Christen und blasphemische Karikaturen

Das Recht, Gott zu lästern?

"Man hat das Recht, Gott zu karikieren" – so titelte die France Soir, die einige der umstrittenen Muhammad-Karikaturen nachdruckte. Doch hat man dieses Recht im Westen noch nicht seit langem. Von Ann-Katrin Gässlein

"Man hat das Recht, Gott zu karikieren" – so titelte die France Soir, eine der ersten europäischen Zeitungen, die dem dänischen Vorbild gefolgt waren und einige der umstrittenen Muhammad-Karikaturen abdruckte. Doch hat man dieses Recht noch nicht seit langem. Der Umgang im Westen mit religiösen Provokationen – speziell christlichen Blasphemien – hatte gerade im 20. Jahrhundert eine neue und schärfere Dimension erfahren. Ann-Katrin Gässlein berichtet

​​Durch den Einfluss der Aufklärung änderten sich in Europa die Voraussetzungen für "Blasphemie". Das "Religionsdelikt" trat an die Stelle der Gotteslästerung – ein Vorwurf, der sich häufig an religiöse oder philosophische Erneuerer richtete.

Mit dem Recht auf Meinungsfreiheit schützte der Staat eine sachlich motivierte Kritik an religiösen Institutionen und weigerte sich, Gotteslästerer zu betrafen und auszugrenzen. Der Rechtsschutz richtete sich mehr auf die religiösen Gefühle des Einzelnen.

Bei den "modernen Fällen" jedoch, mit denen sich die Weltgemeinschaft des 20. und 21. Jahrhunderts herumschlagen muss, handelt es sich eher um Künstler, die diese Gefühle angeblich verletzt haben. Ihnen wird meistens die dargestellte Form ihrer Äußerungen genauso vorgeworfen wie der Inhalt an sich.

Der Fall George Grosz

Als "godfather" des blasphemischen Zeichnens kann der Karikaturist George Grosz gelten, dessen Fall zum größten Prozess wegen Gotteslästerung in der deutschen Geschichte geführt hat. Als 21-Jähriger nimmt er am Ersten Weltkrieg teil, danach zeichnet er unter der Schockerfahrung Menschen, die im weiteren Sinn Gewalt sichtbar machen – Betrunkene, Kotzende, Männer, die mit geballter Faust den Mond verfluchen, Frauenmörder, die Skat spielend auf einer Kiste sitzen, in der man die Ermordete sieht, etc.

1928 veröffentlicht er mit einem sehr einfachen, expressiven Stil eine Zeichnung mit dem Titel "Christus mit der Gasmaske". Dieses Thema hatte ihn seit langem beschäftigt, und er überlegte, wie Jesus als Mensch der heutigen Zeit wohl darzustellen wäre.

So stellt er den gekreuzigten Jesus als Opfer seiner Zeit dar, Stiefel und Gasmaske tragend und mit einem Kreuz in der Hand. Am Rand der Zeichnung steht: "Maul halten und weiter dienen". Nach der Veröffentlichung kommt es zum Blasphemieprozess. In drei Instanzen erfolgen die Urteile: Geldstrafe, Freispruch, Aufhebung des Freispruchs.

Eine endgültige Entscheidung wird nicht getroffen, da Grosz 1933 in die USA flieht. Seine Werke werden unter den Nationalsozialisten als "entartete Kunst" dargestellt.

Konflikte in neuerer Zeit

In der christlichen Theologie scheint sich in den letzten Jahren die Ansicht durchzusetzen, eher auf Protest zu verzichten, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf einen Blasphemiefall zu lenken. Dennoch hatte George Grosz viele Nachfolger im Geiste, denn bis zum heutigen Tag flammen immer wieder Konflikte auf. Hier eine kleine Auswahl:

