Theologe: Corona befördert den interreligiösen Dialog

03.07.2020

Durch die Corona-Pandemie könnte ein neues Zeitalter des interreligiösen Dialogs anbrechen. Zumindest liegt diese Hoffnung nahe, liest man die "Spurensuche" nach entsprechenden Brückenschlägen und Initiativen aus aller Welt, deren Ergebnis der katholische Theologe Martin Jäggle online veröffentlicht hat.

Noch nie, schreibt der frühere Professor für Religionspädagogik an der Universität Wien und Präsident des Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Österreich, Martin Jäggle, hätten Glaubensgemeinschaften weltweit derart massive Einschränkungen hinnehmen müssen wie in der Corona-Pandemie. Das jüdische Purim-Fest sei ebenso "auf Sparflamme" gelaufen wie das Holi-Fest der Hindus; harte Beschränkungen hätten das jüdische Pessachfest und das christliche Osterfest getroffen sowie den gesamten islamischen Fastenmonat Ramadan. Die physische Präsenz Gläubiger am Schabbat in der Synagoge, am Sonntag in der Kirche und am Freitag in der Moschee sei lange Zeit unmöglich gewesen.

Es wäre nur zu verständlich gewesen, wenn die jeweilige Religionsgemeinschaft ihre ganze Aufmerksamkeit der Bewältigung der widrigen Umstände innerhalb der eigenen Gemeinschaft gerichtet hätte, findet Jäggle. Aber genau das war nicht der Fall: "Vielfältige, teils sogar recht innovative Praktiken" seien ins Leben gerufen worden, mit "Blick über die eigene Gemeinschaft hinaus auf die gegenwärtige Situation der Menschheit".

Einige Beispiele beschreibt Jäggle in dem vom Wiener Institut für Praktische Theologie seit Beginn der Pandemie betriebenen Blog "theocare.network": Auf Einladung des Bürgermeisters von Jerusalem, Masche Leon, etwa kamen Ende März erstmals Vertreter verschiedener Religionen im Jerusalemer Rathaus zu Gebeten um ein baldiges Ende der Corona-Pandemie zusammen, "weil wir ein gemeinsames Problem haben". Denn "ob Juden, Christen, Muslime: Wir rufen Gott um Hilfe an", so der Bürgermeister.

Neben Muslimen-, Drusen-, Kirchen- und Bahaivertretern sprachen auch der sephardische und der aschkenasische Oberrabbiner Jerusalems, Schlomo Amar und Arieh Stern, Gebete in ihrer jeweiligen Tradition. Von christlicher Seite nahmen der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilos III., Patriarchatsleiter Erzbischof Pierbattista Pizzaballa und Franziskanerkustos Francesco Patton teil. Schlomo Amar betonte dabei, Jerusalem sei "der rechte Ort" für derartige Gebete. "König Salomon, der wenige Meter von hier den Tempel errichtet hat, hat Gott gebeten, alle zu erhören, die hierher zum Gebet kommen, ob Juden oder Nichtjuden."

In Österreich gab es in diesem Jahr erstmals ein Grußwort zu Ostern und Pessach, das die beiden Vizepräsidenten des Koordinierungsausschusses, Margit Leuthold (evangelisch) und Willy Weisz (jüdisch), gemeinsam schrieben.

Als die Wiederaufnahme der öffentlichen Gottesdienste durch unzureichende Räumlichkeiten einiger Kirchen in Österreich behindert wurde, boten größere Kirchengemeinden des Ökumenischen Rates an, "in großen Gottesdiensträumen anderer Mitgliedskirchen liturgische Feiern abzuhalten". In der Erzdiözese Berlin und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz weitete sich diese "ökumenische Gastfreundschaft" auch auf andere Religionsgemeinschaften aus, die Kirchen oder Räume der Gastgeber mitnutzen durften.

Jäggle erwähnt auch den von Papst Franziskus angeregten interreligiösen Gebetstag am 14. Mai, der allen Betroffenen der Pandemie - gleich welcher Religion - galt. Dieser Gebetsappell des "Hohen Ausschusses für die menschliche Geschwisterlichkeit" war Frucht der Zusammenarbeit zwischen dem Heiligen Stuhl und Vertretern der höchsten sunnitischen Lehrautorität, der Kairoer Al-Azhar-Universität, so Jäggle.

Solidarität und Verbundenheit der Menschheit in der Pandemie war auch die Schlüsselbotschaft führender Imame, Rabbiner, Swamis und Bischöfe - darunter auch der Wiener Kardinal Christoph Schönborn - im Onlineprojekt "Coronaspection", das während der Pandemiezeit Botschaften der Hoffnung verbreitete und von Papst Franziskus mit den Worten bedankt wurde: "Mein Bestreben ist es, dass diese Worte Gutes bewirken und dass sie den Menschen helfen, das Gefühl der weltweiten Brüderlichkeit zu vertiefen, das die gegenwärtige Krise erfordert."

Als Gewährsmann zitiert Jäggle zuletzt den Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER), Gady Gronich. Dieser zeige sich "sehr zuversichtlich, dass dank Corona ein neues Zeitalter im interreligiösen Dialog eintritt, eben weil wir erkennen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen". Da die Probleme und Herausforderungen eigentlich überall die gleichen sind, habe das bereits jetzt auch im Dialog zwischen den Religionen eine neue Dynamik ausgelöst. (KNA)

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