Der Fall Asia Bibi – Symbol für die Verfolgung von Christen in Pakistan

12.10.2016

Asia Bibi ist zum Symbol geworden für die Verfolgung von Christen in Pakistan. Vor der Berufsverhandlung am Donnerstag herrscht eine nervöse Anspannung. Radikale Muslime würden einen Freispruch wohl kaum hinnehmen.

Die Berufungsverhandlung vor dem obersten Gericht an diesem Donnerstag ist die vermutlich vorletzte Station des langen Leidenswegs von Asia Bibi. Doch während viele in aller Welt auf einen Freispruch der zum Tode verurteilten Katholikin vom Vorwurf der Blasphemie hoffen, sorgen sich andere um die möglichen Folgen für das islamistische Pulverfass Pakistan. "Dann bricht die Hölle los", ist sich Wilson Chowdry sicher, der Vorsitzende der British Pakistani Christian Association: "Hunderttausende Muslime werden dann in den großen Städten gegen das Urteil protestieren."

Einen Vorgeschmack auf die möglichen Massendemonstrationen gegen Asia Bibi hätten jene mehr als 100.000 Muslime gegeben, die im Februar dieses Jahres wütend gegen die Hinrichtung von Mumtaz Qadri protestiert hatten. "Sie verlangten damals die sofortige Hinrichtung von Asia Bibi", sagt Chowdhry, den Pakistan wegen seines Kampfes für die Rechte der christlichen Minderheit nicht mehr ins Land lässt.

Qadri war ein Leibwächter des Gouverneurs des Punjab, Salman Taseer. Am 4. Januar 2011 war der Polizist einer Eliteeinheit aber zum Mörder seines Schutzbefohlenen geworden. Nach der Bluttat stellte sich Qadri der Polizei. Als Motiv gab er Taseers Kritik am Blasphemiegesetz und dessen Eintreten für Asia Bibi an. Qadri wurde zum Tode verurteilt und am 29. Februar 2016 im Zentralgefängnis von Rawalpindi gehängt. "Qadri gilt seitdem den muslimischen Hardlinern als Märtyrer", berichtet Wilson.

Ursprünglich sollte Asia Bibis Berufungsverfahren auch schon im März stattfinden. Angesichts der aufgepeitschten Stimmung unter den muslimischen Hardlinern nach der Exekution von Qadri wurde der Termin jedoch verschoben. Weder Asia Bibi selbst noch Anwälte, Richter und andere an dem Fall beteiligte Personen wären sicher gewesen.

Riaz Anjum ist Vorsitzender des Pakistan Christian Movement. Von Beruf ist der in Lahore lebende Mann Rechtsanwalt. Aktuell vertritt er Nadeem James. Der 26 Jahre alte Christ aus Gujrat war vor wenigen Monaten von einem muslimischen Freund wegen Blasphemie angezeigt worden. Der Vorwurf: James habe über WhatsApp ein despektierliches Gedicht über den Propheten Mohammed verschickt. "Seit ich James vertrete, erhalte ich Drohungen. Unbekannte verlangen die Einstellung der Verteidigung", sagt Anjum der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Christen sind eine in Pakistan verfolgte und diskriminierte Minderheit. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, in Behörden, Ministerien und Parlamenten unterrepräsentiert und von Bildungsmöglichkeiten so gut wie ausgeschlossen. Das gelte auch für die privaten katholischen Schulen, klagt Anjum.

Die große Mehrheit der Christen sei bitterarm und lebe in den Slums von Karachi, Hyderabad, Rawalpindi und Islamabad. "Sie können sich das Schulgeld der privaten Schulen nicht leisten. Deshalb sind 90 Prozent der Schüler in den christlichen Lehranstalten Muslime." Viele Familien der wohlhabenden christlichen Elite seien vor der Unterdrückung und Verfolgung geflohen, berichtet der Anwalt: "So fehlen den armen Christen Führungspersönlichkeiten, die für ihre Rechte kämpfen könnten."

Pakistan befindet sich im Würgegriff radikaler und terroristischer Netzwerke, über die nach Ansicht internationaler Terrorexperten der militärische Geheimdienst ISI seine schützende Hand hält. Das lässt nichts Gutes für Asia Bibi ahnen. Würde das Todesurteil bestätigt, würden viele Islamisten jubeln. Pakistans Präsident aber würde das Urteil schlaflose Nächte bereiten. Denn Amtsinhaber Mamnoon Hussain würde über ein Gnadengesuch der Katholikin befinden müssen - als allerletzte Möglichkeit, dem Tod am Strang zu entgehen.

Würde Asia Bibi aber freigesprochen, ginge das Leiden für sie und ihre Familie trotzdem weiter. "Innerhalb weniger Tage wird sie dann ins Exil in ein westliches Land gehen müssen", ist Chowdhry überzeugt: "Aber wie Salam Rushdee wird sie in ihrem ganzen Leben nirgendwo mehr sicher sein. Die radikalen Islamisten sind überall am Werk." (KNA)

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