Hisham Matar; Foto: AP
Hisham Matars Roman ''Geschichte eines Verschwindens''

Anatomie einer Seele

Während sich der libysche Schriftsteller Hisham Matar noch in seinem ersten Roman mit den traumatischen Erfahrungen der Gaddafi-Diktatur für seine Familie auseinandersetzte, beleuchtet er in seinem neuen Roman die Folgen, die das Verschwinden des Vaters für das Leben des zurückgebliebenen Sohnes hat. Von Volker Kaminski

Die Übergangszeit, die Libyen in der Nach-Gaddafi-Ära derzeit erlebt, hat für Hisham Matar eine sehr persönliche Seite: Seit Jahrzehnten im Exil in London lebend, sieht der libysche Schriftsteller plötzlich nicht nur das Ende von Unterdrückung und Diktatur gekommen, sondern auch die Möglichkeit, seinen Vater vielleicht wiederzufinden. 1990 wurde Matars Vater, der Diplomat und Geschäftsmann Jaballa Matar, in seinem Kairoer Exil nach Libyen verschleppt, seitdem ist sein Schicksal ungewiss.

Buchcover Geschichte eines Verschwindens von Hisham Matar
"Hisham Matar gelingt es, die Folgen des Verlustes in all seinen seelischen Aspekten zu zeigen; er betreibt geradezu eine Anatomie der Seele – was auch im Originaltitel des Romans anklingt", schreibt Kaminski.

​​Dabei geht Matar in seinem Roman "Geschichte eines Verschwindens" nicht streng autobiographisch vor. Er erzählt das Leben des vierzehnjährigen Ägypters Nuri el-Alfi, dessen Vater auf einer Geschäftsreise in Genf spurlos verschwindet.

Alles deutet auf eine politische Entführung hin, doch der Fall bleibt unaufgeklärt. Von nun an muss Nuri mit der Tatsache umgehen, dass ihm niemand sagen kann, wo sein Vater ist und ob er überhaupt noch lebt.

Bis zu diesem Zeitpunkt führt Nuri das Leben eines Diplomatensohns. Zu Hause gibt es Bedienstete, eine Hausangestellte kümmert sich aufopferungsvoll um Nuri. Sein Vater hat einen Chauffeur und befindet sich meistens auf Reisen, er hat die Autorität und Distanz eines "großen Mannes".

Der Verlust der Mutter

Und doch sind auch diese Jahre schon von einem Verlust geprägt: Nuris Mutter starb, als er zehn war. Obwohl er die tragischen Geschehnisse jener Nacht miterlebte, als sein Vater sie überstürzt ins Krankenhaus brachte, hat er nie erfahren, woran seine Mutter gestorben ist.

Nuris Trauer um seine tote Mutter währt nicht lange – zu schnell liiert sich sein Vater mit einer neuen Frau, die er bei einem gemeinsamen Urlaub mit Nuri in Alexandria kennenlernt: Mona, eine selbstbewusste junge Frau, die ihren ägyptischen Vater ebenfalls früh verlor und deren Mutter Engländerin ist.

In ihrem gemeinsamen Urlaub besteht zwischen Kamal Pascha und seinem zwölfjährigen Sohn eine Konkurrenz, als wären sie Nebenbuhler im Werben um die schöne Frau. Für einen Zwölfjährigen mag dies ein ungewöhnliches Verhalten sein, doch Nuri erfährt schon früh die ständige Verwirrung seiner Gefühle.

Als Mona und sein Vater kurz darauf heiraten und Nuri nach England auf ein Internat geschickt wird, stürzt er in große Verzweiflung, er quält sich mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber seinem Vater und verzehrt sich in Sehnsucht nach Mona. Er erlebt eine schier unüberbrückbare Einsamkeit, die er durch sein häufiges Schweigen noch zusätzlich verstärkt.

Zerissenes Plakat Muammar al-Gaddafi; Foto: dapd
Traumatische Erinnerung an das Gaddafi-Regime: Hisham Matar, dessen Vater vor zwei Jahrzehnten von libyschen Sicherheitskräften entführt wurde, erzählt in seinem neuen Roman von der Verschleppung eines arabischen Dissidenten.

​​Nuris emotionale Haltlosigkeit und die Entfremdung gegenüber seiner Umwelt ist zu dem Zeitpunkt also schon ausgeprägt, als sein Vater entführt wird. Das Verschwinden des Vaters und die sich anschließende Spurensuche nach den Tätern und Umständen der Entführung spiegeln sich in der Traumatisierung einer beschädigten Seele wider.

Es gelingt Matar, die Folgen des Verlustes in all seinen seelischen Aspekten zu zeigen; er betreibt geradezu eine Anatomie der Seele – was auch im Originaltitel des Romans anklingt: "Antatomy of a Disappearance".

Nicht wirklich angenommen

Nuris Welt erscheint oft leer und grau, er fühlt sich von der Wirklichkeit nicht wirklich angenommen. Anfangs hat er zwar noch die Hoffnung mit Hilfe Monas den Verbleib des Vaters ausfindig zu machen. Sie wenden sich an dessen Anwalt, doch mehr als die äußeren Umstände der Nacht, in der der Vater entführt wurde, kommt dabei nicht ans Tageslicht.

So stellt sich heraus, dass er jene Nacht bei einer Geliebten mit dem vielsagenden Namen "Béatrice" verbrachte. Immer mehr wird Nuri klar, dass er kaum etwas über seinen Vater wusste. Während er langsam erwachsen wird, Schule und das anschließende Studium in London absolviert, begreift er, dass er im Schatten seines Vaters nie einen eigenen Platz gefunden hat.

Gerade die Abwesenheit des Vaters verstärkt in ihm das Gefühl seiner eigenen "zweifelhaften Anwesenheit". Er fühlt sich oft schuldig, als hätte er seinen Vater im Stich gelassen, trägt seine Uhr am Handgelenk und träumt davon das Leben des Verlorenen fortzusetzen.

So ist es nicht verwunderlich, dass er Europa eines Tages den Rücken kehrt und nach Kairo in das Haus des Vaters zurückkehrt, zu den dort lebenden Angestellten und Freunden, um – wie es scheint – in voller Absicht das Leben seines Vaters fortzusetzen: Er sitzt in seinem Arbeitszimmer, probiert dessen noch vorhandene Kleidung an, die ihm allerdings nach den vielen Jahren nicht nur verschlissen, sondern auch seltsam "geschrumpft" vorkommt.

Es scheint, als ob Matar seinem Helden keinen anderen Ausweg aus seiner vakuumartigen Verpuppung gestattet. Doch warum soll Nuri nicht versuchen in Kairo glücklich zu werden und ein Leben auf einer Brücke zwischen den Kulturen zu führen? Hatte doch auch sein Vater eine Vorliebe für europäische Kultur, pries die alten Städte London und Paris und blieb doch als Ex-Minister des ägyptischen Königs immer seinen arabischen Wurzeln treu.

In der Heimat des Vaters kann Nuri jedenfalls am besten die tägliche Hoffnung auf seine Wiederkehr nähren.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2011

Hisham Matar: "Geschichte eines Verschwindens", erschienen im Verlag Luchterhand, Juli 2011, 192 Seiten

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