Islamexperte Bülent Ucar: Muslimische Flüchtlinge sind Bereicherung für den Islam in Deutschland

29.12.2015

Der Islamwissenschaftler Bülent Ucar sieht in den muslimischen Zuwanderern eine Bereicherung für den Islam in Deutschland. Der durch die «Gastarbeiter» über Jahrzehnte hinweg stark türkisch geprägte Islam werde durch arabische und kurdische Einflüsse vielfältiger, sagte der Direktor des Instituts für islamische Theologie in Osnabrück.

Viele Flüchtlinge seien in ihrem Glaubensverständnis traditioneller orientiert als hier lebende Muslime. «Aber mehr Pluralität ist doch erst einmal positiv», stellte Ucar klar. «Beide Seiten werden nehmen und geben und sich verändern.» Zudem werde der Einfluss des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der bislang über eine bescheidene Basis verfüge, deutlich wachsen.

Ucar warnte davor, den muslimischen Flüchtlingen von vornherein rückwärtsgewandte oder gar fundamentalistische Ansichten zu unterstellen. Er halte nichts von pauschalen Urteilen, betonte der Experte: «Wir wissen doch tatsächlich noch zu wenig über das Islam-Verständnis der Menschen, die zu uns kommen.» In Syrien habe das Leben in einer multireligiösen Gesellschaft Tradition. Menschen verschiedenster muslimischer und christlicher Konfessionen hätten dort jahrhundertelang mehr oder weniger friedlich miteinander gelebt. «Das ist ein großer Erfahrungsschatz, von dem Deutschland profitieren könnte.»

Die Geflohenen seien die besten Zeugen gegen religiösen Fundamentalismus und neigten deshalb gerade nicht zu radikalen Ansichten, sagte der Professor für Religionspädagogik: «Die Menschen sind traumatisiert. Sie haben gesehen und miterlebt, wozu religiöser Wahn und Fanatismus führen können.»

Zudem ist es nach Ucars Worten Aufgabe des Staates und der Gesellschaft, die Neuankömmlinge zu integrieren und ihnen die demokratischen Grundrechte nahezubringen. Er forderte die Moscheegemeinden auf, daran stärker als bisher mitzuwirken. Sie könnten Flüchtlingen ehrenamtlich helfen, etwa als Dolmetscher bei Amts- oder Arztgängen oder in der Kinderbetreuung. Das sollte in Kooperation mit staatlichen Stellen, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden geschehen.

Es sei wichtig, den Zuwanderern von Anfang an ein Wir-Gefühl zu vermitteln. «Wir müssen ihnen zeigen, dass sie ein Teil des Ganzen sind mit allen Rechten und Freiheiten, unabhängig von ihrer Religion oder Herkunft», verlangte Ucar. Ebenso müssten ihnen gegenüber aber auch «die Leitplanken des Grundgesetzes deutlich formuliert werden». (epd)

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