Badjens: Das iranisches Online-Magazin für Frauen

Iranischer Feminismus online

Das Bild der iranischen Frau wird im Westen oft verzerrt dargestellt – entweder erscheint die Frau in der Rolle eines passiven Opfers oder aber als moderne Rebellin, die mit gesellschaftlichen Tabus bricht. Keins dieser Stereotype entspricht der Wirklichkeit, meint die Feministin Mahsa Shekarloo.

Mit Ihrer Online-Zeitschrift Badjens will die in Tehran lebende Feministin Mahsa Shekarloo eine Plattform für Frauen im Iran anbieten. Aber www.badjens.com versucht auch, mit gängigen westlichen Stereotypen von iranischen Frauen aufzuräumen.

Wann haben Sie mit Badjens angefangen und was war der Hauptidee für die Gründung einer feministischen Online-Zeitschrift in Iran?

Mahsa Shekarloo; Foto: Arian Fariborz

​​Mahsa Shekarloo: Badjens fing vor 3 Jahren an. Als ich aus den USA nach Iran kam, wollte ich sehen, was die iranischen Frauen machen. Mir wurde klar, dass sie viel mehr taten als ich bislang wusste und ich war sehr überrascht, wie aktiv sie waren. Ich dachte mir, naja, wenn das mich erstaunt, dann ist es bestimmt auch für andere Menschen in der Welt eine Überraschung. Badjens hat viele Ziele - eins der Hauptziele ist nicht nur, aus dem Iran zu informieren, sondern auch, auf eine bestimmte Art und Weise, Frauen im Iran zu helfen, sie aus einer bestimmten Isolation herauszuholen.
Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, Menschen aus dem Westen herauszufordern, ihre Meinungen zu hinterfragen. Es ging natürlich auch darum, die Ungleichheit der Geschlechter im Iran zu diskutieren, Themen, die wichtig für Frauen hier sind. Und andererseits sind wir uns der gängigen Vorurteile und Stereotype sehr bewusst, da wir im Westen aufgewachsen sind. Wir haben also zwei Hauptanliegen: einerseits die Rechte der Frauen zu stärken, andererseits unsere Leserschaft herauszufordern.

Worin bestehen diese Stereotype, von denen Sie sprechen?

Shekarloo: Zum Beispiel darin, dass die Gesetze im Iran so entsetzlich seien, dass Frauen hier im Grund genommen nicht in der Lage sind, etwas zu machen. Wenn man die Gesetzgebung anschaut, sieht vieles erschreckend aus und nur das wird dann diskutiert. Oder auch dass Frauen so dargestellt werden, als wenn sie immer nur passiv wären - Opfer, die alles stets ertragen müssen und immer wieder niedergemacht werden. Aber das stimmt so nicht. Frauen sind hier sehr aktiv und leisten auch Widerstand. Ein anderes Beispiel: die Taliban und ihre Frauen. Sie werden im Westen oft als passiv dargestellt, ohne dass sich jemand mit einer afghanischen Frau unterhalten hätte. All behaupten, sie wüssten von ihren Problemen und haben Mitleid mit ihnen. Aber ich bin sicher, dass deren Leben sehr viel komplexer ist, als immer im Westen behauptet wird. Dasselbe lässt sich auch für den Iran sagen: Die meisten Menschen aus dem Westen, die nach Iran kommen, gehen davon aus, dass iranische Frauen, muslimische Frauen, zu den am meist unterdrückten Frauen der Welt zählen. Das mag stimmen oder auch nicht stimmen. Aber der Punkt ist, dass diese Leute – dadurch, dass sie mit dieser Voreingenommenheit hierher kommen – alles was sie hier wahrnehmen, nur zur Bestätigung dient. Und seit neuestem, seitdem Khatami Präsident ist, gibt es eine neue Art von Stereotyp: "Das junge Mädchen mit dem deutlich nach hinten gezogenen Schleier, stark geschminkt und mit engen Kleidern" – das wird schon geradezu „glorifiziert“. Nun, was diese Mädchen da machen, ist schon wichtig, aber das ist eine Sache. Wenn man aber das als die beste Form von sozialer Revolution erscheinen lässt, stimmt das schlicht und einfach nicht. Und wenn im Westen positive Bilder von iranischen Frauen vermittelt werden, dann immer solche von Heldinnen. Es gibt also zwei Extreme: auf der einen Seite werden iranischen Frauen als passive Opfer dargestellt, andererseits gibt es einige, wenige Ausnahmefälle: Frauen, die mit allen Regeln und sozialen Normen brechen. Alles andere scheint nicht zu existieren oder gerät dabei aus dem Blickwinkel.

