Beauftragter Grübel: Religion gehört zum Menschsein dazu

01.01.2019

Seit 2018 hat die Bundesregierung einen eigenen Beauftragten für Religionsfreiheit. Im Gespräch mit Corinna Buschow und Mey Dudin berichtet Markus Grübel (CDU), was sein Ziel ist, warum ihn der Nordirak besonders beschäftigt und wie er auch mit umstrittenen Islamverbänden in Deutschland umgehen will.

Herr Grübel, seit gut acht Monaten sind Sie Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit. Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?

Markus Grübel: Ich will dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit zum Recht verhelfen. Das heißt, Bewusstsein zu bilden, dass Religionsfreiheit ein fundamentales Menschenrecht ist, das leider in viel zu vielen Ländern missachtet wird. Bundesregierung, Parlament und auch Wirtschaft müssen dabei helfen, diesem Recht Raum zu verschaffen.

Mit dem Rückgang etwa der Bindungskraft der Kirchen in Deutschland könnte man annehmen, Religion ist allgemein eher auf dem Rückzug. Warum braucht es Sie, um dieses Recht zu betonen?

Grübel: Zum Menschsein gehört für die meisten Menschen die Religion. Religionsfreiheit hängt auch eng zusammen mit Meinungsfreiheit: sich bekennen zu können oder eben auch gerade das nicht zu tun, den Mund zu halten, keine Religion zu haben. In der Politik hat es auch deswegen einen höheren Stellenwert bekommen, weil wir zum Beispiel in der Entwicklungszusammenarbeit sehen, dass der Dialog mit Religionsführern mitunter genauso wichtig ist wie der Dialog mit Politikern. Viele Konflikte und Kriege entwickeln sich entlang der Religionszugehörigkeit, Religion kann als Brandbeschleuniger wirken für Krisen. Der Einsatz für Religionsfreiheit und den interreligiösen Dialog kann vorbeugend wirken, vielleicht sogar, um Kriege zu verhindern.

Was kann Deutschland allein denn überhaupt bewirken?

Grübel: Wir brauchen einen Vielklang derer, die hinschauen und aufschreien. Es ist wichtig, Bündnisse zu schließen. Das ist natürlich auch die Europäische Union. Die künftig 27 Länder müssen gemeinsam auftreten. Dann hat das auch eine gewisse Durchschlagskraft.

Welches Thema hat sie in den ersten Monaten im Amt am stärksten beschäftigt?

Grübel: Der Nordirak. Wir fragen uns intensiv, was wir tun können, um Christen und Jesiden dort wieder ein kirchliches oder religiöses Leben zu ermöglichen. Ich möchte mich nicht damit zufrieden geben, dass die Landkarte des Nordiraks dauerhaft vom IS gezeichnet ist, der Jesiden und Christen vertrieben hat. Im Februar will ich wieder in die Region reisen und schauen, wie sich das Leben in der Nineve-Ebene und dem Sindschar-Gebirge entwickelt hat. Ich will, dass Christen und Jesiden dort wieder leben können - in Sicherheit und mit einer materiellen Grundlage. Den Menschen dort wurde alles genommen. Sie brauchen Baumaterial, Saatgut, landwirtschaftliche Maschinen, Handwerkszeug, damit sie wieder eine Existenz aufbauen können.

Können Sie sich denn vorstellen, dass Christen und Jesiden in absehbarer Zeit wieder dorthin zurückkehren können?

Grübel: Christen sind sogar schon zurückgekehrt. Die Jesiden sind eher zurückhaltend. Sie bleiben in ihren Lagern in Erbil, Dohuk und warten ab. Sie trauen dem Frieden nicht und überlegen auch, nach Europa zu gehen oder nach Nordamerika, in die USA oder Kanada. Das wäre aus meiner Sicht eine Tragödie, weil in der Diaspora so eine Religion nur schwer überleben kann. Die Weltgemeinschaft sollte den Jesiden die Möglichkeit geben, wieder in ihre angestammten Siedlungsgebiete zurückzukehren. Sonst bleibt dort nur das Heiligtum mit Baba Sheikh, das von Kurden bewacht wird, aber nicht viel drum herum. Dann gäbe es eine Stätte, wo man einmal im Leben hinfährt, aber kein Siedlungsgebiet.

