Die iranische Sängerin Mahsa Vahdat

"Jeder Ort kann meine Bühne sein"

Mahsa Vahdat gehört nicht nur zu den besten Sängerinnen Irans, sondern hat sich auch der Erhaltung von Frauenstimmen in der klassischen persischen Musik verschrieben. Marian Brehmer stellt ihr neues Album "Traces of an old vineyard" vor.

Die Iraner lieben das Ästhetische und Feinsinnige. Um ein Verständnis dafür zu bekommen, reicht es, ein kurzes Video anzuschauen, das im letzten Jahr auf Isfahans berühmter Khaju-Brücke aufgenommen wurde. Seit jeher hat unter den gelblich beleuchteten Backsteinbögen der Brücke nächtliches Singen Tradition, bis es vor einigen Jahren verboten wurde.

Inmitten dieser Kulisse gibt die iranische Sängerin Mahsa Vahdat einen Spontanauftritt vor einer Gruppe Passanten. Mit jener glasklaren Stimme, die sie unter Liebhabern der iranischen Klassik berühmt gemacht hat, singt sie ein Ghazal von Hafez in die Nacht hinein. Alle Magie der persischen Kultur scheint sich in dieser Szene vereint zu haben.

Wären iranischen Frauen nicht seit einem Dekret von Revolutionsführer Ayatollah Khomeini Soloauftritte untersagt, würde Mahsa Vahdat im Iran schon lange erfolgreiche Konzerte geben. Vahdats Gesang gehört ohne Frage zum Feinsten, was die zeitgenössische klassisch-iranische Musik zu bieten hat – mit vielen Fans im Iran, in der iranischen Diaspora und unter Weltmusik-Liebhabern.

Inspiriert zum Singen wurden Mahsa Vahdat und ihre Schwester Marjan, die gleichzeitig musikalische Gefährtinnen sind, durch ihre Großmutter. Sie sang den beiden Schwestern in ihrer Kindheit traditionelle Wiegenlieder vor, während derlyrikbegeisterte Vater in Mahsa die Liebe zur persischen Dichtung entfachte. Im Alter von zwölf Jahren begann sie eine Ausbildung in traditionellem persischem Gesang, die später zu einem Bachelorabschluss in Musik an der Universität Teheran führte.

Den Einschränkungen zum Trotz

Als leidenschaftliche Gesangslehrerin unterrichtet Mahsa Vahdat heute in ihrer Teheraner Wohnung junge Frauen in persischer Vokalkunst. Die Erhaltung des weiblichen Elements in der iranischen Gesangstradition ist ihr ein Herzensanliegen. Allen Einschränkungen für Frauen zum Trotz hat sie viele Iranerinnen dazu motiviert, den klassisch-persischen Gesang für kommende Generationen zu erhalten.

Auf ihren Alben war Mahsa Vahdat bisher stets im Duett zu hören: Mit ihrer Schwester Marjan nahm sie die CDs "Songs from a Persian Garden" (2007), "I am Eve" (2008) und "Twinklings of Hope" (2012) auf. Jede der beiden Sängerinnen hat ihre eigene Klangfarbe, die Vertrautheit der Schwestern schlägt sich in den mühelos dahinfließenden Liedern dieser Alben nieder.

Mahsa Vahdats neue CD "Traces of an old vineyard"
Zwar trägt Mahsa Vahdats Gesang in "Traces of an old vineyard" auch unverkennbar jazzartige Züge, aber nie wird dabei das Iranische in ihrer Stimme beeinträchtigt. Genauso bleibt Vahdat den klassischen Lyrikern ihrer Heimat treu.

Eine ungewöhnliche musikalische Verbindung ging Mahsa Vahdat mit dem amerikanischen Sänger Mighty Sam McClain ein, mit dem die Alben "Scent of a Reunion" (2010) und "A deeper tone of longing" (2012) entstanden. Die wohl erste Fusion von klassisch-iranischem Gesang mit dem warmen, vollen Blues-Klang eines afroamerikanischen Musikers kam beim Weltmusik-Publikum gut an – "A deeper tone of longing" stand auf Platz Sechs der "European World Music Charts".

Mahsa Vahdats neues Album "Tracesof an old vineyard", aufgenommen in einer Osloer Kirche, ist die erste Platte, auf der sie alleine zu hören ist. Allen zwölf Stücken der CD, die von dem norwegischen Plattenlabel "Kirkelig Kulturverksted" vertrieben wird, liegen Vahdats eigene Melodien zugrunde. Begleitet wird ihr Gesang von dem norwegischen Pianisten Tord Gustavsen sowie von einem iranischen Perkussionisten und einem Kamantsche-Spieler.

