Theologe: "Selbstmordattentäter sind keine Märtyrer"

26.10.2017

Der Trierer Theologe Thorsten Hoffmann hält es vor dem Hintergrund der islamischen Tradition für abwegig, islamistische Selbstmordattentäter zu Märtyrern zu stilisieren. "Ich kann aus wissenschaftlicher Sicht sagen, dass die Tragfähigkeit des Arguments, dass ein Selbstmordattentäter andere mit in den Tod reißen darf, im Islam äußerst dünn ist", sagte Hoffmann am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Wie groß das Legitimationsdefizit islamistischer Terroristen sei, werde dadurch deutlich, dass zahlreiche islamische Autoritäten Terrorakte verurteilten. Der 37-jährige Theologe hat für seine Doktorarbeit die Ursprünge des Märtyrertums im Christentum und im Islam erforscht.

In der Geschichte des Islam hätten kämpfende Gläubige, die auf dem Schlachtfeld ihr Leben ließen, schon früh als Märtyrer gegolten, so Hoffmann weiter. Im Koran werde diesen Kämpfern ein großartiger Lohn versprochen.

"Allerdings bedeutet die Anerkennung des kämpfenden Märtyrers im Islam nicht, dass dieser wahllos töten darf", schränkte der Experte ein. "Im Gegenteil: Grundsätzlich verbietet der Koran das Töten von Menschen, unabhängig davon, ob es sich dabei um Muslime oder Nichtmuslime handelt". Kampfhandlungen dürften sich demnach nicht gegen Frauen, Kinder oder Wehrlose richten, unnötige Grausamkeiten seien verboten.

Islamisten beriefen sich hingegen meist auf in der Tradition geltende Ausnahmen für Vergeltung bei ähnlichen Akten eines Feindes. "Der sogenannte Islamische Staat etwa stellt die arabische Welt als Opfer dar, das sich gegen die umfassende Aggression westlicher Staaten zur Wehr setzen müsse", sagte Hoffmann. Der Kampf der Dschihadisten werde so zum Verteidigungskrieg erklärt. Sämtliche Ausnahmen des islamischen Tötungsverbots würden zur Regel erklärt und nicht mehr als Extrem-, sondern als Normalfall angesehen.

Auch im Christentum habe es eine Tradition gegeben, nach denen Offensivkriege gegen Nichtchristen mit dem Ziel erlaubt seien, diese zu unterwerfen und zu taufen, führte Hoffmann aus. So habe man die Kreuzzüge des 11. bis 13. Jahrhunderts als "Heilige Kriege" verstanden. Christen, die dabei umgekommen seien, hätten damals als Märtyrer gegolten. "Offiziell hat die katholische Kirche aber bis heute niemanden, der während der Zeit der Kreuzzüge im Kampf gegen Ungläubige sein Leben ließ, heiliggesprochen oder zum Märtyrer erklärt", sagte Hoffmann. (KNA)

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