  • 1979: In dem Film "Das Leben des Brian" der britischen Komiker-Truppe Monty Python singt Jesus-Doppelgänger Brian fröhliche Lieder am Kreuz. Der Film wird in Schottland verboten.
  • 1983: In Herbert Achternbuschs Film "Das Gespenst" wird Jesus zum Kellner. Eine Anklage wegen Religionsbeschimpfung wird erhoben.
  • 1988: Im Film "Die letzte Versuchung Christi" von US-Regisseur Martin Scorcese steigt Jesus vom Kreuz und heiratet Maria Magdalena. Weltweite Proteste vor den Kinos erfolgen, Bombendrohungen werden ausgesprochen.
  • 1998: Die schwedische Fotografin Elisabeth Ohlson inszeniert Jesus als schwulen AIDS-Kranken. Bei der Ausstellungseröffnung von "Ecce homo" werfen Demonstranten Steine auf sie.
  • 1998: Die französische Fotografin Bettina Rheims zeigt Jesus auf dem Buch-Cover "I.N.R.I." als gekreuzigte, barbusige Frau. Der Bildband darf laut Gerichtsbeschluss im Handel nicht öffentlich ausgelegt werden.
  • 1999: Der Karikaturist Walter Moers zeichnet Jesus als "kleines Arschloch". Eine Strafanzeige wegen Religionsbeschimpfung wird erhoben.
  • 2001: Gegen die Kölner Aufführung des Stückes "Corpus Christi" von US-Autor Terence McNally wird heftig protestiert. Es stellt Jesus und die Jünger als trinkfreudige Homosexuelle dar.
  • 2003: Der Zeichner Gerhard Haderer zeigt Jesus als bekifften Spät-Hippie in dem Band "Das Leben des Jesus". Proteste erfolgen vom österreichischen Bischof Schönborn, Schmähbriefe und Lynchdrohungen laufen im Verlag ein.
  • 2005: "Jerry Springer- the Opera" zeigt einen schwulen Jesus, der in Windeln über die Bühne tanzt. Die Oper läuft monatelang im Londoner Westend und wird von der BBC ausgestrahlt. Die Lobbygruppe Christian Voice sammelt 55000 Klagen gegen die BBC, zahlreiche, aber friedliche Proteste erfolgen.
  • Das "Blasphemische" an Karikaturen

    Bildmedien scheinen allgemein stärker zu wirken als Rede und Schrift, weil sie auf Imagination und Emotion abzielen. Durch die Autonomie der Kunst stehen einer blasphemischen Abweichung grundsätzliche Möglichkeiten offen.

    Schon die frühe christliche Kirche verbot jegliche Bildkunst wegen der Nähe zum Götzendienst, der Einfluss der Lutheraner erreichte im Konzil von Trient ein Bilderdekret und bekämpfte die Auswüchse der katholischen Kirchenkunst. Bis ins 18. Jahrhundert fanden Verfahren gegen dogmatisch unkorrekte Bildwerke statt.

    Blasphemische Karikaturen, die auf großen Protest stoßen, greifen häufig auf das Mittel der "Verfremdung" zurück. Die Verfremdung, als künstlerisches Verfahren durch Bertolt Brecht ausgearbeitet, setzte herkömmliche Elemente in Unordnung und problematisiert damit etwas Selbstverständliches.

    Sonderformen der Verfremdung, die bei Blasphemiefällen oft eine Rolle spielen, sind die Gestaltungsmittel Ironie, Travestie oder Trivialisierung. Kombinationen sind beliebt:

    George Grosz provoziert beispielsweise durch die Kombination einer traditionellen Kruzifixdarstellung mit der Darstellung eines zeitgenössischen Soldaten, der Prophet Muhammad wird mit den Attributen eines Terroristen und Selbstmordattentäters ausgestattet. Die herkömmliche "Folie" wird mit einem "Novum" überschrieben, was zu Irritationen führt.

    Die Motivation der "Blasphemiker"

    In vielen Fällen soll das Gestaltungsmittel "Verfremdung" zu einer neu reflektierten Wahrnehmung und Überdenkung der herkömmlichen Inhalte führen. Der Maler George Grosz scheint seine Zeichnung als Verständnis seines Selbstausdrucks zu sehen. Dabei hat er nicht die Absicht, jemanden schmähen zu wollen.

    Das Jesusbild aus dem 19. Jahrhundert trifft für Grosz angesichts seiner eigenen Kriegserfahrungen nicht mehr zu. Theologisch gesehen zielt er damit auf eine Neuorientierung an christlichen Glaubensinhalten.

    Im Fall der jetzt wieder viel zitierten "Satanischen Verse" ging es dem Autor um die Formulierung einer radikalen Religionskritik und die Betonung der grundsätzlichen Gefahr von Fundamentalismus und Fanatismus, die seiner Ansicht nach in jeder Religion schlummern. Ein Ausspruch des Schriftstellers, gleichzeitig ein Zitat aus den "Satanischen Versen", zeigt das deutlich:

    "Im Indien von heute werden Frontlinien gezogen... Säkular gegen religiös, Licht gegen Finsternis. Überleg dir genau, auf welcher Seite du stehst."

    Bei den Erstveröffentlichung der Muhammad-Karikaturen schien es aber weder um das Eine noch das Andere zu gehen. Wie der Kulturchef der Jyllands-Posten, Flemming Rose, bekannte, wollte er in Erfahrung bringen, "wie weit die Selbstzensur in der dänischen Öffentlichkeit geht". Es handelt sich also vielmehr um eine Probe aufs Exempel, eine Art Kraftakt und keineswegs um eine inhaltlich-theologische Auseinandersetzung mit dem religiösen Thema.

    Ann-Katrin Gässlein

    © Qantara.de 2006

    Qantara.de

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