Während Christen in Deutschland friedlich leben können, werden sie in anderen Ländern verfolgt oder unterdrückt. In welche Länder blicken Sie besonders besorgt?

Grübel: Überall dort, wo die Christen in der Minderheit sein, müssen sie vorsichtig sein. Ich halte wenig von einem Ranking, wie es etwa die Organisation Open Doors jährlich veröffentlicht. Ich sorge mich um Christen in vielen Ländern: China, Indien, Pakistan, Irak, Syrien, Ägypten. Wir hatten in der Vergangenheit Anschläge an Weihnachten. Die Gefahr ist dann besonders hoch, weil sich viele Menschen in den Kirchen versammeln. Mit dieser Gefahr muss man rechnen. Jemand in Deutschland kann kaum ermessen, wie es ist, im Weihnachtsgottesdienst nie sicher zu sein, den Blick immer zur Tür zu haben, um zu sehen, wer reinkommt.

In diesem Jahr müssen Sie Ihren ersten Bericht zur Lage der Religionsfreiheit weltweit vorstellen. Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Grübel: Den Bericht erstelle ich in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt, und wir möchten alle relevanten zivilgesellschaftlichen Organisationen beteiligen. Natürlich gehören auch die großen und kleinen Religionsgemeinschaften dazu. Bei der Auswahl von Vertretern der muslimischen Gemeinschaft werde ich mich wahrscheinlich am Teilnehmerkreis der Deutschen Islamkonferenz des Bundesinnenministeriums orientieren.

Also ist auch der umstrittene Türkei-nahe Verband Ditib für Sie ein Ansprechpartner?

Grübel: Ditib ist ein relevanter Gesprächspartner, weil die türkischstämmigen sunnitischen Muslime vor allem in die Moscheen dieses Verbands gehen. Daher sollten wir Ditib einbinden. Natürlich sehe ich kritisch, wie nah die Organisation dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei steht. Aber Ditib ist auch die mitgliederstärkste islamische Organisation in Deutschland.

Um die Religionsfreiheit in der Türkei ist es umgekehrt nicht zum Besten bestellt. Wie wollen Sie damit im Gespräch mit Ditib umgehen?

Grübel: Wer zu mir kommt, der braucht sich nicht wundern, wenn ich auch die Situation im Heimatland anspreche.

Wann wird Ihr Bericht fertig sein?

Grübel: Wir haben einen ersten Entwurf für die Gliederung des Berichts erarbeitet. Derzeit sind wir in der Phase der Abstimmung dieser Gliederung mit dem Auswärtigen Amt. Ein wichtiger Teil des Berichts wird in der Zusammenarbeit mit den deutschen Botschaften entstehen. Dann geht es um die Beteiligung der Zivilgesellschaft, und am Schluss steht die harte Arbeit der Redaktion und der Ressortabstimmung.

Das heißt, der Bericht wird noch einmal geschliffen?

Grübel: Es gibt auf jeden Fall einen Bericht, den auch anderen Ressorts lesen und Änderungsvorschläge machen. Das bedeutet aber nicht, dass der Bericht «geschliffen» wird. Vielmehr handelt es sich dabei um den ganz normalen Prozess der Ressortabstimmung, der bei allen Berichten erfolgt, die im Namen der Bundesregierung erstellt werden.

Wird der Bericht einen bestimmten Schwerpunkt haben?

Grübel: Der Bericht wird einen länderspezifischen Ansatz haben, wie im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Darüber hinaus möchten wir inhaltliche Schwerpunkte setzen. Das könnte beispielsweise die Frage der Bildung, der gleichen Chancen für Schüler aller Religionen sein. Es ist auch interessant, zu beleuchten, wie soziale Medien Religionsfreiheit befördern oder durch Anfeindungen beschränken können. Und auch das Thema Konversion könnte ein zentrales werden. Das Recht zum Wechseln oder Ablegen eines Religionsbekenntnisses ist der klassische Lackmustest für die Religionsfreiheit. (epd)

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