«Dschihad nein, Zwangsscheidung ja» - Im Islamischen Zentrum Stuttgart sind immer wieder Salafisten zu Gast

15.02.2017

Das Islamische Zentrum in Stuttgart wird nach Ansicht des Verfassungsschutzes von Salafisten geprägt. Der Vorstand des Zentrums bestreitet das. Von Judith Kubitscheck

Es ist kurz nach dem Abendgebet. Im Büro von Scheich Fathy Eid, Imam des Islamischen Zentrums Stuttgart e.V., sind aufgeregte Stimmen zu hören. «Der Imam berät ein Ehepaar, das sich scheiden will, wie das richtige Vorgehen nach islamischem Recht ist», erklärt Abd El Moneim El Damaty, Vorstand des Islamischen Zentrums, der sein Büro direkt neben dem Imam hat.

Der 63-Jährige Einzelkaufmann hat das Zentrum, das sich auch Omar Ibn Al-Khattab Moschee nennt, gegründet. Ein salafistischer Imam und salafistische Tagungen in seinem Zentrum? El Damaty lacht laut auf. «Das Zentrum ist theologisch ganz neutral» und sei offen für alle - regelmäßig fänden dort kirchliche Dialogveranstaltungen statt und Schulklassen kämen zu Führungen, betont er.

Und doch prägen nach Einschätzung des baden-württembergischen Verfassungsschutzes seit einigen Jahren «salafisierte Muslimbrüder, die von saudischen Gelehrten beeinflusst sind», das Islamische Zentrum Stuttgart. Auch Imam Fathy Eid sei dafür ein Beispiel. Er rufe nicht zur Gewalt auf, aber sein Denken, das keine Glaubens- und Meinungsvielfalt kenne, sei problematisch, sagt Benno Köpfer, Islamwissenschaftler beim Verfassungsschutz.

Scheich Fathy Sayed Eid Ibrahim mit grauem Vollbart, einer Gebetsmütze und braunem Gewand lächelt freundlich, gibt zur Begrüßung aber keine Hand. Seine Uhr trägt er rechts, so wie viele Salafisten. Damit orientiert er sich an dem islamischen Propheten Muhammad, der alle Dinge mit rechts getan haben soll.

Laut Vorstand El Damaty ist der ägyptische Gelehrte seit 2012 Imam des Islamischen Zentrums. Der Scheich stammt aus der berühmten Azhar-Universität in Kairo: 1977 machte er den Abschluss an der Fakultät für Scharia und später in vergleichender Rechtswissenschaft und Islamischer Politik. Später baute er für die Azhar in Somalia eine Fakultät für islamische Wissenschaften mit auf, 2010 bis 2014 war er Vorsitzender des «Hohen Rates der Gelehrten und Imame in Deutschland».

Dass Fathy Eid kein Dschihadist ist, aber trotzdem muslimischen «Ungläubigen» wesentliche Rechte abspricht, zeigt sein Buch «Khawaridsch der heutigen Zeit». Dort wendet er sich gegen dschihadistische Organisationen wie den «Islamischen Staat», die er in Anlehnung an eine Sekte aus der islamischen Frühzeit «Khawaridsch» nennt. Sie erklärten «ohne jedes Recht Muslime als Ungläubige, vergießen ihr Blut und eignen sich ihre Länder an», schreibt Eid. Er warnt davor, jeden Muslim leichtfertig als Ungläubigen zu bezeichnen. Das sei nur dann möglich, wenn es dafür aufgrund von Koran und Sunna Beweise gebe.

Wenn ein Muslim vom Islam abfalle, müsse er von seiner Ehefrau getrennt werden, seine muslimischen Verwandten dürften ihn nicht beerben, schreibt Eid. Manche Gelehrten forderten auch, solche Ungläubigen zu töten, bestätigt er im Gespräch auf Nachfrage. Ist er auch der Meinung, dass Apostaten getötet werden dürfen? «Jeder Mensch muss sich für seine Taten vor Gott verantworten», antwortet er mehrdeutig.

Sofort ergänzt Vorstand El Damaty, der den Arabisch sprechenden Imam übersetzt, dass das Gesagte aber nichts mit der Situation in Deutschland zu tun habe. Hier gelte nicht die Scharia, sondern das Grundgesetz, an das sich jeder halten müsse, betont er. Auch zu Tagungen im Zentrum würden nur «gemäßigte Leute, die zu uns passen», eingeladen, so der Vorstand. Wer die Facebook-Seite des Zentrums liest, sieht aber, dass die Gastreferenten fast durchweg aus dem salafistischen Spektrum stammen. Beispielsweise der Ägypter Naschat Ahmad, ein bekannter Scheich mit 38.000 Facebook-Likes, der nicht nur durch die salafistischen Moscheen Deutschlands tourt, sondern auch in Amerika und Kanada schon zu Gast war.

Fathy Eid erzählt, dass alle Prediger der salafistischen Berliner Nur-Moschee schon im Stuttgarter Zentrum Gastredner waren. Die Nur-Moschee ist mehrmals durch menschenverachtende und gewaltverherrlichende Äußerungen von Gastpredigern aus dem Ausland aufgefallen. Laut einem Sprecher der Berliner Senatsinnenverwaltung ist der Trägerverein der Nur-Moschee nicht verboten, aber es sei kein Geheimnis, dass die Diskussion um ein Moscheeverbot im Raum stehe, sagte er auf epd-Anfrage.

Es ist Zeit fürs Nachtgebet. Eine gemischte Gruppe von etwa 30 Männern steht hinter dem Vorbeter. Ein pakistanisch aussehender Mann, ein Jugendlicher mit einer Baseballmütze, ein Mann mit blondem, ungestutzten Vollbart. Sicherlich sind nicht alle Betenden in dieser Moschee Salafisten, manche hat vielleicht ihr Smartphone zur nächsten Moschee navigiert, manche sind froh, hier Arabisch sprechen zu können.

Allerdings muss sich der Verein des Islamischen Zentrums Stuttgart nach Ansicht von Benno Köpfer daran messen lassen, welche Autoritäten er einlädt und an welchen Islam er sich hält. «Das Islamische Zentrum kann eine Station auf dem Weg einer weiteren Radikalisierung sein», sagt er. (epd)

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