"Conflict Kitchen"

Kulinarische Völkerverständigung

Können gemeinsame Mahlzeiten Frieden stiften? Über das Kennenlernen verschiedener Ess-Kulturen können sich Menschen zumindest näher kommen, Vorurteile abbauen und andere Lebenswelten besser verstehen. Laura Overmeyer über Kochen als Kulturdialog.

Es gibt wohl kaum eine Kultur, in der Essen keinen hohen gesellschaftlichen Stellenwert einnimmt. Eine gemeinsame Mahlzeit verbindet, lässt Nähe und Vertrauen entstehen, bildet einen Raum für Interaktion und Kommunikation. Sei es unter Freunden, Familienmitgliedern, Geschäftspartnern oder Liebenden: Essen schafft Gemeinschaft.

Nun leben wir in einer Zeit, da der interkulturelle Dialog mehr und mehr an Bedeutung gewinnt und die Notwendigkeit zum Abbau von Divergenzen und Vorurteilen in den Vordergrund rückt. Essen ist ein Medium zur Überbrückung dieser Divergenzen. Einerseits hat der universelle kulturübergreifende Charakter das Potential, Gemeinschaft und Toleranz zu schaffen; andererseits ermöglichen die kulturspezifischen Merkmale – nicht nur Zutaten und Gewürze, sondern auch Sitten und Gebräuche – eine vorsichtige Annäherung an die fremde (Ess-)Kultur.

Conflict Kitchen: Essen aus dem Feindesland

Die amerikanischen Künstler Jon Rubin und Dawn Weleski bedienen sich für ihre politischen Projekte seit einigen Jahren der kulinarischen Kunst und haben damit öffentliche Aufmerksamkeit erregt. 2009 eröffneten sie in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania das Take-Out Restaurant "Conflict Kitchen", dessen Speisekarte nur Essen aus Ländern bietet, mit denen die Vereinigten Staaten im Konflikt stehen. In Abstimmung mit aktuellen politischen Ereignissen wechselt der regionale Fokus regelmäßig und mit ihm auch der Speiseplan oder "Conflit du Jour". Den Anfang machte Iran, gefolgt von Afghanistan, Venezuela, Kuba, Nordkorea und aktuell Palästina.

Conflict Kitchen; Foto: Conflict Kitchen
Wenn Appetit Politik macht: Vor allen Dingen die palästinensische Version der "Conflict Kitchen" hat in Amerika für Furore gesorgt. Dabei gehe es vor allen Dingen darum, herrschende Mediendiskurse in Frage zu stellen und Gäste zum Diskutieren anzuregen, zitiert Laura Overmeyer Jon Rubin, einen der Projektleiter.

Neben der lokalen Küche stehen Informations- und Diskussions-Veranstaltungen zum aktuellen Thema auf dem Programm. Dabei kommen insbesondere Menschen aus den entsprechenden Ländern zu Wort und zwar nicht nur zu politischen sondern auch zu alltäglichen gesellschaftlichen Themen. "Wir wollen Stereotype und Vorurteile überwinden, Gäste zum Nachdenken und Diskutieren anregen und die polarisierende Rhetorik und unzureichende Darstellung durch Politik und Medien in Frage stellen", meint Rubin.

Die palästinensische Version der "Conflict Kitchen" ist die bisher erfolgreichste und zugleich kontroverseste. Zum ersten Mal steht das Projekt öffentlich in der Kritik und wird der "anti-israelischen Propaganda" beschuldigt. Eine Morddrohung zwang die Organisatoren sogar dazu, das Restaurant im vergangenen November für einige Wochen zu schließen.

Rubin ist entsetzt über diese Reaktionen, sieht sich jedoch zugleich in seiner Mission bestärkt: "Conflict Kitchen ist eine öffentliche Plattform für jene Stimmen, die die amerikanische Gesellschaft nicht hören will. All die Kritik steht jedoch im krassen Gegensatz zu der Unterstützung, die wir tagtäglich in unserem Restaurant seitens der Öffentlichkeit erfahren."

