Die Folge westlicher Interventionen im Nahen Osten

Ein Erbe tiefen Misstrauens

Was auch immer sie sonst noch angerichtet haben: George W. Bush und Tony Blair, die beiden Drahtzieher der Invasion und Besatzung des Iraks im Jahr 2003, legen auf jeden Fall eine erstaunliche historische Unkenntnis des Nahen Ostens an den Tag, schreibt Roger Hardy, Nahostexperte beim BBC World Service, in seinem Essay.

Auf die gegenwärtige Gewalt und das Chaos im Nahen Osten reagieren viele Menschen verständlicherweise mit Ratlosigkeit. Vielleicht blicken sie auf den Konflikt in Syrien und fragen sich: Wie konnte es dazu kommen? 

Ein Teil des Problems besteht darin, dass die Medien meist nur vordergründig die Situation beleuchten und dabei den überaus wichtigen historischen Hintergrund vernachlässigen – insbesondere die Zeit des Imperialismus, in der die Grundsteine für die Entstehung des modernen Nahen Ostens gelegt wurden.

Um die momentanen Konflikte und Krisen des Nahen Ostens zu verstehen, müssen wir wissen, wie er sich in dem halben Jahrhundert zwischen 1917 und 1967 zu seiner heutigen Form entwickelt hat.

Durch den Ersten Weltkrieg und die Zeit danach wurde die Region auf wichtige und schicksalhafte Weise geprägt. Das Osmanische Reich, das vier Jahrhunderte lang den Nahen Osten beherrschte, schlug sich auf die Seite des Deutschen Reiches. Nach dessen Niederlage teilten Großbritannien und Frankreich die arabischen Teile des osmanischen Herrschaftsgebiets unter sich auf. Die Abkommen nach dem Ende des Weltkrieges hinterließen ein Erbe tiefen Misstrauens – und säten die Samen für viele der heutigen Konflikte, darunter der israelisch-palästinensische Konflikt, das Libanon-Problem und die Staatenlosigkeit der Kurden.

Araber, die von der Unabhängigkeit träumten, fühlten sich verraten, als sie erkannten, dass sie nach den Türken nun von den Europäern regiert wurden. "Und seitdem", schrieb der Historiker Albert Hourani, "wird die arabische Politik vom Gespenst des Friedensabkommens verfolgt".

Die bittere Ernte

Die europäische Dominanz im Nahen Osten und in Nordafrika hatte für die Region und ihre Beziehungen zum Westen schwerwiegende Folgen. Erstens war die Kolonialherrschaft von Beginn an heiß umkämpft.

Emir Abdelkader; Foto: Library of Congress, Public Domain
Freiheitskämpfer, Gelehrter, Nationalheld: Nur zwei Jahre nach der Besatzung Algeriens durch die Franzosen im Jahr 1830 setzte sich der charismatische Emir Abdelkader an die Spitze eines Aufstandes, der 15 Jahre andauern sollte. Diese Revolte und eine weitere Rebellion im Jahr 1871 wurden jedoch mit großer Grausamkeit von den Franzosen unterdrückt.

Nur zwei Jahre nach der Besatzung Algeriens durch die Franzosen im Jahr 1830 setzte sich ein charismatischer junger Krieger und Sufigelehrter namens Emir Abdelkader an die Spitze eines Aufstandes, der 15 Jahre andauern sollte. Diese Revolte und eine weitere Rebellion im Jahr 1871 wurden mit großer Grausamkeit unterdrückt. Der gemeinsame Widerstand gegen die Macht der Franzosen führte zu einer Einigung der beiden größten ethnischen Gruppen des Landes, der Araber und der Berber. Ein anonymer Berber-Poet schrieb von der Bitterkeit, die die Franzosen nach diesen Aufständen hinterließen:

In unseren Dörfern haben sie Hass gesät.

Wir bewahren ihn unter der Erde, wo er verbleibt,

Die üppige Ernte eines leergeplünderten Feldes.

Auch anderswo wurde dies so wahrgenommen. Mit nur wenigen Ausnahmen stieß die Kolonialherrschaft in der gesamten Region auf Widerstand – in manchen Fällen auf offene Rebellion.

In den 1920er Jahren wurden die Franzosen von der Großen Revolte in Syrien überrascht, die im Gebiet der Drusen südlich von Damaskus ausbrach und bald einen großen Teil des Landes erfasste. Im Irak lehnten sich 1920 die Schiiten des Südens gegen die herrschenden Briten auf, und die Kolonialmacht antwortete darauf, indem sie gegen diesen und weitere Aufstände ihre Luftwaffe einsetzte – sowohl gegen die schiitischen Stämme als auch gegen die Kurden des Nordens. Und in Palästina musste erst die arabische Revolte von 1936 bis 1939 stattfinden, um die Briten aus ihrer Selbstzufriedenheit aufzurütteln.

