Allianz der Zivilisationen

Interkulturelles Friedensforum oder Debattierklub?

Das Verhältnis des Islam zur westlichen Welt war jüngst Thema einer Konferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro. Die sogenannte "Allianz der Zivilisationen" soll eigentlich ein Forum für den interkulturellen und religionsübergreifenden Dialog sein. Aber erfüllt sie diesen Zweck auch tatsächlich? Von Nick Amies

Gesprächsrunde des AoC Forums 2010; Foto: Wikipedia
Die Allianz der Zivilisationen verfolgt hehre Ziele. Aber taugt sie als politisches Forum – oder ist sie eher ein Debattierklub, dem es an einem thematischen Schwerpunkt mangelt?

​​ Vierzehn Jahre sind vergangen, seit Samuel P. Huntington sein Buch "The Clash of Civilizations" veröffentlicht hat, zu deutsch "Kampf der Kulturen: die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert" (aus dem Englischen von Holger Fliessbach, zuletzt Hamburg: Spiegel-Verlag 2006). Um die weltweite Zunahme von ideologisch motivierter Gewalt zu erklären, ist seither immer wieder auf die Kernthese dieses Buches verwiesen worden: Nach dem Ende des Kalten Krieges, so Huntington, sei das Hauptkonfliktpotenzial nun kultureller und religiöser Natur.

Gegenseitiges Misstrauen, Ängste, zu wenig Verständnis für den jeweils anderen – das Verhältnis zwischen der islamischen Welt und den westlichen Gesellschaften hat sich nach den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001 beträchtlich verschlechtert. Doch die Konflikte sind nicht Ausdruck eines Kulturkampfs, sondern dem Bemühen von Extremisten geschuldet, die aus der beiderseitigen Verunsicherung Kapital schlagen.

Die "Allianz der Zivilisationen" (Alliance of Civilizations – AoC) wurde von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen, um für mehr Verständnis, Toleranz und Respekt zu werben. So sollte dem Extremismus ein Teil seiner Antriebskraft genommen werden.

Friedliche Koexistenz

2005 vom damaligen Generalsekretär Kofi Annan sowie den Regierungschefs Spaniens und der Türkei gegründet, sollte das Forum ein großes Bündnis für die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Kulturen aus aller Welt sein. Der Schwerpunkt liegt darauf, kulturelle Missverständnisse aufzuklären, Vorurteile zu widerlegen und die zwischen der westlichen und der islamischen Welt herrschenden Spannungen abzubauen.

Bewaffnete Militante auf einem Begräbniszug; Foto: picture-alliance/dpa
"Zwei widersprüchliche Wahrheiten": Der Palästina-Konflikt spielt für das Verhältnis des Westens zum Islam eine zentrale Rolle. Beim dritten Treffen der Allianz der Zivilisationen stand er jedoch nicht auf dem Programm.

​​ Erst kürzlich, vom 27.-29. Mai, hat in Rio de Janeiro die dritte Konferenz der Allianz der Zivilsationen stattgefunden. Die Zeitungen waren zu diesem Zeitpunkt voll von den militärischen Auseinandersetzungen in Afghanistan, im Irak und in den Palästinensergebieten. Gesellschaftliche Fragen im Zusammenhang mit Religion und Kultur beherrschten in ganz Europa die öffentliche Diskussion.

Und weil gegenseitiges Verständnis immer mehr als Voraussetzung dafür gilt, Konflikte friedlich lösen zu können, erschien vor allem die Teilnahme der USA an diesem Maigipfel als bedeutend. Erst vor wenigen Wochen war das Land das 119te Mitglied der Allianz geworden. In den von interkulturellen Konflikten am schwersten erschütterten Regionen der Welt sind die USA nachhaltig präsent. Dass die Regierung von Barack Obama eine neue Politik anstrebt, ist deshalb von nicht geringer Bedeutung für das Potenzial der Allianz, zu friedlichen Entwicklungen beizutragen.

Doch während die weltweiten Konflikte und die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung zweifellos zu den dringendsten und beunruhigendsten Themen überhaupt gehören, hat sich das Forum in Rio de Janeiro auf weit harmlosere Debatten konzentriert. So standen etwa die Rolle des Internets für die Meinungsbildung und das Thema Zensur auf dem Programm.

"Es ist schwer zu sagen, welche Themen am wichtigsten sind, aber Migration und Bildung gehören sicher zu den besonders interessanten", erklärte der Brasilianische Diplomat Jose Augusto Lindgren gegenüber der Presse. Lindgren war selbst an der Organisation der dreitägigen Veranstaltung beteiligt.

