Die AfD und die Kunst

Islamophobie und Rassismus im kulturell veredelten Schafspelz

Im Europawahlkampf spannte die rechtspopulistische AfD Kunst vor ihren Karren. Die Partei bekennt sich zu einer Hochkultur-Strategie. Beobachter warnen vor Islamophobie und Rassismus im kulturell veredelten Schafspelz. Von Stuart Braun

Als ich am Tag vor der Europawahl in meiner Berliner Nachbarschaft einkaufen ging, kam mir ein großer LKW mit deutschen Flaggen und Logos der AfD (Alternative für Deutschland) sowie einer großen Reproduktion eines Ölgemäldes entgegen. Es zeigte eine weiße, versklavte Frau, die schutzlos den Blicken und Griffen mehrerer dunkelhäutiger und unheimlich aussehender Männer ausgesetzt ist. Darauf der Slogan: "Damit Europa kein Eurabien wird! Europäer wählen AfD!"

"Eurabia" ist ein islamfeindlicher Begriff, der im Zusammenhang mit einer Verschwörungstheorie verwendet wird, die besagt, dass Europa bald von Muslimen übernommen werde - eine Theorie, die beispielsweise vom norwegischen Rechtsextremisten Anders Breivik vorangetrieben wurde, der im Jahr 2011 77 Menschen ermordete.

Gezielte Rückgriffe aufs kulturelle Gedächtnis 

Das Plakat - eines von mehreren aus der AfD-Kampagne "Aus Europas Geschichte lernen", für die die Partei verschiedene berühmte Kunstwerke uminterpretiert hatte, um bei den EU-Wahlen eine fremdenfeindliche Agenda voranzutreiben - zeigt "Der Sklavenmarkt" (1866) des französischen Malers Jean-Léon Gérôme. Dabei handelt es sich um ein orientalistisches Werk, eine rassistische Ikone aus der Kolonialzeit.

Ebenfalls verwendet wurde das Gemälde, um die Wähler daran zu erinnern, was in Köln während der Silvesternacht 2015 geschah, als mehr als 600 Frauen Opfer sexueller Übergriffe wurden, die mehrheitlich von Männern mit "nordafrikanischem" Aussehen begangenen worden sein sollen. 

Der Besitzer des Gemäldes forderte die rechtspopulistische Partei dazu auf, die Plakate abzuhängen - ohne Erfolg. Zugleich versuchten AfD-Funktionäre in der jüngsten Vergangenheit, auf Ausstellungen verschiedener Einrichtungen einzuwirken, indem bestimmte Werke nicht gezeigt werden sollten. So geriet beispielsweise die Ausstellung "Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945" im Berliner Rathaus Neukölln unter Druck: Die Organisatoren, so der Wunsch der AfD, sollten parteibezogene Inhalte zur Europawahl entfernen.

"Wir wollen mit der Ausstellung auf die Kontinuität der extremen Rechten in Berlin aufmerksam machen und gleichzeitig auf die Facetten des sozialen Widerstands hinweisen", erklärt Vera Henssler vom "Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum" im DW-Gespräch. "Die AfD ist nur ein kleiner Teil in dieser Geschichte, aber sie ist zweifellos einer der Akteure."

Ausstellung "Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945"; Foto: DW/S.Braun
Kritik am Erstarken des Rechtsextremismus unerwünscht: Zuletzt geriet die Ausstellung "Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945" im Berliner Rathaus Neukölln unter Druck: Die Organisatoren, so der Wunsch der AfD, sollten parteibezogene Inhalte zur Europawahl entfernen.

Die AfD-bezogenen Ausstellungsinhalte zeigen etwa, wie sich Parteimitglieder auf dem Höhepunkt der sogenannten "Flüchtlingskrise" 2014/15 für islamfeindliche Proteste Neonazis anschlossen. Oder wie sich die rechten Tendenzen innerhalb der AfD im Laufe der Zeit verstärkt haben und die Partei von einer ursprünglich EU-kritischen Partei zu einer zentralen Plattform der Islamophobie wurde.

Nach der Europawahl wanderten die AfD-Plakate in die Ausstellung im Neuköllner Rathaus - zum Missfallen der Partei. Die ankündigte an, die Objekte per Gerichtsbeschluss aus der Schau entfernen zu lassen. "Wir werden so etwas im öffentlichen Raum mit öffentlichen Mitteln nicht tolerieren", so der Sprecher der Berliner AfD, Ronald Gläser, gegenüber der DW.

Freie Meinungsäußerung? 

Der versuchte Eingriff in die Ausstellung im Neuköllner Rathaus durch die AfD ist kein Einzelfall - auch die Arbeit anderer Kultur- und Bildungseinrichtungen wollte die Partei bereits zensieren. So verklagte sie das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) für dessen Studie "Parlamentarische Praxis der AfD in den deutschen Landesparlamenten" mit der Begründung, Persönlichkeitsrechte verletzt zu haben. Im April wies das Berliner Landgericht die Klage ab: Die Studie verletze in keiner Weise Persönlichkeitsrechte der AfD im Thüringer Landtag und könne sich auf die Wissenschafts- und die Meinungsfreiheit stützen. 

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.