Die libanesische Frauenrechtlerin Hayat Mirshad

"Wir brauchen eine feministische Revolution"

Die Bemühungen der Frauenrechtsbewegung im Libanon sind seit über 70 Jahren erfolglos geblieben, meint Hayat Mirshad, Mitglied des Demokratischen Frauenverbands. Schuld daran sei die Kompromissbereitschaft der Feministinnen, aber auch die Jagd der Frauenrechtsorganisationen auf Sponsorengelder. Juliane Metzker sprach mit ihr in Beirut.

Worin bestehen die Unterschiede zwischen der Frauenrechtsbewegung in der arabischen Welt und der in Europa oder Amerika?

Hayat Mirshad: Natürlich gibt es hier und dort unterschiedliche Formen von Diskriminierung. Doch im Grunde genommen leiden Frauen weltweit an denselben Symptomen. Ob am Arbeitsplatz, in der Familie oder in der Ehe – wir werden ständig und überall diskriminiert. Eine Frau kann eine noch so erfolgreiche Karrieristin sein – wenn sie jedoch keine gute Hausfrau und Mutter ist, verliert sie für die Gesellschaft automatisch an Wert. Das ist im Libanon genau wie auch in Europa und Amerika der Fall.

Der Libanon gilt im Vergleich zu anderen arabischen Ländern als liberal. Die Frauenquote an Universitäten beträgt knapp über 50 Prozent. Wie emanzipiert sind die Libanesinnen?

Mirshad: Vergleicht man die Aufklärungsrate der Frauen in der Hauptstadt Beirut und in ländlichen Gebieten miteinander, dann sehe ich da keinen signifikanten Unterschied. Ich treffe viele libanesische Top-Managerinnen und Anwältinnen, die nichts von Frauendiskriminierung oder von Frauenrechten wissen oder hören wollen. Sie mögen wirtschaftlich unabhängiger sein als die Frauen außerhalb der Großstädte, doch ihre Mentalität ist patriarchalisch. Indem sie Frauenrechte bewusst oder unbewusst negieren, lassen sie sich von der Gesellschaft freiwillig unterdrücken.

Welche Aufklärungsarbeit leistet Ihr Verband im Libanon?

Mirshad: Wir bieten Frauen aller Schichten Seminare an, in denen sie z.B. über Führungsqualitäten und wirtschaftliche Unabhängigkeit lernen. Außerdem machen wir uns auf gesetzlicher Ebene stark. Momentan arbeiten wir an einer Gesetzesvorlage gegen Kinderheirat, denn Familienangelegenheiten im Libanon obliegen bislang allein den Religionsgemeinschaften. Und deshalb werden mancherorts immer noch junge Mädchen unter 18 Jahren verheiratet. Darüber hinaus gibt es kein Gesetz, das Frauen vor sexueller Belästigung schützt. Vergewaltigungen werden häufig nicht angezeigt. Zum einen, weil es keine legale Rechtsverordnung dafür gibt. Zum anderen, weil diese Frauen sich schämen und Angst davor haben, dass die Polizei sie selbst für den Vorfall verantwortlich macht. Denn von der Gesellschaft und der Familie wurde ihnen eingetrichtert, dass es allein ihre Schuld ist, wenn sie Opfer eines sexuellen Übergriffes werden.

Frauen in einer Straße von Beirut; Foto: AFP/Getty Images
Fehlender Rechtsschutz für libanesische Frauen: Auf einer Rangliste der Thomson-Reuters-Stiftung zu Frauenrechten findet sich der Libanon unter 22 afrikanischen und nahöstlichen Staaten auf Rang 16 - noch hinter Somalia.

Gibt es viele feministische Organisationen, die sich im Libanon für Frauenrechte engagieren?

Mirshad: Meiner Meinung nach gibt es hier zu wenige Frauenrechtsorganisationen, dafür aber etliche Frauengruppen ohne feministische Agenda. Diese Gruppen arbeiten zum Beispiel daran, Frauen in der Wirtschaft zu stärken. Dazu bringen sie den Frauen Englisch bei. Und das war's. Frauen lernen dabei nicht, dass sie sich für ihre Rechte einsetzen müssen. Das liegt unter anderem daran, dass Feminismus im Libanon als auch in der arabischen Welt immer noch als westlicher Import gilt und Feministinnen deshalb in der Gesellschaft nicht ernst genommen werden.

Um solchen Vorurteilen entgegenzuwirken ist ein starkes feministisches Kollektiv notwendig...

Mirshad: …Und genau das haben wir hier nicht. Zwischen den wenigen Frauenrechtsorganisationen gibt es immense Koordinationsprobleme. Wir ziehen nicht alle gemeinsam an einem Strang, was größtenteils an den Sponsoren liegt. Sie bestimmen natürlich, welches Projekt sie mit welcher Organisation verwirklichen wollen. Es kommt vor, dass zwei oder drei Organisationen an dem gleichen Thema arbeiten, aber von verschiedenen Seiten finanziert werden. Dann geht es nur darum, die Gelder möglichst fristgerecht und wie vertraglich geregelt, in das Projekt zu investieren. Eine Absprache, geschweige denn eine gemeinsame Strategie gibt es selten zwischen den Frauenrechtsgruppen. Und das ist das Problem: Wir alle ziehen den sogenannten "projektorientierten Aktivismus" einer starken Frauenrechtsbewegung vor.

