Das Goethe-Institut in Teheran und die Revolution von 1979

Zehn Nächte, die die Welt veränderten

Im Oktober 1977 fanden im Garten des deutsch-iranischen Kulturvereins zehn "Poesienächte" statt. Zehntausende lauschten damals den Dichterlesungen und gingen anschließend gegen das Schah-Regime auf die Straße. 14 Monate später war die Monarchie Geschichte. Von Ali Sadrzadeh

"Wir beteten für den Regen, aber es kam eine Sintflut." Dieser Satz ging in die Geschichte ein. Es waren die letzten Worte der Abschiedsrede von Mehdi Bazargan, dem ersten Ministerpräsidenten der Islamischen Republik Iran. Sieben Monate lang hatte der Absolvent der französischen "Ecole Centrale des Art et Manufactures" das moderne und moderate Gesicht der neuen Macht im Iran präsentieren dürfen. Dann wollten die radikalen Mullahs die ganze Macht für sich allein.

Bazargan, der in Frankreich Thermodynamik studiert und Dutzende Bücher über das Ingenieurwesen und den Islam geschrieben hatte, war bekannt für seine witzige und metaphorische Sprache. Als das iranische Parlament ihm sein Misstrauen aussprach, beschrieb er mit dem legendär gewordenen Satz vom Regen und von der Sintflut nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern den gesamten historischen Verlauf dieser eigenartigen Revolution.

Regen ist in der persischen Poesie das Sinnbild für Leben, Schönheit und Lebendigkeit. Regen ( باران ) ist im Iran ein beliebter Frauenname; das Paradies ist ein Garten, in dem Regenwasser plätschert. Wie ein anfänglicher Wunsch nach Leben spendender Nässe sich nach und nach in eine Flut von Gewalt und Zerstörung verwandelte: Eine solche dramatische Entwicklung kann man nicht besser auf den Punkt bringen als durch Bazargans Metapher von Regen und Sintflut.

Revolutionen werden nicht geplant

Zufällig regnete es tatsächlich in Teheran, als die Revolution mit Poesie begann. 60 Dichter führten im Garten des deutsch-iranischen Klubs zehn Nächte lang das rebellische Wort und die Deutschen hielten ihre schützende Hand über die protestierenden Poeten. Zehntausende lauschten allabendlich und marschierten dann durch die nächtlichen Straßen der iranischen Hauptstadt. Das war im Oktober 1977. 14 Monate später war die Monarchie im Iran Geschichte.

Mehdi Bazargan; Foto: Iranian.com
"Wir beteten für den Regen, aber es kam eine Sintflut": Mehdi Bazargan war erster Premierminister der provisorischen Regierung der Islamischen Republik und Führer der iranischen Freiheitsbewegung.

Deutsche und Revolution? Und das im Namen von Goethe? Es war nicht das erste Mal, dass etwas Undenkbares geschah, etwas Unvereinbares zusammenkam – und es wird mit Sicherheit nicht das letzte Mal gewesen sein. Denn eine Revolution wird nicht geplant, sie findet einfach statt. Und wenn man sich danach fragt, was eigentlich an ihrem Anfang stand, fallen einem zahlreiche, manchmal gegensätzliche Antworten ein. Auch diese Verwirrung ist verständlich.

Wenn eine Revolution ein Prozess mit einer langen Vorgeschichte ist, dann kann es eben keine eindeutige Antwort darauf geben, wann sie ausbrach. Sie entwickelt sich in einem Zeitraum, der kurz oder lang sein kann, sie wird oft laut, lärmend und gewaltsam sein, oder – was seltener vorkommt – leise und friedlich.

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