mittelpunkt einer neuen Traditionsbildung, in der kumulativ eine Vielzahl von lokalen Mythen, Kulten und Praktiken aufgenommen wurden. Die Abwendung vom islamischen Umfeld provozierte 1414 einen ersten Konflikt, der mit der Zerstörung des - später wiederaufgebauten - Grabs von Scheich 'Adi durch sunnitische Kurden einen Höhepunkt erreichte. Der Sonderweg der yezidischen Religionsgemeinschaft wurde auch mythisch ausgedeutet. Der Demiurg Malak Ta'us soll Gott bei der Erschaffung von Adam geholfen haben, aus dessen Samen zunächst die Yezidi hervorgebracht wurden. Alle anderen Menschen stammten, so ein Mythos, aus der Verbindung von Adam und Eva. In diesen Mythos eingebettet ist auch die yezidische Auffassung von der Abwesenheit des Bösen. Es heisst, dass Malak Ta'us sich geweigert habe, Adam anzubeten, weshalb er in Ungnade fiel. Zur Buße weinte er 7.000 Jahre lang Tränen, die schließlich das Höllenfeuer erstickten. Erst seine Reue erhob ihn wieder in seinen Rang.

Die Sünde der "Beigesellung"

Für muslimische Orthodoxe stellte die Tradition der Yezidi, Malak Ta'us als Pfau abzubilden und in Form einer Statur zu verehren, die Sünde der "Beigesellung" - einer Abweichung vom strikt monotheistischen Gottesbild - und damit das größte Vergehen gegenüber Gott dar. Zudem wurde die Religionsgemeinschaft vor allem wegen ihrer Anschauungen über die Seelenwanderung und die Reinkarnation mit extremen schiitischen Denkschulen identifiziert, die aus der Sicht fundamentalistischer Sunniten eine "geschlossene Gemeinschaft des Unglaubens" bilden. Diese Herleitung der Yezidi aus der Schia ist jedoch unzutreffend und gehört zu den großen sunnitischen Mythen im Irak.

Tabus und Stammbäume

Die yezidische Religion ist heute primär durch die Mythen und den Kult, die Gesellschaftsstruktur durch komplexe Loyalitätsbeziehungen gekennzeichnet. Neben dem privaten Gebet bewirken vor allem zahlreiche Tabus die Integration in die Gemeinschaft, die vor allem mit der Erhaltung der Reinheit des Menschen wie der Umgebung zu tun haben. Bemerkenswert sind die Taufe mit Lalisch-Wasser, die (optionale) Beschneidung, der Festkalender, der sowohl am islamischen Mondjahr wie am julianischen Sonnenjahr ausgerichtet ist, die Pilgerfahrten zu Gräbern heiliger Männer und vor allem zum Grab von Scheich 'Adi im Oktober. Sozial ist die Gemeinschaft strikt in drei Klassen organisiert: die Scheichs mit drei auf Scheich 'Adi zurückgeführten Abstammungslinien, den Pirs mit 40 auf Schüler von Scheich 'Adi zurückgeführten Abstammungslinien und den Muriden als Laien. Die Laien waren vom religiösen Wissen und Kult praktisch ausgeschlossen und nur durch eine Gehorsamspflicht gegenüber den Clans der religiösen Eliten und durch die Einhaltung strenger Tabus (bezogen auf Bohnen, den Lattich, den Kürbis, den Fisch, die Gazelle, den Hahn und die blaue Farbe) gebunden.

Massiver Verfolgung ausgesetzt

Trotz der Konfessionalisierungspolitik der Osmanen, durch welche die sunnitische Tradition quasi zur Reichskonfession gemacht wurde, konnte sich die yezidische Kultur durch ihre schwer angreifbare Stammesloyalität behaupten. Erst die Versuche des Osmanischen Reichs, ab 1850 im Nordirak eine zentralistische Bürokratie durchzusetzen und damit auch die Gebiete des Jabal Sinjar wie des Lalisch-Tals unter ihre Kontrolle zu bekommen, führten zu teilweise massiver Verfolgung der Yezidi. Immerhin gelang es der Gemeinschaft, ihr Sozialgefüge zu bewahren und auch ihre religiösen Institutionen zu schützen. Die irakische Umsiedlungs- und Vertreibungspolitik zwischen 1969 und 1979 hingegen hat die soziale Grundlage der yezidischen Gemeinschaften zutiefst erschüttert und zu einem tiefgreifenden sozialen Wandel geführt.

Reinhard Schulze

© Neue Zürcher Zeitung 2007

Reinhard Schulze ist Leiter des Instituts für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie der Universität Bern.

 

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