Übernimmt Badjens auch feministische Literatur aus dem Westen oder liegt der Schwerpunkt ausschließlich auf Schriften feministischer Denker im Iran?

Shekarloo: Wir interessieren uns sehr für Schriften, die den "postcolonialism" behandeln. Außerdem kennen wir uns sehr gut mit Gender-Theorien aus. Wenn man die Artikel liest, merkt man, dass es da eine politische Bande gibt. Wir haben nicht behauptet, objektiv zu sein. Zu meinem Hintergrund: Ich habe ich viel von Feministinnen in der Dritten Welt gelesen, zum Beispiel Gayatri Spivak oder Leila Ahmad – weil sie diese Seite der Welt besser verstehen. Und in ihren Arbeiten geht es viel um die Darstellung orientalischer Frauen. Dieser Hintergrund prägt mein Schreiben. Aber im Iran höre ich mir an, was die Frauen hier zu sagen haben. Es gibt einige feministische Schriftstellerinnen die ich respektiere, und sie haben mir geholfen, viel zu verstehen. Und ich hoffe, dass ich dies in Badjens mit einbeziehen kann.

Hat die Popularität und die Zunahme des Internet im Iran auch feministische Schriftstellerinnen dazu ermutigt, deutlicher an die Öffentlichkeit zu gehen als zuvor?

Shekarloo: Das Internet hat jetzt vielen Menschen Zugang zu Gender-Themen ermöglicht. Es gibt inzwischen schon ein paar Zeitschriften, in denen über Feminismus diskutiert und debattiert wird. Aber das sind sehr spezielle Foren. Außerdem muss man über den Diskurs Bescheid wissen - es ist also nur ein kleiner Ausschnitt. Und natürlich ist das immer noch ein heikles Thema, weil der Feminismus hier als ein Import aus dem Westen wahrgenommen wird. Also, es ist immer noch ein schwieriges Unterfangen, weil einem vorgeworfen werden kann, westlich zu sein. Das ist etwas, was aber nicht nur für den Iran gilt. In vielen Ländern gibt es solche Probleme, weshalb man sehr umsichtig mit diesem Thema umgehen muss.

Glauben Sie, dass im Iran ein Generationenkonflikt existiert, eine Kluft zwischen jüngerer und älterer Frauengeneration, die sich immer deutlicher manifestiert?

Shekarloo: Sicher glaube ich, dass es diesen Konflikt gibt. Im Iran ist man geradezu "besessen" von dem Gedanken, anständig zu sein und sich tadellos zu verhalten - eine gute Frau zu sein. Das kann man zwar überall auf der Welt beobachten, aber hier ist es doch sehr ausgeprägt. Es macht nichts, ob eine Frau religiös ist oder nicht, ob sie den oberen oder unteren sozialen Schichten angehört. Die jüngere Frauengeneration hält weniger daran fest - alles was ihren Müttern heilig war: Ehe, Familie, ein gutes Mädchen zu sein. Natürlich heiraten die Mädchen, aber viele von ihnen haben Angst davor, ihre Freiheit zu verlieren. Ich glaube, dass die junge Generation viel skeptischer, zynischer geworden ist. Ihre Mütter sind lange nicht so zynisch oder misstrauisch wie sie. Auch ist das Gefühl weit verbreitet, dass die Mütter Spaß hatten, als sie jünger waren und die Mädchen der jüngeren Generation haben genau das heute nicht mehr. Und es gibt auch Unmut unter manchen, dass ihre Mütter nicht stark genug gekämpft haben, um die Schleierpflicht zu verhindern.

Interview: Arian Fariborz, © 2003 Qantara.de

Iranischer Feminismus online: www.badjens.com

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