Wer finanziert feministische Projekte im Libanon?

Mirshad: Sponsoren sind vor allem europäische Botschaften, die UN und internationale Frauenrechtsorganisationen. Alle Gelder kommen aus dem Ausland. Feminismus wird so zum Big Business. Es gibt keine Frauenrechtsgruppe, die als Motiv alleine das Leid der Frauen und den Glauben an Gleichberechtigung zum Antrieb hat.

Was sollte sich also Ihrer Meinung nach ändern?

Junge Frauen auf dem Tahrir-Platz demonstrieren gegen sexuelle Belästigung; Foto:
Frisst die arabische Revolution ihre Frauen? Arabische Frauen haben maßgeblich zum historischen Umbruch beigetragen. Doch nach dem Sturz der autokratischen Regimes müssen sie für ihre Freiheit und ihre Grundrechte kämpfen.

Mirshad: Sie hatten mich zu Anfang gefragt, was arabische von westlichen Feministinnen unterscheidet. Nun, in Europa und Amerika waren Frauenrechtlerinnen erst dann erfolgreich, als sie sich zusammentaten und eine feministische Solidarität entwickelten. Im Libanon existiert dieses einende Gefühl offensichtlich noch nicht. Die Frauenrechtsbewegung gibt es hier schon seit über 70 Jahren. Doch was haben wir bisher erreicht? Mütter können die libanesische Staatsangehörigkeit immer noch nicht auf ihre Kinder übertragen. Es ist ein Privileg der Väter geblieben. Und Frauen werden nach wie vor zu Hause und am Arbeitsplatz diskriminiert und sind wirtschaftlich und politisch marginalisiert.

Warum nur sind wir so schwach? Weil wir uns die letzten 70 Jahre brav mit denen an den Verhandlungstisch gesetzt haben, die gar keine Gleichberechtigung wollen. Damals haben sie den Frauen diese diskriminierenden Gesetze aufgezwungen und Generationen später müssen wir immer noch um unsere Gleichstellung betteln. Damit muss Schluss sein. Wir sollten uns auflehnen. Und das bedeutet, die Verhandlungen endlich abzubrechen und gegen das System zu rebellieren.

Sie fordern eine feministische Revolution. Warum haben arabische Feministinnen nicht die Arabellion 2011 entschiedener für ihre Zwecke genutzt?

Mirshad: Das lag unter anderem daran, dass Frauen nicht ausreichend darauf vorbereitet waren, Frauenrechte in den Revolutionen zum Thema zu machen. Obwohl gerade sie den Demonstrationen ein Gesicht gaben, in denen ihr Ruf nach Freiheit am lautesten hallte. Doch als sich die Lage wieder stabilisierte, schickte man sie nach Hause – ohne mehr Rechte auf politischer und sozialer Ebene. Deshalb waren die Aufstände im Nachhinein eine große Enttäuschung für sie.

Trotz all der Rückschläge, halte ich an meiner Aussage fest. Wir brauchen eine feministische Revolution. Darauf müssen wir die Frauen im Libanon aber erst vorbereiten – und das möglichst mit vereinten Kräften. Wir haben eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, an der unsere Mütter bisher gescheitert sind: Wir müssen etwas verändern, damit sich unsere Töchter eines Tages im Libanon als vollwertige Bürgerinnen fühlen dürfen.

Das Interview führte Juliane Metzker.

© Qantara.de 2015

Hayat Mirshad ist Gründerin der libanesischen Frauenrechtsorganisation FE-MALE und moderierte die erste feministische Radiosendung "Sharika wa Laken" im Libanon.

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Leserkommentare zum Artikel: "Wir brauchen eine feministische Revolution"

.... um das es bei dem Komplex Frauenrechte im Orient geht. Das beweist ganz deutlich der Libanon, in dem es keine signifikanten Unterschiede zwischen Christinnen und Musliminnen gibt, was deren gesellschaftliche Diskriminierung angeht. Auch der "Outfit" sagt absolut nichts über den Emanzipationsgrad der Trägerin aus: ist das Partygirl im Minirock, das sich mit ihrem hübschen Freund im amerikanischen Cabriolet auf der Partymeile Rue Monot in Ost Beirut präsentiert, wirklich so viel emanzipierter als das muslimische Mädchen, dass gerade ein paar Kilometer weiter in Kopftuch und Mantel zur Uni geht? (um mal ganz tief in die Klischee-Kiste zu greifen ... :-) ).

Ich fürchte, dass diejenigen unserer deutschen Landsleute, die liebevoll ihre Vorurteile über den Orient hegen und pflegen, weder den obigen Artikel noch diesen Kommentar lesen werden.

Dikran Kelekian12.06.2015 | 13:40 Uhr