Kochen über den Tellerrand hinweg

Aus Berlin stammt das Projekt "Über den Tellerrand kochen", das gemeinsames Essen, beziehungsweise Kochen, für den Kulturdialog und die Integrationsarbeit einsetzt. Durch die Organisation privater Kochabende mit und professioneller Kochkurse bei Flüchtlingen, sollen das Thema Asyl angesprochen und Berührungsängste auf beiden Seiten abgebaut werden. Aus dem bunten Sammelsurium an internationalen Rezepten ist inzwischen das Kochbuch "Rezepte für ein besseres Wir" hervorgegangen.

Über den Tellerrand Kochen. Foto: Über den Tellerrand kochen
Liebe geht bekanntlich durch den Magen: In dem Projekt "Über den Tellerrand kochen" werden Kochabende von und mit Flüchtlingen organisiert. Beim gemeinsamen Essen kommen sich Flüchtlinge und Einheimische näher.

"'Über den Tellerrand' ist für mich ein toller und wertvoller Weg, die Integration von Flüchtlingen zu fördern und einen Austausch zwischen Kulturen zu schaffen", meint Ninon Demuth, die das Projekt 2013 mit drei anderen jungen Berlinern im Zuge eines Wettbewerbs ins Leben rief. In anderen deutschen Städten wird das Konzept der Flüchtlings-Kochkurse inzwischen ebenfalls umgesetzt.

Streit um Hummus und Falafel

Auch die beiden Londoner Sterne-Köche Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi tragen auf kulinarische Weise zur Völkerverständigung bei. In ihren gemeinsam geführten Londoner Restaurants weisen sie auf die Gemeinsamkeiten der jüdischen und arabischen Küche hin und interpretieren diese immer wieder neu.

Ottolenghi und Tamimi wuchsen beide in Jerusalem auf, allerdings in unterschiedlichen Stadtvierteln: Ottolenghi im jüdischen Westen, Tamimi im muslimischen Osten. Die kulinarischen Erinnerungen an ihre Kindheit gleichen sich nichtsdestotrotz und veranlassten die beiden dazu, ihrer Geburtsstadt 2012 ein Kochbuch zu widmen.

Buchcover: "Jerusalem, das Kochbuch"
Kulinarische Schlichtung: Wenn die Debatte um Politik und Religion in Jerusalem einmal nicht das letzte Wort hat, dann entdeckt man auch Gemeinsamkeiten in der Küche. Das betonen die Sterne-Köche Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi in ihrem Kochbuch immer wieder. "Vielleicht wird ja eines Tages der Hummus die Menschen in Jerusalem zusammenbringen", hoffen sie.

Im "Jerusalem Kochbuch" betonen sie insbesondere eines: Die Jerusalemer Küche ist, bedingt durch die Geschichte der Stadt, ein Schmelztiegel unterschiedlichster Einflüsse. Verschiedene kulinarische Traditionen haben sich über die Jahrtausende dermaßen vermengt, dass sie nicht mehr zu entwirren sind. Die Jerusalemer Küche ist folglich weder arabisch noch jüdisch sondern vielmehr multikulturell.

Auch wenn die beiden nicht aus einer politischen Perspektive schreiben, so sind sie sich dennoch der Sprengkraft ihrer Ansichten bewusst: In Jerusalem werden die Spannungen auf allen Ebenen ausgetragen, auch auf der kulinarischen. Insbesondere über Hummus und Falafel herrscht erbitterte Zwietracht, weil beide Seiten sie als Nationalgerichte für sich reklamieren.

"In Jerusalem gibt es nun einmal einen Konflikt zwischen den zwei Kulturen und deswegen ist alles politisch aufgeladen, auch das Essen. Statt die Menschen zusammenzubringen, wird es zum Streitobjekt", meint Ottolenghi.

Dabei könne man im Gegenteil gerade die Gemeinsamkeiten der Küche als Ausgangspunkt für eine Annäherung nehmen: "Ein gutes Essen kann man fraglos auch genießen, ohne zu wissen, welcher Tradition es entstammt", schreiben Ottolenghi und Tamimi in ihrem Kochbuch. Sie sehen gerade in der Jerusalemer Küche Potential zur gegenseitigen Annäherung und meinen: "Hier ist noch eine riesige Hürde zu überwinden. Wir arbeiten daran. Vielleicht wird ja eines Tages der Hummus die Menschen in Jerusalem zusammenbringen."

Laura Overmeyer

© Qantara.de 2015

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