Azhar-Konferenz über Genitalverstümmelung

Gelehrte ächten den Missbrauch des weiblichen Körpers

Die deutsche Organisation TARGET veranstaltete erstmals zusammen mit der Azhar-Universität eine Konferenz über weibliche Genitalverstümmelung. Auf ein Rechtsgutachten, das die Beschneidung von Frauen verbietet, konnte man sich jedoch nicht einigen. Von Nelly Youssef

Die deutsche Organisation TARGET veranstaltete erstmals zusammen mit der ägyptischen Azhar-Universität eine internationale Konferenz über weibliche Genitalverstümmelung. Auf ein Rechtsgutachten, das die Beschneidung von Frauen verbietet, konnte man sich jedoch nicht einigen. Von Nelly Youssef

Demonstration somalischer Frauen in Mogadischu gegen die Beschneidung von Mädchen; Foto: AP
Demonstration somalischer Frauen in Mogadischu gegen die Beschneidung von Mädchen

​​Die deutsche Menschenrechtsorganisation TARGET organisierte Ende November in der Azhar-Universität in Kairo eine "Internationale Wissenschaftlerkonferenz zur Ächtung des Missbrauchs des weiblichen Körpers", bei der islamische Religionsgelehrte, Ärzte, Juristen und Mitglieder sozialer Einrichtungen zusammenkamen, um über weibliche Genitalverstümmelung zu diskutieren.

Die Konferenz stand unter dem Patronat des ägyptischen Amts für religiöse Gutachten (Fatwa) und seines Leiters, des Muftis Dr. Ali Gumaa. Ziel der Organisatoren war es zu verdeutlichen, dass die Beschneidung von Mädchen sowohl unter medizinischen als auch unter religiösen Gesichtspunkten abzulehnen sei.

Die Teilnehmer waren sich einig darin, dass dieser vielfach praktizierte Brauch unterbunden werden müsse. Die Gefährdung der Psyche und der körperlichen Unversehrtheit der beschnittenen Frauen und die Einschränkungen, die der Eingriff für deren Arbeitskraft bedeute, seien zu groß.

Aufklärungsarbeit gefordert

Während der Konferenz wurde an die Muslime appelliert, diesem Brauch Einhalt zu gebieten. Sowohl ägyptische als auch internationale Organisationen forderten vermehrt Aufklärungsarbeit, da auch der Islam verbiete, den menschlichen Körper zu versehren.

Der international bekannte Scheich Yusuf Al-Qaradawi erklärte, dass sich im Koran keinerlei Hinweise auf eine Beschneidung vorn Frauen finden ließen. Zwar hielten sowohl islamische Rechtsgelehrte als auch Mediziner die Beschneidung von Jungen einhellig für notwendig, für die Beschneidung von Mädchen bestünde unter den Rechtsgelehrten allerdings Uneinigkeit.

Auch Professor Dr. Mahmoud Hamdi Zakzouk, Minister für religiöse Stiftungen und Vorsitzender des Gremiums für islamische Angelegenheiten, betonte, dass es keinen glaubwürdigen religiösen Text gebe, in dem die Beschneidung der weiblichen Genitalien empfohlen werde. Auch aus medizinischer Sicht gebe es keinerlei Vorteile.

Dr. Muhammad Sayyid Tantawi, Großscheich der Azhar Universität, der gleichfalls darauf hinwies, dass es in den islamischen Rechtsquellen keine Hinweise auf ein Gebot für die Beschneidung von Mädchen gäbe, plädierte allerdings dafür, die Autorität der Entscheidung den Medizinern zu überlassen.

Verbot der Beschneidung in Krankenhäusern

Fünfzig Prozent der Schülerinnen an ägyptischen Schulen im Alter von zehn bis 18 Jahren seien laut Muhammad Farid, dem Leiter des Projekts zur Unterstützung von Hilfsdiensten im ägyptischen Gesundheitsministerium, beschnitten – auch wenn das Gesundheitsministerium einen Beschluss zum Verbot von Beschneidung in staatlichen Krankenhäusern erlassen habe.

75 Prozent der Ärzte, die Beschneidungen durchführten, gäben die Religion – sei es Christentum oder Islam - als Grund für eine Beschneidungen an. Nach wie vor ignorierten viele Ärzte die körperlichen, sexuellen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die eine Beschneidung für Mädchen mit sich bringt.

Auf die Situation der etwa 20.000 beschnittenen ausländischen Frauen in Deutschland ging Professor Dr. Herbert Kentenich, Chefarzt der Frauenklinik des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin und Mitglied des medizinischen Teams der deutschen Menschenrechtsorganisation TARGET, ein.

In seiner Klinik behandle er immer wieder insbesondere Afrikanerinnen, die unter körperlichen Symptomen wie starke Blutungen, Harnverhaltung, Beschwerden beim Geschlechtsverkehr und während der Schwangerschaft litten. Auch die psychische Konstitution der Frauen leide nach einer Beschneidung.

91 Prozent der Frauen in Mali betroffen

Dass der Brauch der Beschneidung besonders in einigen afrikanischen Ländern weit verbreitet sei, bestätigte auch der malische Imam Mahamadou Diallo, der sich mit den Risiken der Genitalverstümmelung in Mali befasst. Er wies darauf hin, dass Beschneidung eine alte afrikanische Unsitte sei, von der in Mali 91 Prozent der Frauen betroffen seien.

Um diesen Brauch zu bekämpfen empfahl er die Ausbildung qualifizierter Teams, deren Aufgabe die Aufklärung der Bevölkerung sei. Auch sollten weitere Konferenzen und Treffen organisiert werden, auf denen die Religionsgelehrten der Bevölkerung bewusst machen, wie unmenschlich dieser Brauch ist.

Eine positive Bilanz der Konferenz zog Annette Weber, eine der beiden Hauptaktivisten der deutschen Nichtregierungsorganisation TARGET, die die Konferenz finanziert hatte: Das Ziel, zu verdeutlichen, dass Beschneidung nichts mit dem Islam zu tun habe, sei erreicht worden, sagte Weber.

Die im Islam gebotene Achtung der Unversehrtheit des menschlichen Körpers müsse jedem Muslim wichtiger sein als die Befolgung eines lediglich auf Gewohnheitsrecht beruhenden Brauchs. Große Breitenwirkung verspricht sie sich von dem – von der Konferenz ausgehenden – Aufruf zur Ächtung, weibliche Genitalverstümmelung als ein strafbares Verbrechen zu betrachten, das gegen die höchsten Werte des Islam verstoße.

Auch dass die Konferenz im wichtigsten religiösen Zentrum der islamischen Welt, der Azhar-Universität, stattgefunden habe, sei von großer Bedeutung, so Weber.

Die Hilfsorganisation TARGET wurde im Jahr 2000 von Rüdiger Nehberg und Annette Weber gegründet. Mit der von ihnen initiierten "Pro-Islamischen Allianz" gegen weibliche Genitalverstümmelung" kämpfen sie für ein Ende dieser Tradition.

Nelly Youssef

Aus dem Arabischen von Stefanie Gsell

© 2006 Qantara.de

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