In Algerien dauerte die Gewalt am längsten an. Wie viele Menschen im dortigen Unabhängigkeitskrieg zwischen 1954 und 1962 tatsächlich starben, ist unter Experten immer noch umstritten, doch es waren wohl mindestens eine halbe Million Algerier.

"Linien im Sand"

Zweitens wurde durch die Kolonialisierung die Grundlage der nahöstlichen Gesellschaften gefährdet. Trotz all ihrer Schwächen verlieh die osmanische Herrschaft der Region zumindest noch einen gewissen – kulturellen und politischen – Zusammenhalt, der danach jedoch nie wieder erlangt wurde. Das Konzept des Nationalstaates war den Menschen dort neu und, zumindest zu Beginn, auch völlig fremd. Die neuen Grenzen – diese berüchtigten "Linien im Sand" – wurden von britischen und französischen Beamten gezogen, um die imperialen Interessen ihrer Länder zu wahren. In vielen Fällen hatten sie kaum Bezug zu den natürlichen Gegebenheiten. Als Ergebnis war der Prozess der Staats- und Nationenbildung von ständigen Problemen begleitet.

Darüber hinaus taten die Kolonialmächte, obwohl sie stets ihre "Mission der Zivilisierung" betonten, nur wenig für die Ausbildung der einfachen Leute. Stattdessen schulten sie eine kleine, kooperative Elite, aus der die von ihnen benötigten Lehrer und rangniedrigen Funktionäre stammten. Als die Briten Ägypten verließen, waren 77 Prozent der Bevölkerung Analphabeten, das Pro-Kopf-Einkommen lag bei 42 Pfund pro Jahr, und die Lebenserwartung eines ägyptischen Mannes betrug 36 Jahre.

Und drittens war der wohl wichtigste Faktor, dass die Kolonialherrschaft nur ein Teil eines größeren Plans der Intervention darstellte. Dieses Muster geht bis in die Zeit von Disraeli und Gladstone zurück, als die europäischen Mächte am verwesenden Leichnam des Osmanischen Reiches nagten, und reicht dann über die Kolonialzeit hinaus bis hin zu den Invasionen der Neuzeit – darunter vor allem die Eroberung und Besatzung des Iraks im Jahr 2003.

Was auch immer sie sonst noch angerichtet haben: Auf jeden Fall legen George W. Bush und Tony Blair, die beiden Drahtzieher dieser Invasion, eine erstaunliche historische Unkenntnis an den Tag. Gegenüber der Tatsache, dass die westlichen Eingriffe im Nahen Osten seit über zweihundert Jahren zu nationalistischen Reaktionen führen – und dass längere Zeiten der Besatzung auch längere Zeiten der Revolte nach sich ziehen – zeigen sie eine geradezu glückselige Ignoranz.

Und wo Revolten niedergeschlagen werden, da staut sich bekanntlich auch der Hass auf:

… unter der Erde, wo er verbleibt,

Die üppige Ernte eines leergeplünderten Feldes.

Roger Hardy

© OpenDemocracy 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Roger Hardys neues Buch "The Poisoned Well: Empire and its Legacy in the Middle East" wurde unlängst in London bei Hurst veröffentlicht und erscheint Ende dieses Monats bei Oxford University Press in den Vereinigten Staaten.

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Leserkommentare zum Artikel: Ein Erbe tiefen Misstrauens

Im parallel eingestellten Artikel von Ishaq Diwan: Die großen Bruchlinien in der arabischen Welt, ist zu lesen:

"Damit nationale Akteure mehr Spielraum bekommen, Lösungen zu erarbeiten, ist es notwendig, Spannungen abzubauen und Kompromisse zu schließen – zunächst auf globaler Ebene zwischen den USA und Russland und nachfolgend auf regionaler Ebene zwischen dem Iran, der Türkei, Saudi-Arabien und Israel. Das Ziel muss darin bestehen, ein umfassendes Abkommen zu erreichen, in dem die Hauptprobleme der Region - wie etwa der Status der Palästinenser und der Kurden - Berücksichtigung finden. Darüber hinaus gilt es, Bedingungen für umsetzbare politische Lösungen in Syrien und im Irak zu schaffen."

Zum Abbau von Spannungen gehören auch Selbstkritik und das Eingeständnis von Fehlern.
Auf westlicher Seite wäre da an die von Roger Hardy angeführten Begebenheiten zu denken: Kolonisierung, Algerien-Krieg, Irak-Intervention 2003.
Deutschland hat die Kompetenz, daran ohne Arroganz zu erinnern.

benita schneider17.09.2016 | 14:50 Uhr