Hinter den englischen Songtiteln, die evokative Namen wie "Morning sun of hope" oder "Kissing the wine jug" tragen, verbergen sich die Gedichte der persischen Lyriker Hafez, Rumi und Omar Khayyam, die in dem ansprechend gestalteten Booklet auf Persisch und Englisch abgedruckt sind.

Feine Harmonie zwischen Klavier und Gesang

Gleich am Anfang des Albums steht ein Hafez-Gedicht, in dem Mahsa Vahdat die Sehnsucht nach Liebe und das rauschhafte Glück der Vereinigung mit dem Höchsten besingt. Wie aus dem Nichts dringt ihre Stimme aus einem Klavierintro hervor, das die Melodielinie ihres Gesangs sachte vorwegnimmt. Klavier und Gesang sind bei allen Stücken sehr harmonisch aufeinander abgestimmt. Während die meisten Lieder getragen und sanft sind, bringt die Tombak hin und wieder eine rhythmische Note hinein.

Wie bereits zuvor auf ihren Duo-Alben hat Vahdats Stimme eine mystische Färbung, die zum Charakter der Lyrik passt. Zwar trägt ihr Gesang in "Traces of an old vineyard" auch unverkennbar jazzartige Züge, aber nie wird dabei das Iranische in ihrer Stimme beeinträchtigt. Genauso bleibt Vahdat den klassischen Lyrikern ihrer Heimat treu.

"Diese Gedichte sind alt, aber wie sie die Menschen ansprechen, ist zeitlos. Ihre Botschaft ist universell. Die Art und Weise, mit der sie von Wahrheit und Liebe sprechen, erfrischt meine Seele und mein Herz immer wieder. Jedes Mal entdecke ich neue Dimensionen und Sinnebenen in den Gedichten", sagt Vahdat.

Auch wenn Mahsa Vahdat in Teheran zumindest Konzerte vor einem Frauenpublikum geben könnte, will sie das nicht: "Damit würde ich die Diskriminierung, die uns von der Regierung auferlegt wurde, rechtfertigen." Dennoch haben die Iraner über das Internet und die ausländischen Produktionen Zugang zu ihrer Musik.

Viele ihrer iranischen Fans, meint Vahdat, könnten sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich noch im Iran lebt. "Wenn sie hören, dass ich im Iran lebe und trotzdem hier singe, sind sie überrascht. Der Iran ist meine Heimat und deshalb singe ich im Iran. Natürlich träume ich davon, Zugang zu einer öffentlichen Bühne in meinem Land zu haben. Aber jeder Ort kann meine Bühne sein." So wie die Brücke in Isfahan.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: "Jeder Ort kann meine Bühne sein"

In einer Zeit, in der sich junge Iraner meist nur noch mit Rap-, Rock- und Popmusik beschäftigen – obwohl oder gerade weil diese zu hören offiziell verboten ist – haben es die Vertreter(innen) der klassischen persischen Musik naturgemäß schwer, überhaupt Beachtung zu finden. Dass Frau Vahdat als Sängerin in einem Land, in dem sie nur im privaten Rahmen oder vor einem ausschließlich weiblichen Publikum auftreten darf, gerade diese Musik zum Inhalt ihrer Arbeit gemacht hat, ist bemerkens- und bewundernswert. Sicher hat Vahdats Lehrerin Pari Maleki, die zur Generation der Sängerinnen gehört, die als erste vom nach der Islamischen Revolution verhängten Berufsverbot für Sängerinnen betroffen war, das ihrige dazu beigetragen. Ob man allerdings, wie Pari Maleki und Mahsa Vahdat, den klassischen persischen Frauengesang im Iran bewahren und an Schülerinnen vermitteln oder diesen im europäischen Exil weiterentwickeln will, wie es zum Beispiel Pari Malekis gleichaltrige Kollegin Maryam Akhondy seit fast drei Jahrzehnten tut, ist eine schwierige persönliche Entscheidung, die jede Künstlerin für sich alleine treffen muss. Für die Bewahrung eines wichtigen Teils der iranischen Musikkultur ist beides gut. Ob allerdings die genannten Sängerinnen noch erleben werden, im Iran vor einem aus Männern und Frauen bestehenden Publikum auftreten zu können, ist auch nach der Wahl Hassan Rohanis zum Präsidenten des Landes eher unwahrscheinlich. Obwohl: Hätte 1988 jemand geglaubt, dass nur ein Jahr später die Berliner Mauer fallen würde?

Bernd Gerhard S...15.05.2015 | 18:03 Uhr