Die wichtigsten Fragen bleiben außen vor

Inzwischen melden sich Stimmen zu Wort, die kritisieren, dass die wichtigsten Fragen bei der Allianz der Zivilisationen nicht auf der Tagesordnung stehen. Fragen, die im Interesse friedlicher Lösungen dringlicher denn je beantwortet werden müssten.

David Bosold; Foto: dgap.de
David Bosold: "Die Allianz der Zivilisationen ist lediglich von symbolischem Wert.

​​ "Für Muslime aus der arabischen Welt und das Verhältnis des Westen zum Islam ist der Palästinakonflikt von zentraler Bedeutung", meint auch David Bosold, Programmleiter des International Forum of Strategic Thinking der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). "Auf Menschen, die nicht selbst im Westjordanland leben, hat er zwar kaum Auswirkungen, nicht einmal auf Muslime. Aber hinter diesem Konflikt steht ja die Auseinandersetzung um zwei widersprüchliche Wahrheiten, um Menschenrechte, um politische Rechte, um politische Legitimität. All dies ist einem besseren Verständnis für die andere Seite nicht gerade zuträglich."

Das größte Problem, meint Bosold, sei, "dass beide Seiten zu wenig voneinander wissen und deshalb die Diversität der jeweils anderen Kultur nicht richtig einschätzen können. Der Westen und die islamische Welt werden gleichermaßen als monolithische Blöcke dargestellt. Obwohl sie das nicht sind, weder im Hinblick auf die Religion noch in politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht."

Irreführende Begrifflichkeiten

Allen ehrenwerten Absichten der Allianz der Zivilisationen zum Trotz wird mittlerweile von verschiedenen Seiten die Frage gestellt, ob dieses Forum etwas bringt. Oder ob es nicht eher ein Debattierklub ohne inhaltlichen Schwerpunkt ist.

Nach Ansicht von Riem Spielhaus, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for European Islamic Thought der Universität von Kopenhagen arbeitet, macht die Allianz nicht zuletzt deshalb keine Fortschritte, weil sie an überholten Begrifflichkeiten festhält.

McDonald's Logo und Minarett; Foto: DW/dpa
Irreführende Terminologie: Begriffe wie "Der Westen" und "der Islam" sind zu undifferenziert, meinen Kritiker.

​​ "Ich glaube, die meisten dieser Dialog-Initiativen setzen ihre Schwerpunkte nicht richtig", sagt Spielhaus der Deutschen Welle. "Sie bleiben einer binären Weltsicht verhaftet, die sich in der Terminologie widerspiegelt. Da gibt es "den Westen" und "den Islam". Aus welcher Perspektive hier gesprochen wird, bleibt unklar. Diese Homogenisierung hilft aber nicht weiter. Insofern würde ich nicht einmal sagen, dass die Allianz der Zivilisationen überhaupt mit "Kulturen" im Plural beschäftigt ist."

Allerdings fügt sie hinzu, es sei natürlich besser, einen Dialog zu führen als Konflikte mit Gewalt auszutragen. "Aber ob bei diesen Schwarz-Weiß-Begrifflichkeiten etwas herauskommt, ist sehr die Frage. Womöglich wird die Kluft dadurch nur noch tiefer."

Nichts Konkretes

David Bosold ist noch kritischer. Er meint, dass es der Allianz an Resonanzboden fehlt. Konkrete Ergebnisse erwartet er auch nicht.

"Solche UN-Initiativen sind von symbolischem Wert", meint er. "Da wird eine offene Atmosphäre geschaffen, in der dann politische Diskussionen unter den Entscheidungsträgern stattfinden können. Aber konkrete Ergebnisse werden nicht dabei herauskommen, denn die Allianz der Zivilisationen hat drei große Mankos: Erstens hält sie keinerlei Verbindung zur Zivilgesellschaft, weder in der islamischen Welt noch im Westen. Beide Seiten ins Gespräch zu bringen, kann ihr also gar nicht gelingen. Zweitens ist es eine Elite, die da diskutiert. Es gibt keine Verbindung zu den jeweiligen Gesellschaften, zu den Menschen. Obwohl das eigentlich durchaus gewollt war."

Vor allem aber habe das ganze Unternehmen außerhalb der Struktur der Vereinten Nationen keinen politischen Rahmen. Insofern die Vereinten Nationen im Lauf des letzten Jahrzehnts ständig an Bedeutung verloren hätten, sei das ein echtes Problem, meint Bosold. "Der UN-Generalsekretär hat zunehmend Schwierigkeiten, Themen international durchzusetzen. Darunter leidet auch eine Initiative wie die Allianz der Zivilisationen. Dafür eine Lösung zu finden, ist nicht leicht."

Nick Amies

© Deutsche Welle/Qantara.de 2010

Aus dem Englischen von Ilja Braun

Redakteur: Lewis Gropp/Qantara.de

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